Goldener Ehrenbär für Isabelle Huppert - Verletzlich bis zur Verstörung

Di 15.02.22 | 10:47 Uhr | Von Anke Sterneborg
Bild zum Film: Alles was kommt, Quelle: rbb/WDR/CG Cinéma/Ludovic Bergery
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Isabelle Huppert ist die Grande Dame des französischen - und internationalen - Kinos. Auf der Berlinale wird sie in diesem Jahr mit der Hommage und dem Ehrenbären geehrt. Anke Sterneborg porträtiert die enigmatisch Vielseitige.

"Sie war eines jener Wesen, die man sorgsam behüten und ergründen muss", heißt es am Ende ihres ersten wichtigen Films unter der Regie von Claude Goretta: "Früher hätte sich ein Künstler entschlossen, sie als Stimmungsbild zu malen. Er hätte es "Die Spitzenklöpplerin" genannt".

Damals war Isabelle Huppert 24 Jahre und hatte in den vorherigen sechs Jahren bereits 26 Credits angesammelt. Im Film "Die Spitzenklöpplerin" ("La dentellière") ist ihr sommersprossig mädchenhaftes, romantisch wirkendes Gesicht von rötlich blonden Locken weich gerahmt. Ihre braungrünen Augen schauen mal scheu und zurückhaltend, dann fordernd und hungrig, schließlich verletzlich bis zur Verstörung in die Welt. Es stimmt, man muss, man darf sie sorgsam ergründen, die vielen Widersprüche sortieren, die sie auslegt.

Filmstill: Die Spitzenklöpplerin, <<LACEMAKER>>, Isabelle Huppert, 1978. (Quelle: imago images/CEC)
Filmstill: Die Spitzenklöpplerin, <<LACEMAKER>>, Isabelle Huppert, 1978. | Bild: imago images/CEC

Die hohe Kunst des Verbergens

Immer wieder hat Isabelle Huppert betont, welches Glück sie am Anfang ihre Karriere hatte, dass ihr schon sehr früh existenzielle Rollen anvertraut wurden, die sich aufs Innenleben der Figuren konzentrierten, statt auf die äußeren Reize. Von Anfang an hat sie die Extreme der menschlichen Existenz ausgelotet: Lust und Begehren, Einsamkeit und Trauer, Verbitterung und Verlust, Beziehung und Trennung, Missbrauch und Gewalt. Einen Beruf, der sich in der Entblößung definiert, hat sie zur hohen Kunst des Verbergens gemacht: "In jeder Kunst, als Filmschauspieler, aber auch als Maler, Schriftsteller oder Komponist, geht es immer darum, sich zugleich zu entblößen und zu verhüllen", sagte sie: "Einen Teil der Wahrheit hält man immer zurück."

Jeder Moment eine ganze Lebensgeschichte

Als "einen Wirbelsturm der Abwesenheit" beschreibt der Regisseur Patrice Chéreau die Actrice in einem der Texte eines Bandes mit Aufnahmen, zu denen sie berühmte Fotografen wie Robert Frank, Henri Cartier Bresson bis Helmut Newton, Annie Leibowitz und Nan Goldin über einen Zeitraum von 40 Jahren inspiriert hat. Statt einen glamourösen Star in Szene zu setzen, erzählen sie alle mit jedem Bild eine neue Geschichte, jedes Foto ist eine neue Rolle für einen potenziellen Film. Magisch zieht sie die Blicke an, nur um sie dann an ihrer äußeren Hülle abprallen zu lassen. Sie fasziniert und bleibt doch ungreifbar. Selbst wenn sie dem Blick der Kamera frontal begegnet, dringt man nicht in ihr Innerstes vor.

Geboren wurde Isabelle Huppert 1953 in Paris, als Tochter eines Sicherheitsingenieurs und einer Englischlehrerin und als jüngste von fünf Geschwistern. Ihre Kindheit verbrachte sie auf dem Land, entdeckt wurde sie früh auf dem Schulhof bei einem Film-Casting. Schon als Teenager besuchte sie zwei Schauspielschulen, von denen sie sagt, da habe sie nichts gelernt. Vielleicht, weil die Rollen für sie erst in der Auseinandersetzung mit den Spielpartnern vor und hinter der Kamera Form annehmen.

Filmstill: Huppert in <<Liebe meines Lebens>>, 2005 Regie: Patrice Chéreau, Gabrielle (ISABELLE HUPPERT) und Jean (PASCAL GREGORY). (Quelle: dpa/United Archives)
"Gabrielle - Liebe meines Lebens", 2005. Regie: Patrice Chéreau, Gabrielle (ISABELLE HUPPERT) and Jean (PASCAL GREGORY). | Bild: dpa/United Archives

Unlösbares Geheimnis

Warum sie vor der Kamera immer so furchtlos sei, wird sie oft gefragt. Na, sie arbeite eben immer mit guten Regisseuren, erwidert sie, da könne sie ja auch gut furchtlos sein. Es spricht für ihren klaren Instinkt, dass sie sich nie von einer schillernden Rolle, sondern immer vom Vertrauen in eine:n Regisseur:in leiten ließ. Auch das führte dazu, dass das Interesse im Alter, in dem es für viele Schauspielerinnen schwieriger wird, interessante Rollen zu bekommen, bei ihr nur immer noch größer zu werden scheint.

Sie hat die großen Autorenfilmer fasziniert und herausgefordert: von Claude Sautet über Jean Luc Godard, Benoit Jaquot, mit dem sie in sechs Filmen das Wesen menschlicher Beziehungen erforscht hat, bis zu Francois Ozon oder Claire Denis. Und natürlich vor allem Claude Chabrol, mit dem sie nach ihrer ersten Zusammenarbeit in "Violette Nozière" 1978 noch fünf weitere Male die Abgründe der Condition Humaine ergründet hat. Im letzten gemeinsamen Film "Geheime Staatsaffären" spielt sie eine taffe Staatsanwältin im Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch und akzentuiert ihre unnachgiebige Härte mit verführerisch signalroten Handschuhen und Lippenstift zum eisgrauen Kostüm. "Wenn es Isabelle Huppert nicht gäbe", hat Chabrol mal gesagt, könne er keine Filme drehen."

Muse des internationalen Autorenkinos

Schon früh erreichte ihr Ruf auch Filmemacher jenseits der französischen Heimat. Michael Cimino schickte sie in "Heaven’s Gate" als Prostituierte zum betörenden Tanz mit Kris Kristofferson auf die Tanzfläche, sie drehte mit Hal Hartley, mit Márta Mészàros, Andrzej Wajda, den italienischen Brüdern Paolo und Vittoria Taviani, der Schweizerin Ursula Meier, dem Norweger Joachim Trier. Und das ist nur ein Bruchteil ihrer beeindruckenden Karriere, die in bald fünfzig Jahren nie stagnierte. Zudem hat sie noch drei Kinder mit dem libanesischen Produzenten und Regisseur Ronald Chammah, mit dem sie seit 1982 eine der beständigsten Ehen im Filmgeschäft führt.

Verletzlich bis zur Verstörung

Isabelle Huppert ist die Grande Dame des französischen - und internationalen - Kinos. Auf der Berlinale wird sie in diesem Jahr mit der Hommage und dem Ehrenbären geehrt. Anke Sterneborg porträtiert die enigmatisch Vielseitige.

Kosmopolitin des Weltautorenkinos

Eine intensive Zusammenarbeit entwickelte sich auch mit Michael Haneke, der von Anfang an verkündete, "Die Klavierspielerin" nur mit ihr zu drehen. In der strengen Klavierlehrerin Erika Kohut, die ihre toxische Mutter-Tochter-Beziehung in einer sadomasochistischen Liebesbeziehung mit einem Schüler kompensiert, kulminiert die kühle Strenge, die Isabelle Huppert immer nachgesagt wird: "Mir geht es darum, diese oft sehr unsympathischen und negativen Charaktere zu rechtfertigen, oder zumindest verständlich zu machen. Ich möchte einen unschuldigen Raum für sie schaffen. Hinter ihrer Grausamkeit gibt es immer auch eine gewisse Unschuld, eine große Verzweiflung und große Menschlichkeit. 'Die Klavierlehrerin' hat auch deshalb so viele Menschen berührt, weil sie nicht auf ihre Perversion reduziert war, weil sie menschlich war, in ihrer unglaublich unbeholfenen Suche nach Liebe."

Die an die Grenzen des Erträglichen gehende Darstellung brachte ihr bei den Festspielen in Cannes, 23 Jahre nach der Elternmörderin "Violette Nozière" die zweite Auszeichnung als beste Schauspielerin ein. Danach führten Regisseur und Schauspielerin ihre Zusammenarbeit in mehreren Filmen weiter.

Filmstill: Die Klavierlehrerin Erika Kohut (Isabelle Huppert) umarmt in dem Kinofilm <<Die Klavierspielerin>> (Szenenfoto) ihre Mutter (Annie Girardot, r.). (Quelle: dpa/Concorde)
Die Klavierlehrerin Erika Kohut (Isabelle Huppert) umarmt in dem neuen Kinofilm "Die Klavierspielerin" (Szenenfoto) ihre Mutter (Annie Girardot, r.). | Bild: dpa/Concorde

Flirrendes Spiel mit den Erwartungen

Überhaupt liebt sie es, wenn Regisseure sie gegen die Erwartungen besetzen, so wie Marc Fitoussi, der die Grand Dame des Autorenkinos in "Sehnsucht nach Paris", der zartromantischen Beziehungskomödie um ein gesetztes Paar, in Gummistiefeln durch den Matsch eines Bauernhofes stapfen ließ. "Man kennt sie vor allem von diesen ernsteren, tragischeren Rollen", sagt Fitoussi. "Aber sie ist in erster Linie eine Schauspielerin, die spielen will wie ein Kind. Sie will neue Kostüme und Perücken anziehen und Frisuren ausprobieren. Mit ihr zu arbeiten ist ein Traum, sicher, sie ist auch Perfektionistin, aber sie bietet immer neue Details an, sie fordert und bringt damit auch alle anderen dazu, alles zu geben."

Mir geht es darum, diese oft sehr unsympathischen und negativen Charaktere zu rechtfertigen, oder zumindest verständlich zu machen.

Isabelle Huppert

Keine Selbstermächtigungs-Agenda

Taffe, entschlossene Frauen, die sich auch in Männerwelten behaupten, hat Isabelle Huppert häufig gespielt. Zuletzt die Managerin einer Computergame-Firma, die sich selbst von einem Vergewaltiger nicht zum Opfer machen lässt, in Paul Verhoevens "Elle" - eine provokante, mutige Rolle, die ihr einen Golden Globe und endlich auch eine Oscar-Nominierung verschaffte. Aber als Symbolfigur für die Selbstermächtigungsagenda der Frauen will sie sich nicht vereinnahmen lassen: "Jedenfalls war das nicht der Grund, dass ich diese Rolle übernommen habe. Ich glaube auch nicht, dass das Kino dazu da ist, solche Botschaften zu verbreiten. Wie mein Freund Michael Haneke sagt: Dafür sollte man zur Post gehen. Das Kino sollte nicht militant sein, dafür gibt es andere Ausdrucksformen. Dennoch spiegeln Filme natürlich die Probleme, mit denen sich die Menschen gerade beschäftigen."

Die Bretter, die die Welt bedeuten

Bis nach Asien reicht ihr Ruf, zu dem Philippinen Brillante Mendoza, der sie in "Captive" den Strapazen eines Dschungel-Kidnappings aussetzte und nach Südkorea zu Hong Sang-soo, der sie "In "Another Country" in drei Versionen einer französischen Touristin flirren ließ. Dazu spielt sie kontinuierlich Theater, Shakespeare, Virginia Woolf, Heiner Müller, Yasmina Reza, unter anderem mit Größen wie Peter Zadek, Bob Wilson und Claude Regy. So konnte man Isabelle Huppert 2005 bei den Berliner Festspielen live erleben, in Sarah Kanes Einpersonen-Tour de Force "4,48 Psychose", in der sie fast zwei Stunden reglos auf der Bühnenkante der Berliner Festspiele verharrte und den Raum mit dem musikalischen Singsang ihrer Stimme erfüllte. Eine unvergessliche Erfahrung, auch hier war sie zu spüren, die besondere Mischung aus mädchenhafter Aura und tragischem Ernst.

Isabelle Huppert À propos de Joan | About Joan von Laurent Larivière (Quelle: © 247films)Isabelle Huppert in "À propos de Joan" (About Joan) von Laurent Larivière, dem Film, der zur Verleihung des Goldenen Ehrenbären gezeigt wird.

Rufen Sie meinen Agenten!

Inzwischen geht sie auf unglaubliche 70 Jahre zu, hat fast 150 Credits angesammelt, allein seit Pandemieausbruch sind in der International Movie Data Base sechs Filme verzeichnet. In der französischen Serie "Call my Agent", die vom Alltag einer französischen Schauspieler-Agentur handelt, hat auch Marc Fitoussi eine Folge über sie inszeniert. Darin jongliert sie mit zwei parallelen Drehs, einem amerikanischen und einem französischen, einer tags und einer nachts, bereitet sich in den Pausen auf die Bühnenrolle als Hamlet vor, flitzt zwischendrin noch zum Live-Radio-Interview und wenn ihr dann irgendwann die Stimme versagt, dreht ein asiatischer Regisseur bei ihr zuhause einen Low-Budget Film: "Sie ist eine Naturgewalt, sie hat die Ausdauer eines nepalesischen Sherpa!" wird sie von ihrem Agenten verteidigt.

Bei all dem ist Isabelle Huppert keine Chamäleon-Schauspielerin, die hinter ihren Rollen verschwindet. Man erkennt sie immer, hinter dem dezenten Wechsel der äußeren Erscheinung, hinter Frisuren, Haarfarben und Modestilen, die lediglich Akzente setzen. Immer sind die Rollen Absplitterungen ihrer selbst, gespeist aus der Wahrhaftigkeit der Realität, angereichert mit den Fantasien der Autorenfilmer aus der ganzen Welt.

Sendung: Kulturradio, 15.02.2022, 16 Uhr

Beitrag von Anke Sterneborg

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