Andreas Dresen über Murat Kurnaz - "Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, was da geschehen ist"

Sa 12.02.22 | 20:07 Uhr
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Regisseur Andreas Dresen (Quelle: AA/Abdulhamid Hosbas)
AA/Abdulhamid Hosbas
Audio: Inforadio | 12.02.2022 | Alexander Soyez | Bild: AA/Abdulhamid Hosbas Download (mp3, 8 MB)

Andreas Dresen begibt sich in seinem aktuellen Berlinale-Beitrag auf weltpolitisches Terrain. Dabei erzählt er die Geschichte des 2002 wiillkürlich inhaftierten Murat Kurnaz aus explizit privater Perspektive - Alexander Soyez über die Hintergründe

Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag im Programm der diesjährigen Berlinale, Andreas Dresens neuer Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush", handelt grob zusammengefasst von dem zu Unrecht über Jahre weggesperrten Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz. Von politischen Machenschaften, einer unfassbaren Aushebelung des Völker- und Menschenrechts und von einem Prozess gegen genau all das vor dem US-amerikanischen Supreme Court.

"Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, was da geschehen ist", sagt Dresen im Gespräch mit dem rbb: "aus amerikanischer Perspektive, aus türkischer Perspektive, nicht zuletzt aber auch aus deutscher Perspektive. Das muss man ganz klar sagen. Es ist ein Politikversagen auf verschiedensten Ebenen. Und wenn man dann darüber nachdenkt, dass es Guantanamo heute noch gibt, dass da immer noch 39 Menschen sitzen, von 1500 GIs bewacht – das ist das teuerste Gefängnis der Welt. Jeder Gefangene kostet den US-amerikanischen Steuerzahler 13 Millionen Dollar im Jahr. Da wüsste ich wirklich Besseres, was man mit diesem Geld anstellen kann. Ganz ehrlich."

Drama mit Leichtigkeit erzählt

Es ist ernste und schwere Kost, die Dresen aber mit seiner typischen Menschlichkeit und sogar einer gewissen Leichtigkeit in "Rabiye Murnaz gegen George W. Bush" aufbereitet. Das System Guantanamo heruntergebrochen, wie er es nennt, auf das, was es mit einer türkischen Familie, die in Bremen lebt, gemacht hat. Insbesondere mit Rabiye Murat, Kurnaz' Mutter, die nicht nur unermüdlich, sondern auch mit ihrem unwiderstehlich eigenen Charme um die Freilassung ihres Sohnes gekämpft hat. "Also man kann über so harte, fast unerträgliche Umstände erzählen mit einer positiven Wendung. Und das fand ich schön. Und sogar mit Humor, auch das liegt in der Figur von Rabiye begründet", sagt Dresen.

"Kunst ist verdammt nochmal systemrelevant"

Mit "Rabiye Murnaz gegen George W. Bush" ist Dresen nun schon zum vierten Mal im Wettbewerb der Berlinale. 1990 war er zum ersten Mal mit seinem Studentenfilm "So schnell geht es nach Istanbul" hier. Seither hat er sich kaum eine Festivalausgabe entgehen lassen – auch wenn er keinen eigenen Film im Programm hatte.

Dresen sei froh, dass sie in diesem Jahr zumindest im Ansatz wieder so stattfindet, wie er sie kennt. "Ich halte es für ein ganz wichtiges Zeichen, dass wir das jetzt machen. Kunst ist verdammt nochmal systemrelevant, gerade in dem seelischen Zustand, in dem wir uns jetzt alle befinden. Nach zwei Jahren Pandemie haben wir das Kino und die Künste nötiger denn je, finde ich. Und das ist auch ein Zeichen, das hier gesetzt wird. Wo man sagt: Passt mal auf Leute, wir haben zwei Jahre Pandemie, wir haben trotzdem gearbeitet. Wir haben auch diesen Film hier dem Schicksal abgetrotzt. Das war die härteste Produktion, die ich je erlebt habe. So, und hier sind wir. Wir erzählen nach wie vor Geschichten. Schaut sie euch an, und es kommen bessere Zeiten."

Nur die Filme, kein Lametta

Vielleicht auch wieder mit etwas mehr Partys, Empfängen und Lametta als in diesem Jahr – obwohl Dresden zumindest in dieser Hinsicht keine Entzugserscheinungen hat. "Ich bin ja noch nie so ein Riesenfan gewesen von diesen Empfängen und diesem Rumgestehe und diesen Partynummern und rotem Teppichzeugs und so. Und wenn das alles jetzt so ein kleines bisschen runtergefahren ist - auch mal ganz cool - dann ist die Berlinale auf das reduziert, was sie eigentlich ausmacht, nämlich die Filme."

Sendung: Inforadio, 12.02.2022, 08:55 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Endlich wird benannt, dass der famose Frank-Walter Steinmeier verantwortlich ist für jene "himmelschreiende Ungerechtigkeit", die Herr Dresen jetzt verfilmt hat. Der moralisierend-bedeutungsschwangere Tonfall, mit dem Herr Steinmeier seine Predigten stets zu halten pflegt, ist vor diesem Hintergrund wirklich lächerlich.
    Ob Herr Steinmeier morgens noch in den Spiegel sehen kann, ohne sich zu schämen?

  2. 6.

    "Ins Räderwerk des Krieges" ist Kurnaz geraten, weil Steinmeier Kurnaz in Guantanamo versauern ließ. Steinmeier war In seiner damaligen Funktion als Chef des Bundeskanzleramts am Beschluss der deutschen Behörden maßgeblich beteiligt, Kurnaz im berüchtigten US-Gefangenenlager interniert zu lassen, obwohl die Amerikaner im Jahr 2002 seine Freilassung angeboten hatten.
    Steinmeier hat sich zu dem Vorgang nie geäußert, geschweige denn sich bei Kurnaz entschuldigt. Steinmeier, NotMyPräsident.

  3. 5.

    Morgen wird wahrscheinlich ein Mann im Amt bestätigt, der dem Herrn Kurnaz hätte helfen können, Hatte aber Bedenken und / oder Besseres vor.

    Fragt ihn selber. Ich würde ihn schon deswegen nicht wieder wählen - aber wer der dort Versammelten stellt sich schon solche Fragen.......

  4. 4.

    Eine kleine Volte, die indes nichts miteinander zu tun hat, ist das Zusammentreffen dieses Berlinale Films und der erwarteten Wiederwahl von Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidenten.

    Seine Erstwahl im Frühjahr 2017 verdanke er dem Engagement von Sigmar Gabriel, der in die Lücke stieß, die die CDU/CSU faktisch hinterlassen hat durch ihre Nichteinigungs-Fähigkeit. Der Vorschlag Gabriels seinerzeit hatte den Hintergrund, Steinmeier aus der Schusslinie ggü. den USA zu ziehen, wo er, Steinmeier, doch im Vorfeld der US-Wahl im Herbst 2016 dem seinerzeit noch recht unbekannten Kandidaten Trump bescheinigte, ein Hassprediger zu sein.

    Der Begriff hat auch in den USA eine entsprechender Konnotation. Dummerweise und für Europäer überraschenderweise wurde dann der zu Recht bezeichnete Hassprediger Kandidat der Republikaner und dann auch noch US-Präsident. Wie also reagieren, wenn es "schräg" gewesen wäre, deshalb in Willfährigkeit den Außenminister abzusetzen?

  5. 3.

    Am Fall Kurnaz lässt sich geradezu exemplarisch der Umgang mit Menschen, die zu etwas Eklatantem verdächtigt sind, ablesen. Hier gibt es ggf. ein Verbot der Mehrfachverteidigung und verschärfte Haftbedingungen in Stuttgart-Stammheim, dort werden derartige Menschen faktisch außerhalb des Menschseins gestellt.

    So hart muss es wohl gesagt werden. Das Bremer Sozialgericht sprach von einer völkerrechtswidrigen Einkerkerung von Kurnaz, als es darum ging, dass er aufgrund seiner Guantanamo-Haft seine Belege nicht beibringen konnte. Simples Niederhalten des Teufels in Person ist es, was die US-amerikanische Mentalität in dieser Hinsicht ausmacht - geradezu voraufklärerisch. Und selbstverständlich vor Freud, Adler und Jung.

    Parallelen zu ausgemachten Systemgegnern des Staatssozialismus tun sich auf. Da waren es auch nicht Menschen, mit denen umzugehen war, sondern feindlich-negative Elemente (!) ... Und so sahen dann auch die Haftbedingungen aus.

  6. 2.

    Ein Beispiel dessen warum ich nicht gerade Fan von NATO-Mitgliedschaft. Dabei geht es nicht nur darum, dass irgendwelcher von uns überhaupt nicht gewählter Bush mit eigener Auffassung zu Themen wie "Kriegsgefangene", und da viele mitmachten (ob nun weil wie Bush und Co. nicht wirklich viel davon verstehen obwohl sozusagen Chefs von nicht gerade kleinen Armeen, oder wie auch immer). Aber bei Fällen wie z.B. Dilawar in Afghanistan, da war bei der Autopsie ziemlich klar, dass getötet wurde, jedoch vom U.S. Militär hieß es, dass an natürlichen Ursachen starb - also nichts von wegen ordentliche Aufklärung und statt dessen so ziemlich Versuch es zu vertuschen, dass da ein Zivilist zu Tode gefoltert wurde. Und solche Typen als sozusagen Kollegen zu haben, da scheint mir eben kaum möglich, dass ein ordentliches Staatswesen betrieben werden kann wenn solches im Endeffekt wie Klub für Sadisten, welche viel kosten und sich dazu noch loben lassen wollen dafür dass solchen ihren 'Spaß' haben.

  7. 1.

    Viel künstlerische Freiheit bei der Erzählung über das Schicksal von Kurnaz. Was Kurnaz bewogen hat, drei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von Frankfurt in die Islamistenhochburg Karatschi (Pakistan) zu fliegen, davon kein Wort. Bei Wikipedia steht, er wollte in den Moscheen der „Tablighi Jamaat“ mehr über den Koran lernen. Mindestens eine unbedachte Angelegenheit, zu der Zeit befand sich die USA im Kriegszustand mit dem radikalen internationalen Islamismus. Auch die pakistanischen Sicherheitsbehörden, die Kurnaz verhafteten, glauben die Geschichte von Kurnaz nicht und überstellten ihn den Amerikanern. Lt. Wikipedia ließ sich Kurnaz vorher in Deutschland einen Bart wachsen und besuchte regelmäßig die Abu-Bakr-Moschee in Bremen-Mitte. Diese Moschee ist berühmt-berüchtigt, weil dort islamistische Hassprediger ein- und ausgingen. Der Imam der Abu Bakr Moschee wurde als Hassprediger ausgewiesen. Kurnaz geriet in das Räderwerk des Krieges.

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