Interview | Berlinale Shooting Star Albrecht Schuch - "Es fehlt gerade das Herz von Berlin"

Der Schauspieler Albrecht Schuch (Quelle: dpa/Carstensen)
Bild: dpa/Carstensen

2021 könnte seine Berlinale werden: Albrecht Schuch ist in der Kästner-Verfilmung "Fabian" im Wettbewerb. Und er ist einer der diesjährigen "European Shooting Stars". Ein Gespräch über Drehs zu Corona-Zeiten, den Schmelztiegel Berlin – und Blicke über den Tellerrand.

rbb|24: Herr Schuch, Sie haben im letzten Jahr zwei deutsche Filmpreise bekommen, Sie spielen seit 20 Jahren Theater und machen seit zehn Jahren Kinofilme. Fühlt es sich nicht ein bisschen komisch an, mit dieser Erfahrung als "European Shooting Star" ausgezeichnet zu werden?

Albrecht Schuch: Ich weiß, was Sie meinen. Meine Vorgänger waren alle etwas jünger. Aber das Prozedere wurde ein bisschen verändert. Der Begriff Shooting Star wurde losgelöst von einem bestimmten Alter oder Erfahrungsgrad.

Was bedeutet es Ihnen dann, Shooting Star zu sein?

Ich fühle mich geehrt, in diesem Jahr meine Zunft repräsentieren zu dürfen. Aber was überwiegt, ist das Glück. Das Glück mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, die ich sonst vielleicht nicht getroffen hätte. Der Blick über den deutschen Tellerrand: Menschen zu treffen, die eine andere Geschichte haben, andere Geschichten erzählen, andere Biografien, einen anderen Witz und eine andere filmische Umsetzung dafür suchen. Das ist für mich als Schauspieler und als Mensch horizonterweiternd bis unters Dach. Und darüber hinaus.

In den letzten Jahren waren die Tage während der Berlinale für die Shootingstars immer eine Mischung aus Bootcamp und Ferienlager. Auf einer Welle der Euphorie eilten die "Shooting Stars" von einem Event zum nächsten. Ein Gefühl, dass in diesem Jahr sicherlich fehlen wird?

Das werden wir dieses Jahr leider nicht so machen können. Aber wir versuchen, das Beste draus zu machen – in virtuellen Räumen eben. Es wird im Ansatz nicht so sein, als würden wir uns live sehen. Hoffen wir, dass wir im Sommer die Gelegenheit haben werden, dann holen wir das alles nach.

Wie sehr mögen Sie den Glamour und die roten Teppiche?

Sagen wir es mal so. Ich lerne, damit umzugehen. Aktuell ist es also fast ein Vorteil für mich, dass es die nicht gibt. Ich fühle mich da oft überfordert. Ich versuche mich eigentlich immer voll und ganz auf mein Gegenüber zu konzentrieren und mit ihm oder ihr zu kommunizieren. Aber bei so vielen Leuten am Teppich und diesen kurzen Gesprächen fällt mir das schwer. Aus dem Augenwinkel sind die meisten oft schon eine Person weiter. Da fällt es mir schwer mich zu konzentrieren, das ist mir zu viel Ablenkung.

Sie sind nicht nur European Shooting Star, sondern auch im Wettbewerb mit "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" von Dominik Graf. Nach "Berlin Alexanderplatz" ist das wieder die Verfilmung eines Klassikers der deutschen Literatur.

Reiner Zufall und definitiv keine Absicht. Für mich waren das einfach wunderschöne Projekte.

Was hat Sie an "Fabian" gereizt?

Gleich zwei Dinge. Das erste war die Rolle an sich: Stefan Labude. Für mich als Schauspieler ist es immer interessant, wenn die Rolle, die ich spiele in einem inneren Konflikt steckt. Labude steht zwischen zwei Lebensentwürfen. Sein Traum ist es, romantisch-poetisch-politischer Schriftsteller zu werden. Auf der anderen Seite steht der Gegenentwurf, der Wunsch und Druck des Vaters, in seine Fußstapfen zu steigen und Jurist zu werden. Ein Jurist, der die Korrupten und Reichen vertritt. Mit tragischem Ausgang.

Und der andere Grund?
Dominik Graf. Er ist ein begnadeter Regisseur. "Die Katze" oder seine Serie "Im Angesicht des Verbrechens" haben mich wahnsinnig inspiriert. Aber nicht nur das. Ich lese immer mit großer Freude seine Texte. Der Zustand der Filmbranche übertragen auf den Zustand der Gesellschaft. Er sucht immer wieder nach neuen Zugängen in seiner filmischen Umsetzung. Er verliert nie die Neugier, ruht sich nie auf seinen Erfolgen aus. Diese Mischung aus kindlicher Neugier und intellektueller, kluger, weisen Art hat mich umgehauen.

Kästners Roman spielt – wie auch "Berlin Alexanderplatz" – im Berlin der 20iger-beziehungsweise 30er-Jahre. Was fasziniert Sie an der Zeit?

Aktuell beschäftige ich mich viel mit dem ersten Weltkrieg und der Zeit davor. In der Schule war ich immer desinteressiert an Geschichte. Das kam erst mit dem Studium. Die 1920er-Jahre kann man nicht ohne die Vorgeschichte betrachten, es geht um die großen Zusammenhänge. Es ist zu wenig, immer nur von den goldenen Zwanzigern zu sprechen. Aber um aus der Perspektive von Stefan Labude zu antworten: die Fluchtorte und Parallelwelten; die Drogen, Exzesse, Tanzveranstaltungen, Lesungen, Filme.

Was sind Ihre persönlichen Fluchtorte?

Während Corona ein persönlicher Eskapismus, den ich mir mit meinem Schauspielkollegen und Freund Friedrich Mücke geteilt habe. Wir haben letztes Jahr gemeinsam die Serie "Bestattung eines Hundes" gedreht und nach Drehschluss abends alte Götz George Filme geguckt und analysiert. Das war für mich ein Geschenk. Der Raum ist aktuell so begrenzt, dass man im Kopf verschwindet. Aber ich brauche diesen Ausgleich, diese Verbindung zum Rest. Wir sind ja nicht nur unsere Gedanken oder unsere Seele, wir sind auch unser Körper mit allen Sinnen. Das muss ich mir durch die Natur holen. Wandern, Fahrradfahren, Schwimmen. Irgendetwas Körperliches, um wieder zurück ins Ganze zu kommen.

Also am liebsten raus aus Berlin?

Ja. Berlin ist für mich ein Schmelztiegel mit den unterschiedlichsten Eindrücken. Egal ob Kunst oder die verschiedensten Menschen, die sich jetzt alle nicht mehr treffen können, an all den Orten, an denen man sich normalerweise vergnügen kann. Tanz, Theater, Museum, Konzerte, Kino. Das klingt dramatisch, aber für mich fehlt gerade all das, was die Stadt so reich macht. Es fehlt gerade das Herz von Berlin.

Damals jung - heute routiniert im Geschäft

Sie haben eben die Dreharbeiten von "Bestatter eines Hundes" angesprochen. Was geht Ihnen beim Dreh unter Corona-Bedingungen durch den Kopf, vor allem hinsichtlich der Abstandsregeln und der Gefahr einer potenziellen Ansteckung?

Angst hatte ich nie. Wir sind beim Dreh doppelt und dreifach abgesichert mit ständigen Tests und Teamisolation. Klar hat es Auswirkungen auf den gemeinsamen täglichen Feierabend, um das Risiko zu minimieren. Ein Filmdreh ist wie eine Blase – in doppelter Hinsicht. Wir denken uns in eine Geschichte hinein und sind abgeschottet von der Welt. Und dann gibt es aktuell Sicherheitsvorkehrungen. Es ist permanent ein Arzt oder zumindest eine Person mit ärztlicher Expertise am Set, wir werden zweimal die Woche getestet. Sicherer geht es kaum.

Aber hat es etwas mit ihrem Spiel gemacht?

Eine Situation hatten wir. Am Mailänder Flughafen. Meine Figur landet und geht durch die wuselige Flughafenhalle. Aber das Gewusel war nicht da. Es haben automatisch alle eineinhalb Meter Abstand gehalten. Wir mussten uns kurz daran erinnern, dass Corona keine Rolle spielt und wir uns nahekommen dürfen. Das hat mich kurz irritiert.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Albrecht Schuch sprach Anna Wollner für rbb|24.

Sendung: 02.03.2021, Antenne Brandenburg, 21:00 Uhr

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