Filmtipps | Dokus auf der Berlinale - Wenn der Muezzin sogar Quentin Tarantino übertönt

Drei sehenswerte Berlinale-Dokus: Im Sudan wollen vier Herren ein Kino eröffnen, in Varna bangen die Einwohner um ihr kostenloses Thermalbecken mit Meerblick - und in Berlin erzählen Menschen vom einen entscheidenden Moment ihres Lebens. Von Fabian Wallmeier

Ein Thermalbecken an der Schwarzmeerküste

37 Grad warm ist das Wasser in der Grube. Die Bezeichnung "Grube" ist allerdings eine gewaltige Untertreibung. Denn was die Menschen in Varna so lapidar bezeichnen, ist eigentlich ein echtes Juwel: ein Thermalbecken direkt an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Hier blickt man auf die Wellen, hat es zu jederzeit schön warm – und das ganz kostenlos. Doch damit könnte es bald vorbei sein – der Grube drohen der Verkauf und damit hohe Eintrittspreise. Die könnten sich die Rentner, die hier tagein tagaus sitzen, nicht mehr leisten. Ein gemächlicher Widerstand kommt auf.

Für "Die Grube" (Perspektive Deutsches Kino), ihren Abschlussfilm an der Filmuniversität in Potsdam, ist Hristiana Raykova zurück in ihre Heimatstadt Varna gegangen. Sie hat in ihrem Dokumentarfilm einen Mikrokosmos eingefangen, den man sich schöner nicht ausdenken könnte: Da ist der knorrige Alexander, der am Becken Mundharmonika spielt und von seiner Zeit als Bassist in einer Tischkapelle schwärmt. Ein anderer älterer Stammbesucher (es sind zu mindestens 80 Prozent Männer, die sich hier treffen) hat ständig neue Freundinnen. Und dann ist da noch Bobi, der erst abends kommt, wenn die meisten anderen Stammgäste längst zu Hause sind. Dann nämlich werden Strand und Grube zur Cruising-Area für Schwule. Ein beachtlicher und warmer Film, der beobachtet, ohne zu werten.

13.02., 19.00 Uhr, CinemaxX 3

14.02., 12.00 Uhr, Colosseum 1

14.02., 20.30 Uhr, CinemaxX 1

Der eine Moment, der alles entscheiden kann

Uli M Schueppel lässt in "Der Atem" (Panorama) Berlinerinnen und Berliner von entscheidenden Momenten in ihrem Leben berichten. Viele davon sind traumatisch: Eine Frau erzählt etwa vom plötzlichen Kindstod ihres Säuglings, ein Standverkäufer erinnert sich an den Terroranschlag auf den Breitscheidplatz. Aber es sind auch prägende positive Momente darunter: Ein Vater erzählt von der Geburt seiner Tochter, eine Sexarbeiterin von der freudigen Gespanntheit, bevor ihr erster Freier an die Tür klopfte.

Eingerahmt sind die Erzählungen von den Atemgeräuschen der Protagonistinnen und Protagonisten. Sie geben dem Film seinen ruhigen Rhythmus vor und geben den Zusehenden die Möglichkeit, kurz innezuhalten. Schueppel drängt sich den Berichtenden nicht auf, zoomt nicht an ihre Tränen heran, während sie erzählen. Vielmehr kommen ihre Berichte aus dem Off, während sie im On schweigen. Schueppel fängt in edel aussehendem grobkörnigem Schwarz-Weiß Nachtszenen aus den unterschiedlichsten Ecken der Stadt ein, die Protagonisten sind dabei im Bild oft nicht mehr die Hauptattraktion.

Das schafft zum einen eine für beide Seiten gesunde Distanz zu den sehr persönlichen Erzählungen. Zum anderen wird durch die Aneinanderreihung der teils ins Abstrakte gleitenden Stadtansichten, der unterschiedlichen Perspektiven auf Berlin, erst das größere Ganze erkennbar: Berlin hält in seiner Roheit und in seiner Vielgestaltigkeit ein ganzes Universum aus Schicksalen, Geschichten, Glück und Unglück zusammen. Diese Erkenntnis ist zwar banal, aber selten so ästhetisch und vielschichtig in einen Dokumentarfilm gegossen worden.

13.02., 21.30 Uhr, Zoo Palast 1

14.02., 12.30 Uhr, CinemaxX 7

15.02., 22.00 Uhr, Colosseum 1

16.02., 20.00 Uhr, International

Der Traum vom Kino im Sudan

In "Talking about Trees" (Panorama) von Suhaib Gasmelbari haben vier ältere Männer im Sudan einen Traum: Sie wollen ein Kino eröffnen. Denn die Film- und Kinolandschaft ihres Landes liegt brach. Kriege und Krisen haben das Land erschüttert, Filme werden nur noch in schlechter Qualität auf DVDs oder auf dem Handydisplay gesehen. Die ehemaligen Kinos stehen leer und verfallen. Doch die vier wollen das Gemeinschaftserlebnis zurückholen: mit Freunden und lauter Fremden zusammen sich einem Film auf großer Leinwand hingeben. "Django Unchained" von Quentin Tarantino haben sie sich als Eröffnungsfilm auserkoren, einen Film über einen Sklaven, der zum Befreiungsschlag ausholt.

Gasmelbari bleibt nah bei seinen vier überaus charmanten Protagonisten, zeigt ihre vorsichtigen Telefonate mit Behörden und Immobilienbesitzern genauso wie ihre langen Gespräche über die politischen Verhältnisse, ihre von Krisen durchzogenen Lebensgeschichten und ihre Liebe zum Film. Die vier sind nämlich nicht nur Kinoliebhaber, sondern waren teilweise früher auch selbst aktiv im Filmgeschäft. Einer etwa studierte einst Regie in Moskau und sucht seinen verschollenen Abschlussfilm.

Die vier Männer stoßen schnell an Grenzen - finanzielle und politische, aber auch ganz praktische: Wie soll man etwa in einem Freilichtkino einen Film zeigen, wenn am Abend von überall die Muezzine zum Gebet rufen? Früher, sagen sie, hätten die wenigstens keine Lautsprecher gehabt - und es habe nicht dermaßen viele Moscheen gegeben. Doch die Liebe zum Kino treibt sie voran - gemächlich, aber bestimmt.

10.02., 20.00 Uhr, CineStar 7

11.02., 14.30 Uhr, CineStar 7

14.02., 20.00 Uhr, CineStar 7

16.02., 13.00 Uhr, Zoo Palast 2

17.02., 14.30 Uhr, Colosseum 1

Beitrag von Fabian Wallmeier

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