Kinokunst - Berlinale-Filmtipps für Hartgesottene

Die Berlinale hat den Ruf, viel anstrengendes, schwieriges Kino zu zeigen. Das stimmt - aber warum sollte Kunst auch immer leicht zu konsumieren sein? Fabian Wallmeier empfiehlt vier harte, aber lohnende Brocken.

Our Madness (João Viana; Forum)

Eine Frau entkommt aus einer geschlossenen Psychiatrie in Maputo, Mosambik. Sie sucht ihren Sohn und ihren Mann. Was nach einer klar erzählten Fluchtgeschichte klingt, ist in João Vianas Film alles andere: In Schwarz-Weiß setzt "Our Madness" an zu einer Reflexion über das Wesen des Irrsinns, Mystik, die Unterdrückung des afrikanischen Kontinents - mit gedanklichen Abstechern nach Auschwitz und zur Bedeutung des Kinos. Viana lässt seine Figuren immer wieder zu Standbildern erstarren, zeigt in perfekt choreographierten Tableaus sowohl Verstörendes als auch in aller Stilisiertheit Bildschönes. Etwas Humor blitzt auch immer wieder auf. Ein Regisseur, der ganz genau weiß, welche Bilder er zeigen will - und es über weite Strecken den Zuschauern überlässt, zu entscheiden, was er dabei erzählen will.

17.02. 19:00 Uhr Zoo Palast 2

18.02. 12:30 Uhr Kino Arsenal 1

19.02. 16:30 Uhr CineStar 8

25.02. 20:00 Uhr Delphi Filmpalast

Aggregat (Marie Wilke; Forum)

Politik ist nicht gerade sexy – schon gar nicht in einer Zeit, in der das monatelange Ringen um eine neue Bundesregierung hinter uns liegt. Marie Wilke zeigt in ihrer Doku, wie zermürbend der Politikbetrieb sein kann. Sie hat dabei nicht die großen Player im Blick, sondern das Klein-Klein der Politikvermittlung. Unkommentiert und mit Schwarzblenden voneinander getrennt, zeigt sie Szenen von harter Tristesse: Parlamentsmitarbeiter kommen unterwegs im Bundestagsmobil in Engkontakt mit Wutbürgern. Ein schwarzer Abgeordneter besucht im Rahmen eines Drehs an der Basis eine Kleingartenkolonie und beantwortet stoisch die plumpen Fragen zu seiner Herkunft und Hautfarbe. Politiker stellen sich wacker den zermürbenden Diskussionen im von Arbeitslosigkeit gebeutelten Heimatkreis. Begeisterung für den Politikerberuf kommt bei der Betrachtung nicht auf – aber großer Respekt für die Menschen, die ihn trotz allem ergreifen.

20.02. 19:00  Uhr CineStar 8

21.02. 20:00 Uhr Colosseum 1

24.02. 20:00 Uhr Kino Arsenal 1

25.02. 16:30 Uhr Akademie der Künste

Drvo (André Gil Mata; Forum)

Eine Dreiviertelstunde fällt kein Wort - und bis auf die letzten zehn Minuten wird es auch nicht viel dialogreicher. Ein alter Mann macht sich nachts auf den Weg, um Wasser zu holen. Eine lange Stange hat er sich übers Kreuz gelegt, daran hängen Glasflaschen. Ihr Klirren, sein Schnaufen und das Knirschen seiner Schritte im Frost bestimmen den Film. Im Hintergrund blitzt es immer wieder auf, Gewehrsalven sind zu hören. Nach der Hälfte wechselt die Perspektive - ein kleiner Junge ist nun der Protagonist, er streift durch ein zerstörtes Dorf. Der Portugiese André Gil Mata hat "Drvo" in Bosnien angesiedelt, aber alle Eindeutigkeiten in der Anlage vermieden. Was die beiden Protagonisten antreibt und letztlich verbindet, ist von universeller Kraft. Ein karger Film, der den Willen zur Kontemplation verlangt und mit konsequenter Reduktion beeindruckt.

21.02. 21:30 Uhr Delphi Filmpalast

23.02. 15:00 Uhr Kino Arsenal 1

24.02.  19:15 Uhr CineStar 8

25.02. 22:00 Uhr CinemaXx 4

An Untimely Film for Every One and No One (Ayreen Anastas, Rene Gabri; Forum Expanded)

Wer selbst das Forum zu leicht konsumierbar findet, kann im Forum Expanded glücklich werden. Da laufen die noch experimentelleren Filme, teils sind es auch mehr Installationen als Filme. "An Untimely Film for Every One and No One" fußt auf einer Reise von Ayreen Anastas durch Nordafrika im Jahr 2007. Sie sammelte Material für eine Filmadaption von Nietzsches "Also sprach Zarathustra". Jetzt, nach dem arabischen Frühling und der großen Fluchtbewegung, stellt sie das Material in andere Zusammenhänge. Mit einer klassischen Doku hat das Ergebnis wenig zu tun – es handelt sich vielmehr um eine sehr freie filmische Form, in der das Durcheinander zum Prinzip wird: Es werden etwa beschriebene Buchseiten abgefilmt, der Philosoph Jean-Luc Nancy doziert und interagiert mit Anastas, Bild und Ton stehen einander teilweise entgegen. Harte Kost, die sich dem unmittelbaren Verstehen oft verschließt, aber assoziativ zum Nachdenken anregt.

21.02. 20:00 Uhr Kino Arsenal 1

Und noch ein Nachklapp von Filmkritikerin Ula Brunner: "Infinite football" (Corneliu Porumboiu, Forum)

"The Ball has to be Free", die Revolution des Fußballs – nichts weniger ist das Lebensziel des Bukarester Stadtangestellten Laurențiu Ginghină, seit er sich beim Fußball schlimm verletzt hat. Doch warum sollte man nicht die Regeln dieses schönen Spiels so verändern, dass es anmutiger, entspannter wird? All das erzählt er seinem Freund, dem Regisseur Corneliu Porumboiu, mit dem er die Begeisterung für das runde Leder wohl gemeinsam hat.

In einem kammerspielartigen Setting entwickelt der Protagonist seine Thesen über die Variationsmöglichkeiten der Fußballreglements. Dabei mäandert er gleichzeitig durch sein Leben: über Grundbucheintragungen, Orangenplantagen in Florida, politische Utopien, biblische Wortneudeutungen, Absurditäten des rumänischen Alltags bis hin zu universellen Fragen. Und obwohl Ghinginas Ausführungen immer ausschweifender werden, kehrt er so konzentriert und zuverlässig immer wieder zu ihrem runden Kern zurück, dass wir uns fragen, ob das tatsächlich nun ein Dokumentarfilm ist oder doch geschriebene Monologe. "Football Infinite": ein lakonischer philosophischer Essay, der nicht nur hartgesottene Fußballfans unterhält.

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