Interview | Berlinale-Favoritencheck - "Das waren Geisterfestspiele"

Mi 16.02.22 | 13:50 Uhr
Berlinale-Kritiker Fabian Wallmeier (links) und Anna Wollner (rechts) (Bild: rbb)
Bild: rbb

Finale für den Berlinale-Wettbewerb: Am Mittwochabend werden die Bären verliehen. Unsere Filmkritiker:innen Anna Wollner und Fabian Wallmeier erzählen im Interview, wer ihre Favorit:innen sind - und wie sie diese seltsame Festivalatmosphäre erlebt haben.

rbb|24: Welchen Film würdet Ihr mit dem Goldenen Bären auszeichnen?

Fabian Wallmeier: Ich würde den Goldenen Bären an den neuen Film von Hong Sang-soo vergeben. Wenig überraschend, weil ich ein kleiner Fanboy bin, aber ich fand wirklich, dass er in seinem Werk "The Novelist’s Film" noch mal etwas Neues aufgemacht hat. Vielleicht auch einfach als Wiedergutmachung dafür, dass der arme Mann seine Berlinale-Wettbewerbspremiere heute, am Tag der Verleihung, mittags um halb zwölf feiern musste. Eine fiese Strafe für diesen tollen Film.

Ein anderer Favorit von mir ist der chinesische Beitrag "Return to dust". Das ist eine ganz andere Art von Film, etwas sehr ruhiges aber am Ende wirklich erschütternd, wie ich fand. Ein dritter Film wäre tatsächlich ein deutscher: Der sehr kontrovers aufgenommene "A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe" von Nicolette Krebitz. Den haben einige gehasst. Wenn ich in unseren Kritiker:innen-Spiegel schaue, sehe ich, dass unter diesen Menschen auch die Kollegin Anna Wollner ist. Vielleicht möchte sie direkt darauf empört reagieren?

Anna Wollner: Ihr seht schon, dass ich lache, weil ich glaube, die Berlinale wäre keine Berlinale, wenn Fabian und ich nicht absolut unterschiedlicher Meinung wären. Nicht zu allen, aber zu vielen Filmen. "A E I O U” ist tatsächlich ein Film, dem ich - glaube ich - als einzigem nur einen Stern gegeben habe. Ich kann diese Lobeshymnen überhaupt nicht verstehen. Es ist für mich ein so konstruierter, affektierter Film, der relativ schnell wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Ein Beispiel dafür, wie bemüht das Ganze ist: Einer der ersten Sätze im Film ist, dass das Leben mit einem A beginnt. Vor allem der Schmerz der Geburt. Bei mir endet dieser Film auch mit einem A, also ein A wie "Aaaaargh, was habe ich da gesehen?"

Ich fand aber trotzdem das sogenannte "DACH”-Kino, also Deutschland, Österreich, Schweiz, in diesem Jahr auffällig stark. Ganz anders als Fabian mochte ich den Andreas-Dresen-Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" sehr und würde mich tatsächlich freuen, wenn die Hauptdarstellerin Meltem Kaplan einen Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung bekommt. Der Film, der mich tatsächlich am meisten mitgenommen und mit seinen Bildern nachhaltig beeindruckt hat, war "Drii Winter” von Michael Koch, ein archaisches Bergdorf-Drama, was ganz reduziert eine Familientragödie erzählt.

rbb|24: "Drii Winter" führt momentan unseren rbb-Kritiker:innenspiegel an. Fabian, in guter Tradition hast Du diesem Film, dem Anna fünf Sterne gegeben hat, nur zwei Sterne gegeben. Warum?

Wallmeier: Mir war das alles etwas zu simpel und formelhaft. Ich finde, man sah etliche Brüche und Twists schon von weitem kommen. Und ich habe null Beziehung zu diesem Hauptdarsteller aufbauen können, der so ein bisschen so ein tapsiger Bär mit einer Seele aus Gold daherkommt, dann vom Schicksal getroffen wird. Mich hat das auf die Dauer trotz der tollen Aufnahmen gelangweilt.

rbb|24: Welcher Film, glaubt Ihr, wird gewinnen?

Wollner: So eine Jury ist ja immer unglaublich schwer zu lesen. Wenn man sich den Jury-Präsidenten M. Night Shyamalan aber mal anguckt, der in seiner Filmographie auf den einen oder anderen Twist gen Ende steht, denken wir etwa an "The sixth sense" oder "The Village", könnte ich mir vorstellen, dass es tatsächlich der spanisch-französische Film "One year, One Night" wird. Er handelt von zwei Überlebenden des Bataclan-Attentats und hat für Gesprächsstoff gesorgt, der lässt verschiedene Interpretationsspielräume zu. Vermutlich wird es aber wie jedes Jahr für alle eine Überraschung.

Es geht um Traumata, die nicht verarbeitet sind und dann doch wieder hochkommen. Das ist etwas, was ich auch mit vielen Filmen von M. Night Shyamalan verbinde.

Fabian Wallmeier

Wallmeier: Ich habe einen ganz anderen Favoriten, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass er gewinnt: "Nana (Before, Now & Then)" von der indonesischen Regisseurin Kamila Andini. Zum einen hat er eine gewisse politische Brisanz. Es geht um um einen historischen Stoff und um die Selbstbehauptung einer Frauenfigur in widrigen, schwierigen Umständen. Zum anderen hat er einen ganz großen ästhetischen Stilwillen, dazu einen leicht mystischen Touch. Es geht um Traumata, die nicht verarbeitet sind und dann doch wieder hochkommen. Das ist etwas, was ich auch mit vielen Filmen von M. Night Shyamalan verbinde. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der auch auf sowas steht. Und das wäre auch eine Entscheidung, mit der ich gar nicht unglücklich wäre, weil ich den Film mochte.

Wollner: Ich würde da gerne noch ergänzen, dass ich im positiven Sinne das Gefühl hatte, dass die Regisseurin hier ein bisschen von der Bildsprache, Lichtsetzung und Ästhetik her auf den Spuren von Wong Kar-Wai wandelt. Ich fand die Hauptdarstellerin auch fantastisch und ich mochte diesen Film. Ich habe, glaube ich, auch die Höchstwertung gegeben. Also ich bin in dem Fall auch Team "Nana".

Wallmeier: Die Hauptdarstellerin Happy Salma fand ich auch wirklich gut und vielleicht können wir dann direkt zu den Silbernen Bären für die besten Schauspieler:innen kommen.

rbb|24: Bitte.

Wallmeier: Happy Salma habe ich auf meiner Liste. Das war eine ganz, ganz eindrückliche Leistung fand ich.

Wollner: Ich fand generell, wenn wir bei den schauspielerischen Leistungen sind, die Leistungen der Frauen in diesem Jahr eindrücklicher als die der Männer. Der Silberne Bär wird nicht mehr getrennt nach Männern und Frauen vergeben, sondern für die beste Haupt- und die beste Nebenrolle. Wenn ich über potenzielle Kandidat:innen nachdenke, fallen mir spontan mehr Schauspielerinnen als Schauspieler ein. Weil ich mein Herz fürs Schweizer Kino entdeckt habe, fand ich auch Stéphanie Blanchoud, die Hauptdarstellerin aus "La Ligne" von Ursula Meier, großartig. Bei den Herren war es für mich Michael Thomas, der Hauptdarsteller aus "Rimini”.

Aber es war für mich auch von den Themen her, wenn wir uns kurz von den Darsteller:innen entfernen, das Jahr der Frauen.

rbb|24: Warum?

Wollner: Wir haben diese dysfunktionalen Familien, etwa in "La Ligne", aber auch in "Alcarràs". Wir haben auch in "Drii Winter” eine sehr starke Frauenfigur, dazu Sophie Rois in "A E I O U", die trotzdem für mich keine Isabelle Huppert ist.

Wallmeier: Sophie Rois fand ich großartig, neben dem kratzbürstig-aufgedrehten, was man von ihr von der Volksbühne kennt, hat sie in "A E I O U" eine Zartheit und Verletzbarkeit, die ich so von ihr nicht kenne. Für die Hauptrolle habe ich tatsächlich wie Anna primär Frauen auf dem Zettel. Eine, die ich noch ergänzen möchte, wäre Charlotte Gainsbourg in "The Passengers of the night". Wie der Regisseur sie einfängt, wie sie diesen Film trägt - daran konnte ich mich kaum sattsehen.

Bei den Nebenrollen habe ich eher Männer auf dem Zettel: Zum einen Udo Kier, der hier eine Rolle spielt, die ich von ihm so noch nicht gesehen habe, ganz hübsch gegen den Strich besetzt. Er spielt jetzt mal den netten Nachbarn und Freund, eine sanfte Figur, die ich so nicht von ihm kannte.

Noch ein anderer deutscher Schauspieler wäre Alexander Scheer in "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush". Er spielt Rabiye Kurnaz’ Anwalt und späteren Vertrauten und Freund. Ich habe den erst gar nicht erkannt und mich gefragt: Wer ist denn noch mal dieser Schauspieler? Wie er sich in diese Rolle rein gestürzt hat, dass er quasi komplett mit der Figur verschmilzt - das ist wirklich selten. Allerdings hat er vielleicht zu viel Screentime, um noch als Nebenrolle durchzugehen.

Ich würde gerne keinem Film einen Bären geben, sondern allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berlinale, die in den letzten Tagen immer höflich und freundlich geblieben sind.

Anna Wollner

rbb|24: Wenn Ihr selber einen Ehrenbären verleihen dürftet, wem würdet Ihr diesen Bären geben?

Wollner: Ich würde gerne keinem Film einen Bären geben, sondern allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berlinale, die in den letzten Tagen immer höflich und freundlich geblieben sind. Alle Einlasskontrollen, sei es draußen am Potsdamer Platz, wo die die Bändchen verteilt haben, sei es am Berlinale Palast, die Platzanweiser:innen in den Sälen: Die waren, und das habe ich auf der Berlinale noch nie erlebt, vom ersten bis zum letzten Tag total freundlich und hilfsbereit und haben ihren Job unter den Bedingungen, die wir nun einfach hatten, fantastisch gemacht.

Wallmeier: Ich habe das tatsächlich genau so empfunden. Also großen Respekt vor den Mitarbeitenden. Ich hatte vor der Berlinale auch die Sorge, dass einfach viele von denen krank werden oder in Quarantäne müssen. Und dass dann die Arbeitsbelastung für die Einzelnen umso schlimmer wird und das Chaos ausbricht. Das ist ausgeblieben, das Konzept scheint aufgegangen zu sein. Ob wir alle in paar Tagen immer noch gesund sind, wird sich dann zeigen.

rbb|24: Anna, Du hast vor dem Start einen Kommentar geschrieben, in dem Du die Entscheidung zu einem Präsenzfestival in Zeiten von Omikron kritisiert hast. Wie fällt Dein Fazit dieser Berlinale unter diesen Bedingungen aus?

Wollner: Ich habe mit dem Kommentar unbeabsichtigt eine Welle losgetreten, bin an vielen Stellen auch zitiert worden. Ich bin öffentlich beschimpft worden, musste mir Dinge anhören, die ich interessant fand. Aber ich bin immer noch der Meinung, dass es nicht nötig gewesen wäre, die Berlinale als reines Präsenzfestival zu veranstalten. Es war eine ganz merkwürdige Stimmung.

Das Hygienekonzept bei den Pressevorführungen ist meinem Eindruck nach aufgegangen, ich habe mich im Kino immer sicher gefühlt. Aber ein Filmfestival ist ein Ort des Austausches und dieser Austausch hat aus meiner Sicht einfach nicht stattgefunden. Es mag für andere, die nach dem Film noch den Weg ins Restaurant angetreten sind, anders gewesen sein. Das habe ich nicht gemacht.

Mein Alltag sah so aus: Ich bin mit dem Rad zur Berlinale, habe mich auf dem Weg noch irgendwo unterwegs getestet, um die Ansammlung vor den örtlichen Teststationen zu vermeiden. Dann bin ich ins Kino und nach dem Film sofort wieder nach Hause. Was man sonst auf der Berlinale macht, zwischen den Filmen mit Kolleg:innen einen Kaffee trinken gehen zum Beispiel, das hat komplett gefehlt. Ich habe mich mit niemandem wirklich ausgetauscht, außer über WhatsApp. Ich habe auch so gut wie niemanden getroffen. Fabian, wir sehen uns jetzt in diesem Videointerview auch zum ersten Mal während der Berlinale.

Auch die Stimmung am Potsdamer Platz: Das waren für mich Geisterfestspiele. Da war nichts los, was natürlich gut ist, weil es diese Menschenaufläufe nicht gab. Aber ob es das jetzt am Ende alles wert war? Noch bin ich negativ, aber wir haben noch ein paar Tage Inkubationszeit vor uns.

Diese Mär vom Gemeinschaftserlebnis, die ja von den Veranstalter:innen immer so hochgehalten wurde, die halte ich im Rückblick für ein vorgeschobenes Argument.

Fabian Wallmeier

Wallmeier: Du hast es schon angeschnitten. Diese Mär vom Gemeinschaftserlebnis, die ja von den Veranstalter:innen immer so hochgehalten wurde, die halte ich im Rückblick für ein vorgeschobenes Argument. Bei anderen Berlinalen traf man sich mit Kolleg:innen, ging zusammen in den Berlinale Palast, setzte sich irgendwo zusammen hin, quatschte, bis der Film begann. Dann ging man raus, quatschte weiter, traf sich später wieder. Jetzt hatte man fest zugewiesene Plätze, die man auch nicht verändern konnte. Saß irgendwo mit Fremden, mit denen man dann auch eher nicht ins Gespräch kam.

Ich finde, wie Anna, dass diese Berlinale hätte hybrid stattfinden müssen. Auch, weil sie so Menschen von der Teilnahme ausgeschlossen hat, die aus bestimmten Gründen einfach nicht kommen konnten. Sei es, weil sie in Quarantäne mussten, weil sie Kita-Kinder hatten, die wegen Corona nicht in die Kita konnten. Und das finde ich nach wie vor einfach eine falsche, diskriminierende Entscheidung. Unter dem Strich sogar eine skandalöse Entscheidung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sebastian Schneider, rbb|24

Sendung: Radioeins, 16.02.2020, 10 Uhr

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren