Berlinale startet - Ein Festival setzt Zeichen in Zeiten der Krise

Do 16.02.23 | 19:00 Uhr | Von Knut Elstermann
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Video: rbb24 | 16.02.2023 | Alice Kuropka

Die internationalen Stars sind zurück auf dem roten Teppich, das Festival läuft wieder im Regelbetrieb. Doch die Weltlage ist seit der letzten Berlinale bedrohlicher geworden. Das politischste der großen Filmfestivals muss noch direkter darauf reagieren. Von Knut Elstermann

Die Lage im Iran und in der Ukraine - die Welt hat sich seit der vergangenen Berlinale radikal verändert. Der Jahrestag der russischen Aggression am 24. Februar fällt genau in diesen Zeitraum. Diskussionen, Solidaritätsaktionen und konkrete Hilfsmaßnahmen für ukrainische Filmschaffende werden diesen Jahrgang prägen, vor allem aber werden Filme über den Krieg in fast allen Sektionen zu sehen sein.

Ukrainekrieg spiegelt sich Berlinale-Beiträgen

Oscarpreisträger Sean Penn reiste vor einem Jahr in die Ukraine, um ein Porträt über den Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu drehen. Dort wurde er vom Kriegsausbruch überrascht. Er entschloss sich zu bleiben, änderte umgehend sein Konzept und drehte nun einen völlig anderen Film. Sean Penn fuhr durch das Land, sprach mit Kämpfenden, mit Kriegsopfern und Geflüchteten. Er fragte sich selbstkritisch, warum er, wie viele andere, die Augen so lange vor der russischen Kriegsvorbereitung verschlossen hielt. Die Premiere seines Films "Superpower" als Berlinale Special Gala wird sicher zu den Höhepunkten des Festivals gehören.

Aber auch weniger spektakuläre, dokumentarische Projekte vermitteln einen Eindruck vom Leben im Krieg. Die polnischen Regisseure Piotr Pawlus und Tomasz Wolski fuhren bei Kriegsausbruch in die Ukraine und hielten Bilder des Alltags fest: neben einer Bushaltestelle explodierende Bomben, schutzsuchende Familien in den U-Bahnstationen, zerstörte Wohngebiete. "In Ukraine" erlebt im Forum der Berlinale seine Premiere. Während in der Welt ein Gewöhnungseffekt eintritt, holen die Filme die Opfer der Aggression in unser Blickfeld zurück.

Der iranische Film hat Tradition bei der Berlinale

Traditionell war Berlin immer ein guter Ort für die iranische Filmkunst. Filme von Asghar Farhadi (2011 Goldener Bär für "Nader und Simin – Eine Trennung") und Mohammad Rasulof (2020 Goldener Bär für "Doch das Böse gibt es nicht") wurden hier gefeiert und gingen von der Berlinale aus um die Welt. Der gerade auf Kaution freigelassene Regisseur Jafar Panahi, im Iran mit Arbeitsverbot belegt, wurde in Abwesenheit 2015 mit dem Goldenen Bären für seinen illegal gedrehten Film "Taxi Teheran" geehrt.

Berlinale Infos

Die mutigen Massenproteste gegen das iranische Regime, die täglichen Verletzungen der Menschenrechte, der blutige Terror gegen die eigene Bevölkerung werden das zweite große Thema dieser Berlinale sein.

So setzt die Perspektive Deutsches Kino, unter der neuen Leitung von Jenni Zylka, gleich mit ihrem Eröffnungsfilm ein berührendes Zeichen: "Sieben Winter in Teheran". Mit zum Teil undercover gedrehtem Material zeichnet die deutsche Regisseurin Steffi Niederzoll den Kampf von Reyhaneh Jabbari um ihr Leben nach. Die junge, iranische Frau saß sieben Jahre im Todestrakt, nachdem sie in Notwehr einen Vergewaltiger getötet hatte. Dieser Film erinnert gerade in diesen Tagen auch an all jene, die im Iran von der unmenschlichen Todesstrafe bedroht sind. Die Schauspielerin Shole Pakravan wird bei dieser Berlinale zu Gast sein und über das kurze, mutige Leben ihrer Tochter Reyhaneh Jabbari sprechen.

Der französische Animationsfilm "La Sirène" erzählt von einem Jungen, der in der bombardierten irakischen Ölmetropole Abadan versucht, Menschen zu retten. Der poetische Film nimmt die Zuschauer mit in die Zeit des iranisch-irakischen Krieges. Mit der sehr beliebten Panorama-Sektion verleihen radioeins und rbb-Fernsehen auch in diesem Jahr wieder den renommierten Publikumspreis für den besten Spielfilm und den besten Dokumentarfilm.

Mit John Malkovich, Cate Blanchett, Helen Mirren, Anne Hathaway und Willem Dafoe haben sich in diesem Jahr internationale Stars angekündigt. Den Ehrenbären für sein Lebenswerk erhält Steven Spielberg.

Dennoch: Diese 73. Berlinale findet in schwierigen Zeiten statt, und das nicht nur auf politischer Ebene. Die Krisen schlagen durch, angestammte Festival-Orte wie der Potsdamer Platz veröden. Es gibt dort kaum noch Kino-Leinwände, auch das Cinemaxx, sonst ein beliebter Treffpunkt für das Publikum, steht für die Öffentlichkeit nicht mehr zur Verfügung. Ein stolzer Kartenpreis von meist 15 Euro pro Vorstellung dürfte in Zeiten der Inflation für viele Kinofans eine große Herausforderung bedeuten.

Filme mit literarischen Bezügen und tiefen Konflikten

In den Hauptwettbewerben sind viele unterschiedliche Handschriften und Sichtweisen vereint, darunter Filme aus Mexiko, Spanien und Portugal, Dokumentar- und Animationsfilme. Die Jury unter Kristen Stewart wird bekannte Regisseure wie Philippe Garell ("Le grand chariot" aus Frankreich) und Debütanten wie Celine Song ("Past Lives") zu bewerten haben. In vielen dieser Filme geht es um Familiengeschichten, um das Erbe, das uns ein Leben lang prägt, um tiefe Konflikte, aber auch um den Schutz, um die Geborgenheit. Berlin wird ein Fest des Arthouse-Films in seiner ganzen Vielfalt.

Deutschland stark vertreten im Wettbewerb

Allein im Hauptwettbewerb werden auch fünf deutsche Produktionen zu sehen sein. Viele dieser Filme haben in diesem Jahr einen literarischen Bezug. Emily Atef verfilmte den Bestseller der Leipziger Autorin Daniela Krien, ihr Romandebüt "Irgendwann werden wir uns alles erzählen". Mit dieser sommerlichen Liebesgeschichte in der ehemaligen DDR, in der Zeit des großen Umbruchs, der Hoffnungen und der Unsicherheit, kommen dann auch seltene, ostdeutsche Perspektiven auf die Berlinale-Leinwand.

Margarethe von Trotta erzählt eine der großen literarischen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts in "Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste". Ingeborg Bachmann und Max Frisch, zwei junge, internationale Stars der Kulturszene, begegnen sich im Sommer 1958 in Paris. Es folgen vier Jahre einer großen Liebe und einer offenen Beziehung, eine Zeit voller Streit, Eifersucht und Leidenschaft.

Vom Leiden eines Autors erzählt Christian Petzold, der schon zum fünften Mal auf der Berlinale ist. Mit einigen seiner bevorzugten Darsteller wie Paula Beer und Matthias Brandt setzt er seine Trilogie über die Liebe fort. Nach "Undine" (Silberner Bär 2020 Paula Beer) kommt jetzt "Roter Himmel". In einem Sommerhaus an der Ostsee schreibt der Autor (gespielt von Thomas Schubert) verzweifelt am zweiten Buch, das immer das Schwerste ist. Dieses Beziehungsdrama, zugleich die Tragödie von blockierter Kreativität, steht vor einem Himmel, der sich rot färbt: Ein großes Feuer naht in diesem Sommer der existenziellen Erfahrung.

Woche der Kritik bietet noch mehr Programm

Im Forum der Berlinale macht sich der Dokumentarfilm-Meister Volker Koepp auf eine literarische Suche. Er erkundet in "Gehen und Bleiben" die Lebensspuren des Schriftstellers Uwe Johnson, des Schöpfers des großen Zyklus "Jahrestage". Ein dreistündiger Film, der literarische Landschaften und die Menschen, Geschichten, Erfahrungen und Inspirationen in eine anregende Beziehung bringt, wie sie nur Koepp erschaffen kann.

In dem ebenfalls dreistündigen Filmessay "Jeder schreibt für sich allein" fragt Dominik Graf höchst differenziert nach der Rolle von Autoren in der Nazi-Zeit, nach der Verantwortung des Schriftstellers und wirft dabei sehr aktuelle Fragen auf: Wie bewertet man das damalige Schaffen aus dem Wissen von heute? Kann man Werk und Autor trennen? Wie gehen wir um mit Schuld und Verstrickung? "Jeder schreibt für sich allein" läuft in der flankierenden Reihe "Woche der Kritik", die nicht zum offiziellen Programm der 73. Berlinale gehört.

Es könnte jedenfalls nicht nur eine sehr politische, sondern auch eine literarische Berlinale werden.

Sendung: rbb24, 16.02.2023, 13:00 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

17 Kommentare

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  1. 17.

    Der/die Preise sollten nicht entwertet werden, wenn einem an der Berlinale was liegt. Auf keinen Fall sollte ein Ukraine- oder Iran-Gewinner vorher feststehen, sondern sich ehrlich durchsetzen.

  2. 14.

    da gebe ich Ihnen Recht- auch das Selenksy dort per Video zugeschalten war verstehe ich nicht

  3. 13.

    "Ich hoffe sehr, dass es im nächsten wieder lebendiger am Potsdamer Platz wird. " - echt jetzt, der Potsdamer Platz lebendiger = Hihihihihi!!!
    Wohlmöglich zwischen 10:13 bis 11: 51 Uhr Dienstags und Donnerstag und an jedem 10ten Sonntag des Jahres.
    Oder ausschlisslich zur Berlinale?
    Berliner werben für/um die Welt, danke!!!

  4. 12.

    Hallo Robin, diesen traurigen Umstand kann man der Berlinale-Leitung nicht anlasten. Das Cinestar am Potsdamer Platz ist schon länger geschlossen, das CinemaxX wird gerade aufwendig umgebaut, deshalb gibt es dort in diesem Jahr keine Publikumsvorführungen. Ausweich-Kino ist unter anderem das Cubix am Alex. Ich hoffe sehr, dass es im nächsten wieder lebendiger am Potsdamer Platz wird. Beste Grüße Knut Elstermann

  5. 11.

    Die Hälfte der Bären wird doch aus Solidaritätsgründen an die Ukraine verschenkt, wetten?

  6. 10.

    Schön das Sie sich bei einen so interessanten Berlinale-Beitrag derart unterbringen können, zumal völlig ohne Bedeutung oder Wichtigkeit.
    Sinnlos Aufregen geht nur bei Sachen die man bzw. die sich nicht ändern kann.
    Für mich z.B. wie schnell sich die Erde dreht (zu schnell finde ich), Vulkanausbrüche und Erdbeben.
    Aber Fremd-Kommentare gehören nicht dazu, zumal kein Kommentar sinnlos ist.

  7. 9.

    Keine Aufregung ist sinnlos, auch Deine nicht (wenn es denn dann gestattet sei das so zu deuten).
    Und rück doch mal mit möglichen Kontaktdaten zur Berlinale-Leitung raus!
    Dann bist mit Abstand mein Bester.

  8. 8.

    Ich stehe ja auf die unterhaltsamen Klassiker, die im Rahmen eines solchen Festivals gezeigt werden.
    Ich freue mich, dass die Sektion "Hommage" dieses Jahr Steven Spielberg gewidmet ist, da ist von Indiana Jones bis 'Schindlers Liste' alles mit dabei.
    Weitere Highlights für mich: 'Und täglich grüßt das Murmeltier', 'Ferris macht blau', 'Rumble Fish' und '100 Years of Disney Animation - A Shorts Celebration'.

    Ich würde schon sagen, dass bei der Berlinale für nahezu jeden Geschmack etwas dabei ist.
    Man muss halt erst mal das Programm studieren, so viel Eigeninitiative ist dann leider doch notwendig, es gibt meines Wissens noch keinen Berlinal-O-Mat. ;-)

  9. 7.

    Fragen Sie die Berlinale-Leitung wie es dazu kam anstatt sich hier sinnlos aufzuregen.

  10. 6.

    Ich finde es toll das die Berlinale immer politischer wird, und einen die moralische Richtung weist.

    Aber zum Kommentar - liegt eventuell daran das Hierzulande wohl keiner politische Persönlichkeiten (Schauspieler) aus dem Gebiet der Kurden, Jeziden, Jemeniten, Iraker, Palästinenser usw. kennt.
    Und was sollte da Unterstützung mit Panzern (und eventuell Kampf-Jets) bringen?
    Liegt vielleicht auch daran das es keinen wirtschaftlichen Nutzen für Europa bringt.

  11. 5.

    Das hängt wohl eher damit zusammen das dieser Mensch eigentlich Schauspieler ist! Passt doch!

  12. 4.

    Warum darf Wolodymyr Selenskyj sich mit einer Videobotschaft bei der Eröffnung an das Publikum wenden, nur weil es gegen Russland geht?
    Wo waren / bleiben die Videobotschaften von Vertretern der Kurden, Jeziden, Jemeniten, Iraker, Palästinenser usw.?
    Solidarität gibt es nur wenn der Agressor Russland ist. Die Opfer von Drohnenangriffen / Angriffskriegen der USA, Türkei usw. werden wie immer ausgeblendet.

  13. 3.

    Die Großartigkeit dieses Festivals ist unbestritten was die Beiträge anbelangt.
    Aber ich empfinde es mehr und mehr anstrengend was alles öffentlich/medial blau-gelb hinterlegt ist.
    Kaum wird da ein gewisser Präsident angekündigt, steht der Rest der Welt auf (bis auf ein Land) und applaudiert.
    Nur einfach weil es sich so gehört, auch ohne Überzeugung.

  14. 2.

    Mir war garnicht bewusst dass man auch das Cinemaxx rausgelöst hat.
    Der Potsdamer Platz wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Berlinale ausgerichtet und nun hat man dort alles wegrationalisiert, außer den Berlinalepalast? Sind das die Ergebnisse der Arbeit der neuen Führungsspitze? Damit macht man die Berlinale doch einfach nur kaputt. Berlinale war ein Ort der Begegnung, so ist es einfach nur ein Festival auf dem durchgeschleust wird.

  15. 1.

    Die Berlinale ist nun endgültig zum linksgrünen „Festival für Agitation und Propaganda“ transformiert. Erinnert mehr und mehr an die deutschtönende Wochenschau im XXL-Format.

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