Eynayim Sheli | Chained von Yaron Shani
Bild: Eran Naim

Berlinale | Filmtipps für Sehnsüchtige - Was von der Liebe übrig bleibt

Wenn es auf der Berlinale um die Liebe geht, ist selten reines Glück zu sehen. Wir stellen drei sehenswerte Dramen vor, die in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen auf ebenso unterschiedliche Art von den Grenzen der Liebe erzählen. Von Fabian Wallmeier

Ein Durchschnittsleben gerät aus den Fugen

Rashi liebt seine Frau Avigail. Auch mit ihrer Tochter Yasmin kommt er gut zurecht - solange er eine harte Hand zeigen kann, die Avigail seiner verbohrten Ansicht nach fehlt. Doch ein eigenes Kind soll her, beide Partner scheinen sich das zu wünschen, allerdings bisher erfolglos. Rashi wähnt sich immer auf der richtigen Seite - als Polizist hat er schon alles erlebt und jede Situation gemeistert. Bisher - denn nach einer Drogenkontrolle im Park wird er vom Dienst suspendiert, weil er einen Jugendlichen dabei misshandelt haben soll.

"Chained" (Panorama) von Yaron Shani aus Israel erzählt davon, wie das Leben eines zu Grenzüberschreitungen neigenden, aber im Kern liebevollen Durchschnittsmenschen aus den Fugen gerät. Shani zeigt, wie Rashi seine Maßstäbe verliert - und wie er damit auch die Liebe seiner Frau aufs Spiel setzt.

Das eigentlich Bemerkenswerte an Shanis Film ist weder sein Thema noch sein am Ende doch ziemlich vorhersehbarer, trauriger Plot. Vielmehr lebt "Chained" davon, wie Shani mit seinen Laiendarstellern vielschichtige Figuren gestaltet hat. Wochenlang hat er sie immer wieder in ihren Rollen leben lassen, bevor es ans Drehen ging. Das zahlt sich aus: Vor allem Eran Naim in der Rolle des Rashi hat mit seiner massigen Erscheinung eine erstaunliche Leinwandpräsenz. Er stattet die Figur mit einer kurzen Lunte, emotionaler Unsicherheit, großer Liebenswürdigkeit und gleichzeitig vielschichtiger Ambivalenz aus.

09.02., 19:30 Uhr, International

10.02., 14:30 Uhr, CineStar 3

11.02., 14:00 Uhr, Cubix 9

14.02., 19:30 Uhr, International

17.02., 21:30 Uhr, Zoo Palast 1

The Plagiarists von Peter Parlow
Bild: Automatic Moving Co

Ein Film über Film und Literatur - und über ein Paar dazwischen

Eine weniger tragische Liebesgeschichte erzählt Peter Parlow in "The Plagiarists" (Forum). Ein Paar aus Philadelphia strandet an einem Winterabend in einem kleinen Ort, weil das Auto schlapp macht. Tyler scherzt, Anna würde gern auch mal ernsthafter reden. Etwas Unausgesprochenes schwebt zwischen diesem so eingespielten Paar. Beide sind Künstler. Er will Filme machen, hat es über ein paar Hilfsjobs hinaus nicht geschafft - und reagiert abwehrend, wenn Anna ihn einen Filmemacher nennt. Sie dagegen hat gerade ihren ersten Roman geschrieben, der allerdings noch eine unsichere Zukunft hat.

Ein älterer Mann lädt das gestrandete Paar über Nacht zu sich ein. Sie trinken und reden, über Film und Roman, über Gott und die Welt. Alle drei verstehen sich gut, auch wenn immer wieder Irritationen auftauchen, vor allem zwischen Anna und Tyler. Ein paar Monate später sind sie wieder in der Gegend unterwegs - und sie hat einen Verdacht: Hat der ältere Mann damals etwa aus einem Roman zitiert und sie glauben lassen, die klugen Gedanken wären seine gewesen? Und ist das schlimm oder nicht?

Parlow hat einen nur auf den ersten Blick einfachen Film gemacht. Formal ist "The Plagiarists" geschickt gebaut: Der Film besteht aus drei Akten, deren Zusammenhang nicht gleich klar ist und die doch nur zusammen das ganze Bild ergeben. In diesen verknüpft er unaufdringlich ganz konkrete Fragen nach der Verantwortung gegenüber Kunstwerken mit abstrakteren nach den Unterschieden zwischen Film und Literatur - und spiegelt Letzteres in einer Paarbeziehung, die an einem kritischen Punkt angelangt ist. Ein tiefgründiger, kluger und dabei sehr leichtfüßiger Film.

09.02., 21:30 Uhr, CineStar 8

10.02., 20:00, Cubix 9

11.02., 22:00 Uhr, Zoo Palast 2

17.02., 13:45 Uhr, CineStar 8

Temblores | Tremors von Jayro Bustamante
Bild: TuVasVoir

Eine Liebe, die nicht sein darf

Von einer solchen Leichtigkeit ist in "Tremors" (Panorama) nichts zu spüren. Jayro Bustamante, der 2015 mit "Ixcanul" den ersten guatemaltekischen Film der Berlinale-Geschichte in den Wettbewerb schickte und den Alfred-Bauer-Preis gewann, ist damit zurück in Berlin. Sein neuer Film spielt in einem ganz anderen Milieu als sein Überraschungserfolg: "Tremors" ist nicht unter einfachen Kaffeebauern im Hochland angesiedelt, sondern in der Oberschicht von Guatemala City. Pablo, Sohn aus reichem, streng christlichem Hause, beschließt, Frau und Kinder zu verlassen, um mit seinem Freund Francisco zusammen zu sein. Er stößt auf massiven Widerstand: Homosexualität ist im Weltbild seiner Familie nicht vorgesehen, ist eine Krankheit, die es zu heilen gilt.

Das schlägt sich auch deutlich in der Architektur des Films nieder: Francisco bleibt eine Nebenfigur. Pablo ist so sehr damit beschäftigt zu kämpfen - gegen seine Familie und dann gegen sich selbst -, dass er so gut wie gar nicht dazu kommt, seine neue Freiheit, seine endlich errungene Liebe zu leben. Pablos Herkunft holt ihn wieder ein - und das bedeutet Kampfsport und Selbstkasteiung unter christlicher Aufsicht, um die Homosexualität zu vertreiben.

Auch die Farbgebung des Films ist düster: Den tristen Brauntönen, in denen das nie hell erleuchtete, mit altem schwerem, teurem Mobiliar bestückte Interieur der Familienvilla gehalten ist, wird auch in der Außenwelt nichts Frisches, Hoffnungsfrohes entgegengesetzt. Selbst wenn Francisco und Pablo bei Tageslicht auf einer Brücke stehen, ist alles grau und trüb. "Tremors" ist ein harter, trauriger, aber dennoch kein kalter Film. Die zum Scheitern verurteilte Liebe ist trotz der Restriktionen spürbar - und Bustamante gelingt es, Pablo trotz seiner Schwäche und seinen unter übergroßem Druck gefällten - und aus bequemer mitteleuropäischer Sicht himmelschreiend falschen Entscheidungen - als Sympathieträger dastehen zu lassen.

08.02., 19:00 Uhr, Zoo Palast 1

09.02., 09:00 Uhr ,CinemaxX 7

10.02., 17:00 Uhr, Cubix 9

12.02., 22:00 Uhr, Colosseum 1

16.02., 19:00 Uhr, Zoo Palast 1

Sendung: Berlinale 2019, 10.02.2019, 02:20 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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