Porträt | Regisseur M. Night Shyamalan - Dieser Jury-Präsident könnte die Berlinale aufwirbeln

Fr 11.02.22 | 11:26 Uhr | Von Jakob Bauer
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Archivbild: M. Night Shyamalan bei einem Pressetermin. (Quelle: dpa/ZUMA)
Audio: Inforadio | 08.02.2022 | Jakob Bauer | Bild: dpa/ZUMA

Der Wettbewerb ist eröffnet, das Bären-Rennen beginnt. Mit M. Night Shyamalan steht ein waschechter Mainstream-Regisseur mit einem Faible für subtilen Horror an der Jury-Spitze. Und das bei einem Wettbewerb, der viel Arthouse und wenig Massengeschmack zeigt. Erfrischend, findet Jakob Bauer.

Der diesjährige Berlinale-Jury-Präsident M. Night Shyamalan liebt Plot-Twists. Bei dieser, mittlerweile doch schon sehr überstrapazierten Technik, nimmt ein Film, meistens gegen Ende, eine unerwartete Wendung.

Eines der bekanntesten Beispiele der Filmgeschichte hat Shyamalan gleich zu Beginn seiner Karriere selbst geliefert, mit dem Ende von "The Sixth Sense" (1999): Der Hauptcharakter, ein Kinderpsychologe, stellt irgendwann fest, dass er tot ist. Sein Patient, ein kleiner Junge, der tote Menschen sieht, sagt davor einmal zu ihm "Du musst Drehungen und Wendungen in eine Geschichte einbauen, damit sie gut ist." Und diese Drehungen und Wendungen sind zum Markenzeichen des Regisseurs geworden, der selbst allerdings gesagt hat: "Ich mag den Begriff 'Twist' nicht. Das klingt so nach absichtlicher Konstruktion."

Allerdings ist es genau diese Konstruktion, die ihm im Laufe seiner Karriere auf die Füße fallen wird.

Sein erster Erfolg stellt gleich die Filmwelt auf den Kopf

Geboren ist M. Night Shyamalan als Manoj Nelliyattu Shyamalan 1970 in Indien, aufgewachsen ist er in Philadelphia, in einer Familie aus Akademikern, größtenteils Ärzten. Der junge Manoj interessierte sich aber immer mehr für die Arzt-Serien im Fernsehen als für den Arzt-Beruf und dreht schon in seiner Jugend über 40 Kurz-Produktionen. Sein erster Spielfilm "Praying With Anger" wird auf dem International Filmfestival in Toronto 1992 zum Kritikererfolg.

Wenn Shyamalan nach der Ernennung zum Berlinale-Jury-Präsidenten in einem Video sagt, Filmfestivals seien der Türöffner für junge Filmemacher:innen zur Welt, ein Ort, an dem junge Stimmen zum ersten Mal gehört werden, dann kann man ihm seine Freude über den Job also durchaus abnehmen. Allerdings ist es auch so, dass Shyamalan erst sieben Jahre nach seinem Festival-Liebling "Praying With Anger" seinen ersten, wirklichen internationalen Erfolg hat, der dann aber gleich die Filmwelt auf den Kopf stellt. "The Sixth Sense" war – nach "Star Wars Episode I" – der erfolgreichste Kinofilm des Jahres 1999.

Hat der das Drehbuch zu seiner Karriere selbst geschrieben?

Was dann folgt, könnte Shyamalan sich selbst für einen Film ausgedacht haben. Er wird in höchsten Tönen gelobt, sogar die 2013 verstorbene Kritiker-Legende Roger Ebert hat ein Herz für "The Sixth Sense". Und dass Shyamalan auf Autonomie beharrt, nicht nach Hollywood geht, sondern sein eigenes Produktionsstudio bei Philadelphia baut, weckt die Hoffnung, hier den nächsten großen Auteur zu haben. Einen allerdings, der Mainstream mit Filmkunst verbinden kann.

Filmstill: Glass von M. Night Shyamalan; SAMUEL L. JACKSON als Elijah Price / Mr. Glass, JAME MCAVOY als Kevin Wendell Crumb / The Beast, BRUCE WILLIS als David Dunn. (Quelle: imago images/WD Studios)Samuel L. Jackson, James McAvoy und Bruce Willis in "Glass" (2019)

Mit seinen Mysterien zieht Shyamalan die Zuschauer in seine Filme rein, um dann tiefliegende menschliche Konflikte zu bearbeiten. Häufig geht es um Beziehungen, noch häufiger um Eltern und ihre Kinder. Etwas Dunkles legt sich über die Familien, in Form von Aliens in "Signs" oder eben den Toten in "The Sixth Sense". Unter dem extremen äußeren Druck müssen die Menschen jetzt miteinander zurechtkommen, sich wieder nahe kommen, ehrlich zueinander sein, um den äußeren Horror gemeinsam zu überstehen. Eine Idee, die zwar nicht unbedingt frisch ist, die Shyamalan anfangs aber meisterhaft auf den Punkt bringt – emotional und intellektuell.

Und dann knarzt es vor Über-Konstruiertheit

Aber dann kommen eben holzschnittartige Filme wie "The Village – Das Dorf" (2004), "Das Mädchen aus dem Wasser" (2006) oder "Die Legende von Aang" (2010). Shyamalans Strahlkraft ist noch groß, er arbeitet mit fantastischen Schauspielern wie Joaquin Phoenix, William Hurt oder Sigourney Weaver zusammen, die Kamera-Koryphäe Roger Deakins leiht ihm seinen Blick und Shyamalans Grundmysterien bleiben spannend. Aber wenn der Twist in "The Sixth Sense" noch eine Dreingabe, eine Sahnehaube zu einem hochkomplexen, emotionalen Drama war, so wird er in Filmen wie "The Village" fast schon peinlicher Selbstzweck. Vor Über-Konstruiertheit knarzt es auch in "Old" (2021), in dem die Menschen plötzlich viel zu schnell altern. Alle Subtilität vergangener Filme geht da flöten, wenn die betroffene Familie am Anfang im Auto sitzt und sich Sätze hin- und herwirft wie: "Du solltest den Moment genießen, schau, wie schön es hier ist" und "Du denkst immer nur an die Zukunft".

Filmstill: Aaron Pierre in OLD 2021 von Regisseur M. Night Shyamalan. (Quelle: imago images/Prod. DB)Aaron Pierre in "Old" (2021)

Da hilft dann auch die bedachte, langsame Erzählweise nichts mehr, die Shyamalan und seine Mystery-Grusel-Horror-Stories von anderen Produktionen ähnlichen Genres unterscheidet. Es ist der unerwartete Twist in einer Karriere, die so groß begann: Die Kritiker:innen und die Zuschauer:innen lassen Shyamalan fallen. Er selbst sieht das nicht so recht ein. Als er sich Mitte der 2000er von den Disney-Studios trennt, wirft er den Studio-Bossen vor, sie seien nur interessiert an Geld und hätten keinen Sinn für "bilderstürmerische Genies" wie ihn.

Ein mit Negativ-Preisen dekorierter Regisseur als Chef der Berlinale-Jury

Es dürfte eine eigenartige Premiere in der Geschichte der Berlinale sein: Der Jury-Präsident 2022 M. Night Shyamalan hat fünfmal den Negativ-Preis "Goldene Himbeere" gewonnen, zusätzlich war er zehn (!) Mal nominiert. Aber all das disqualifiziert ihn keineswegs für das Amt des Jury-Präsidenten. Zumal viele seiner Produktionen in den letzten Jahren – nächster Twist – dann doch allesamt wieder interessanter wurden, sodass die Kritiker:innen sich die Augen reiben und langsam zurückkommen.

Im Gegenteil: Ein Jury-Präsident, der eher dem Mainstream zugewandt ist und halt einfach sein Ding durchzieht, der kann doch für ganz erstaunliche Ergebnisse sorgen. Bestes Beispiel: Als "Pulp Fiction" von Quentin Tarantino 1994 die goldene Palme von Cannes gewann, war ein gewisser Clint Eastwood Vorsitzender der Jury. Und es ist durchaus anzunehmen, dass ein dickköpfiger Spike Lee als Jurypräsident nicht wenig Einfluss darauf hatte, dass Julia Ducournaus wilder, aber wunderbarer "Titane" (2021), ebenso in Cannes, die goldene Palme gewonnen hat.

Bei der Berlinale haben in den letzten Jahren hingegen meist würdevolle, dem Kunstkino nahestehende und in der Filmwelt weniger umstrittene Namen die Jury geleitet – Jeremy Irons, Juliette Binoche, Meryl Streep, Tom Tykwer. Jetzt ist es ganz wunderbar, sich vorzustellen, wie Shyamalan – der "Indiana Jones", "Der Weiße Hai", "Das Schweigen der Lämmer" und "Alien" zu seinen Lieblingsfilmen zählt – sich durch das wenig mainstream-orientierte Berlinale-Programm beißt. Welchen Blick entwickelt ein M. Night Shyamalan auf solche Filme, die sicherlich nicht in seiner Komfortzone liegen? Darauf können wir gespannt sein. Und das kann die Berlinale, die immer mit einer gewissen Wettbewerbs-Blässe kämpft, ordentlich aufwirbeln und ihr eigentlich nur gut tun.

Ein Mainstream-Regisseur an der Spitze der Berlinale-Jury

Sendung: Inforadio, 08.02.2022, 14:55 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

1 Kommentar

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  1. 1.

    Er hat sehr geile Filme gedreht. "The sixth Sense" wird mir niemand mehr nehmen können. Ein paar Filme waren nicht so toll: ich bin aber fest davon überzeugt, dass er es schaffen wird.

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