Sommer-Berlinale | Maria Schrader im Porträt - "Ich glaube, dass es sehr viele Formen von Liebe gibt"

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Audio: rbbKultur | 12.06.2021 | Interview Maria Schrader | Bild: dpa Download (mp3, 5 MB)

Für Maria Schrader zeigt die Karrierekurve steil nach oben: Nach ihrer preisgekrönten Serie "Unorthodox" wird sie nun auch die Weinstein-Story verfilmen. In Berlin zeigt sie ihre Sci-Fi-Komödie "Ich bin dein Mensch", in der ein Android zum idealen Liebhaber wird.

Frau liebt Roboter, das ist die Ausgangs-Position in Maria Schraders "Ich bin dein Mensch". Und wie das oft in romantischen Komödien der Fall ist, müssen sich die Liebenden erst zusammenraufen, in diesem Fall unter außergewöhnlichen Bedingungen. "Ich bin dein Mensch" ist eine luftig prickelnde Sommer-Komödie, die nach der Premiere im Wettbewerb der digitalen Branchen-Berlinale im März ihren Charme jetzt auf der Sommerberlinale in den Freilichtkinos endlich auch vor Publikum entfalten kann.

Zugleich wirft der Science-Fiction Film Fragen auf zu den Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz, die hier kein menschenvernichtendes Monster ist, sondern ein Android in Gestalt eines charmant verführerischen Mannes. Damit schlägt Maria Schrader in ihrem dritten eigenen Spielfilm einen ganz neuen Ton an: "Das klang nach romantischer Liebesgeschichte, nach etwas, das man auch leicht und humorvoll erzählen kann, während man zugleich ein paar Fragen stellen kann, sagt sie selbst zu ihrem Film."

"Am Ende glaube ich, dass es sehr viele unterschiedliche Formen von Liebe gibt. Selbst Alma, die dieses ganze Konzept ablehnt dass es eine Maschine geben soll, die für nichts anderes da ist, als ihre Wünsche zu befriedigen, beginnt zu ihrem eigenen Erstaunen Gefühle für Tom zu entwickeln. Also ja, ich glaube, die Liebe hat sehr viele verschiedene Gesichter."

Von der Schauspielerin zur Regisseurin

Lange Zeit kannte man Maria Schrader vor allem als Schauspielerin. Mit schwarzem Lockenschopf und komödiantischem Flair trat sie seit den späten Achtzigern und frühen Neunziger Jahren in den ersten Filmen ihres damaligen Lebensgefährten Dani Levy auf. Doch das ist nur die halbe Geschichte, denn schon damals war sie an den Drehbüchern von "RobbyKallePaul", "I was on Mars" und "Stille Nacht" beteiligt, bevor sie 1998 bei "Meschugge" ganz offiziell zur Co-Regisseurin avancierte.

Neun Jahre später entwickelte sich aus einer innigen Lesereise-Freundschaft mit Zeruya Shalev die erste Solo-Regiearbeit. Die Verfilmung des Romans "Liebesleben" kreist um die rauschhaft destruktive Liebe zwischen einer impulsiven, jungen Frau und einem abgeklärten, älteren Mann, vor dem Hintergrund der politischen Konflikte in Israel. Anders als viele ihrer Kolleg*innen entschied sie sich schon damals ganz bewusst dagegen, im eigenen Film auch zu spielen: "Am Ende ist es mir wichtiger, dass der Film so gut wird und so bewusst von mir gestaltet, wie ich das schaffe. Das ist mir wichtiger als zu spielen. Aber diese Entscheidung zu treffen, die ist mir wirklich nicht leichtgefallen."

Aimée ist eine ihrer schönsten Rollen als Schauspielerin

Geboren wurde Maria Schrader 1965 in Hannover. Ihre Schauspielkarriere begann sie auf Theaterbühnen in Hannover, Wien, Venedig und Bonn. Ihr Kinodebüt in der Komödie "RobbyKallePaul" war 1989 der Anfang einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dani Levy. Als Schauspielerin arbeitete sie unter anderem mit Doris Dörrie, Reiner Kaufmann und Hans W.Geissendörfer.

Zu ihren schönsten Rollen gehören die starken, widerständigen Frauen in "Aimée & Jaguar" von Max Färberböck und in "Rosenstraße" von Margarete von Trotta. Nach dem Regiedebüt "Liebesleben" dauerte es fast ein Jahrzehnt, bis zum zweiten, eigenen Film "Vor der Morgenröte" über die letzten Jahre des im Exil lebenden Schriftstellers Stefan Zweig.

Schon damals erarbeitete sie das Drehbuch zusammen mit Jan Schomburg, den sie zuvor als Regisseur von "Vergiss mein Ich" kennengelernt hatte: "Da wurde ich schon eingeladen, mich einzubringen und empfand es als großes Glück, zu merken, dass man sich die Bälle zuwerfen kann, dass es einen Dialog gibt, in dem neue Ideen entstehen, schon weil wir unterschiedlich an Themen herangehen. Als mir dann dieser Film über Stefan Zweig angeboten wurde, erschien mir das wie eine fast akademische Aufgabe, und ich fragte Jan, ob er Lust hat, sich ein paar Wochen gemeinsam damit zu beschäftigen. Das war dann eine sehr schöne Zusammenarbeit. Jetzt bei "Ich bin dein Mensch" gab es dann auch noch diese thematische Verwandtschaft zu "Vergiss mein Ich", denn in beiden Filmen geht es um Identität."

Danach ging es Schlag auf Schlag

Lagen zwischen den ersten beiden Regiearbeiten noch fast zehn Jahre, geht es inzwischen Schlag auf Schlag. 2019 entschied sich die Bestseller-Autorin Deborah Feldman für Maria Schrader als Regisseurin der Verfilmung ihres autobiografischen Romandebüts "Unorthodox". Trotz vieler Angebote, setzte sie auf Maria Schrader, weil es ihr wichtig war, dass die Intimität und Integrität der Geschichte gewahrt wird. Und vielleicht hat es auch eine Rolle gespielt, dass die Schauspielerin und Regisseurin im Laufe der Jahre zur Patin für deutsch-jüdische Geschichten geworden ist.

Als Vierzehnjährige reiste sie im Rahmen eines Jugendaustauschprogamm zum ersten Mal nach Israel und wurde dort für die deutsch-jüdische Geschichte sensibilisiert. Zusammen mit ihrem späteren Lebensgefährten Dani Levy verarbeitete sie dessen jüdische Familiengeschichten in "Stille Nacht" und "Meschugge" als Darstellerin, Co-Autorin und Co-Regisseurin noch mit komödiantischem Flair. Später wurde der Tonfall der jüdisch gefärbten Geschichten dann ernster, zunächst 1999 noch als Darstellerin unter der Regie von Max Färberböck, in der lesbischen Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einer Nationalsozialistin in "Aimée & Jaguar". Für ihre intensive Auseinandersetzung mit einer realen Biografie wurde sie mit dem silbernen Bären, dem bayerischen und dem deutschen Filmpreis geehrt. Wie sehr diese Rolle ihr Herz berührte, zeigt sich schon daran, dass sie ihre kurz darauf geborene Tochter nach Felice Schragenheim benannte, dem Vorbild für Jaguar.

Der internationale Durchbruch mit der Netflix-Produktion Unorthodox

Für die Miniserie "Unorthodox" über die Flucht einer jungen Frau aus der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg wurde Maria Schrader neben vielen anderen Preisenals erste deutsche Regisseurin mit einem Emmy ausgezeichnet: "Niemand von den Beteiligten der Serie hat in irgendeiner Form damit gerechnet, dass das ein so großer Erfolg werden könnte. Dass man am Ende auf Netflix irgendwie fast gleichberechtigt neben Schlachtschiffen wie "The Crown" steht, und jeder Mensch, wenn er will, Zugriff darauf hat, also das war eine extreme Erfahrung.“

Spätestens damit hat Maria Schrader auch internationale Aufmerksamkeit gefunden: "Ich bin dein Mensch" ist inzwischen in 70 Länder verkauft, auch der US-Verleih Bleecker Street hat die Rechte erworben, und nicht um - wie sonst üblich - eine neue Version mit amerikanischen Schauspielern zu drehen, sondern, um ihren Film ins Kino zu bringen. Und im Moment bereitet sich Maria Schrader auf die Verfilmung des Bestsellers "She Said" vor, über die beiden New York Times-Reporterinnen, die den Harvey Weinstein-Skandal aufgedeckt haben. Mit dem mit Carey Mulligan und Zoe Kazan prominent besetzten Film schließt sich ein Kreis, denn in New York begann vor mehr als 20 Jahren bei Meschugge Maria Schraders Regiekarriere.

Zwei verschiedene Seiten derselben Medaille

Und dann hofft sie, dass sie demnächst, nach der langen Corona-Zwangspause auch wieder spielen darf: "Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich das erste Mal länger als ein Jahr in keiner Form gespielt habe. Es gab keine einzige Theatervorstellung und die Dreharbeiten zu der Serie Deutschland 89 liegen eineinhalb Jahre zurück. So lange habe ich noch nie zuvor nicht gespielt, seit ich 15 bin und das vermisse ich auch. Ich empfinde es als großen Luxus, diese beiden in meinen Augen doch sehr unterschiedlichen Berufe parallel oder abwechselnd ausüben zu können. Ich glaube auch, dass ich dadurch als Schauspielerin besser werde, dass ich von diesem anderen Beruf viel lerne und jetzt auch, anders als früher, leichter Kontrolle abgeben kann."

Sendung: rbbKultur, 14.06.2021, 07:00 Uhr

Beitrag von Anke Sterneborg

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich fand Maria Schrader schon als Schauspielerin sehr gut. Aber was da von ihr als Regisseurin bisher kam und anscheinend noch kommen wird: Ich bin positiv gespannt. Mir gefällt gut, wie sie jüdische Themen angeht.

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