Berlinale: Filmtipps für Kunstkinoliebhaber - Tödliche Drohnen und verworrene Geschichten

Die Berlinale hat auch 2019 härtere Kost zu bieten: artifizielle Bildsprachen, komplizierte Erzählformen und Genremischungen. Wie lustvoll das sein kann, zeigen drei Filme über ein verschwundenes Mädchen, eine #Metoo-Rache und mordende Waisen. Von Fabian Wallmeier

Ambivalentes Kleinstadt-Porträt als Kuriositätenkabinett

Am Anfang ist da ein Messer. Eine Mutter läuft damit langsam nachts durchs Haus, auf der Suche nach ihrer Tochter. Irgendetwas stimmt hier nicht, aber was? Die Tochter, Carolyn, ist derweil unterwegs mit einem Jungen, mit dem Auto sind sie raus aus ihrer amerikanischen Kleinstadt an den See gefahren. Er bedrängt sie, sie wehrt sich, dann verschwimmen die Realitäten. Am nächsten Tag wird Carolyn vermisst.

Jennifer Reeders "Knives and Skin" (Generation 14plus) erzählt, wie Carolyns Umfeld mit ihrem Verschwinden umgeht: ihre Mutter, ihre drei besten Freundinnen, der Junge, mit dem sie am See war, der Sheriff - und die jeweiligen Familien. Nach und nach werden Verbandlungen und Geheimnisse offenbar. Reeder erlaubt es sich aber auch, einige filmische Rätsel einfach - im wahrsten Wortsinn - leuchten zu lassen, ohne sie mit zu eindeutigen Erklärungen zu zerstören.

Der Film porträtiert zugleich eine Kleinstadt. Deren Einwohner bilden ein solches Kuriositätenkabinett, dass man unweigerlich an den längst kanonischen Mikrokosmos von David Lynchs stilprägender Serie "Twin Peaks" denken muss. Ähnlich ambivalent ist auch der Ton des Films: Der Spaß an der Karikierung steht neben einem genauen Gespür für Thrill, Reeder kann im einen Moment eine staubtrockene, komische Punch-Line setzen und im nächsten Moment sehr emotional werden.

"Knives and Skin" ist ein für die Kinder- und Jugendfilm-Sektion Generation ungewöhnlich ästhetisierter, künstlerisch ambitionierter und verunsichernder Film. Er ist zugleich Highschool-Satire, Coming-of-Age-Drama, Kleinstadt-Horrorfilm, Mystery-Thriller und feministisches Statement - und vereint all diese Elemente erstaunlich bruchlos.

09.02., 20.00 Uhr, HKW

11.02., 20.15 Uhr, Cubix 8

12.02., 14.00 Uhr, Hebbel am Ufer (HAU 1)

13.02., 11.15 Uhr, Zoo Palast 1

17.02., 17.00 Uhr, CinemaxX 1

#Metoo-Drama mit B-Movie-Splatter

Noch ärger und virtuoser wirbelt Daniel Hui aus Singapur die Genres durcheinander. "Demons" (Forum) beginnt als schmerzhaftes #MeToo-Drama im Theater-Milieu, wandelt sich langsam in eine Rachegeschichte, verbindet dabei trockenste Satire mit Geistergrusel und B-Movie-Splatter.

Eine junge Schauspielerin bekommt eine Rolle bei einem renommierten Regisseur. Schon seine schneidenden Kommentare beim Casting zeigen: Die Zusammenarbeit wird zur Qual. Sexuelle Unterdrückung und Angriffe werden immer offensichtlicher.

Gleichzeitig wird der Film immer verworrener - und zieht daraus eine Kraft, die über die vermeintliche Einfachheit der Geschichte hinausweist. Hui verwebt die Elemente noch komplexer und rätselhafter als Jennifer Reeder. Er schneidet immer schneller und verwirrender zwischen den Ebenen und Zeiten hin und her - und lässt dabei sehr gekonnt einen Sog entstehen, der in einem blutigen, metaphysischen Finale mündet. Die Bildsprache hat dabei nur anfangs einen naturalistischen Anschein - je weiter der Film voranschreitet, desto artifizieller sieht er auch aus.

09.02., 22.00 Uhr, Kino Arsenal 1

11.02., 20.00 Uhr, Cubix 9 

13.02., 21.30 Uhr, CinemaxX 4

15.02., 16.30 Uhr, CineStar 8

Drohnen, die Waisenjungen töten

Eine durchgängig ganz klare, fast strenge Bildsprache haben dagegen Caroline Poggi und Jonathan Vinel in ihrem erstaunlich reifen gemeinsamen Langfilmdebüt. "Jessica Forever" (Panorama) beginnt damit, dass ein Jugendlicher ´durch die Glasfront eines Hauses in der französischen Provinz springt. Eine futuristisch uniformierte Truppe um eine schweigsame Frau stürmt das Haus, greift den blutenden Jungen auf und nimmt ihn unter ihre Fittiche.

Der aufgegriffene Junge, so wird in einem Voiceover berichtet, ist ein Waise - und männliche Waisen werden vom Staat gejagt. Bedrohliche Drohnenschwärme sind in den eigenartig menschenleeren Orten dieses dystopischen Settings hinter ihnen her, um sie zu töten, weil sie als grundsätzlich gefährlich gelten. Jessica hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Waisen zu retten und um sich zu scharen. Für die testosterongeladene Truppe von verstörten und potenziell gefährlichen Jungs ist die nur unwesentlich Ältere eine Mutter geworden.

Jessica und ihre Jungs sind ständig auf der Flucht. Haben sie einmal Zuflucht gefunden und sich dort eingefunden, droht schon wieder die Notwendigkeit des Aufbruchs. Poggi und Vinel spielen dabei ein wenig mit Computerspiel-Ästhetik und setzen gekonnt die formstrenge Architektur der Häuser in Szene, in denen Jessica und ihre Waisen unterkommen. Vor allem aber erzählen sie bei aller wohligen Ambivalenz des Settings und der Grundkonzeption der Geschichte eine sehr stringente Geschichte über das Erwachsenwerden und über Kraft und Grenzen einer Außenseitergemeinschaft.

09.02., 20.15 Uhr, CineStar 3

11.02., 14.00 Uhr, International

14.02., 20.00 Uhr, CinemaxX 7

16.02., 20.15 Uhr, Cubix 7

Beitrag von Fabian Wallmeier

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