Interview | Berlinale-"Shooting Star" Sakraya - "Das werden vier, fünf Tage, die ich nie vergessen werde"

Mo 14.02.22 | 11:59 Uhr
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Schauspieler Emilio Sakraya bei der Premiere seines Films "Once Upon a Time in... Hollywood" in Berlin. (Quelle: AP/dpa/Michael Sohn)
Audio: Kulturradio | 14.02.2022 | Anna Wollner | Bild: AP/dpa/Michael Sohn

Die Fußstapfen sind riesig für Emilio Sakraya, aber er freut sich, in sie hineinzutreten: Als "European Shooting Star 2022" wird er am Montag auf der Berlinale geehrt. Anna Wollner hat mit dem Berliner gesprochen.

rbb: Herr Sakraya, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung als European Shooting Star auf der Berlinale 2022. Sie treten in sehr große Fußstapfen. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Emilio Sakraya: Für mich ist sie erstmal ein großes Zeichen der Akzeptanz meiner Arbeit innerhalb der Branche. Ich hatte bestimmt nicht als einziger damit zu kämpfen, nicht oberflächlich nur auf mein Äußeres reduziert und bewertet zu werden. Ich hatte oft mit genau diesen Vorurteilen zu kämpfen: Ach, der kann doch gar nichts. Darum ist es für mich jetzt etwas Besonderes, einen brancheninternen Preis zu bekommen, der der krasseste Preis ist, den man kriegen kann. Als Nachwuchsschauspieler in Europa und vor allem auch in Deutschland.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie von der Auszeichnung erfahren haben?

Ich war am Set, habe gedreht. Ich bekam einen Anruf: "Du bist European Shootingstar". Meine erste Reaktion war. "Ok, cool. War es das? Ich muss wieder ans Set. Tschüss." Ich habe das in dem Moment gar nicht verstanden, war in meiner eigenen Welt. Selbst nach dem Dreh und während des ersten Zoom-Calls mit dem Shooting-Star-Team war ich noch so verstrahlt, dass ich es nicht verstanden habe. Richtig klar war es mir erst nach der ersten Pressemitteilung. Denn dann kamen die ganzen Glückwunsch-Anrufe und Nachrichten.

Zur Person

Der 25-jährige Emilio Sakraya hat unter anderem in der Serie "4Blocks" mitgespielt und in Til Schweigers Film "Die Rettung der uns bekannten Welt". Auch im neuen Film von Regisseur Fatih Akin soll er zu sehen sein - mit "Rheingold" hat Akin die Lebensgeschichte des Rappers Xatar verfilmt. Sakraya übernahm darin die Hauptrolle.

Haben Sie eine Ahnung, was auf der Berlinale auf Sie zukommt?

Nein. Bisher weiß ich nur, was ich an den Tagen anziehen werde. Ich freue mich einfach, die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen kennenzulernen. Ich freue mich, mal wieder Gespräche zu führen, sich auszutauschen. Ich war seit zwei Jahren auf keinem Event, auf keiner Veranstaltung mit Leuten aus der Filmbranche. Mir fehlt das. Der Austausch mit den Kollegen, der Austausch über Ideen und Projekte. Da habe ich gerade einfach totalen Bock drauf. Ich will die Zeit einfach genießen. Das werden vier, fünf Tage, die ich nie vergessen werde. Ich will einfach in dem Moment leben. Deswegen möchte ich mich da gar nicht großartig vorbereiten oder mir Sachen überlegen. Ich habe keine Ahnung, wie das abläuft. Ich lass mich einfach komplett überraschen.

Sie wissen jetzt schon, was Sie anziehen werden. Wie wichtig ist Ihnen dieser Glamour-Aspekt?

Nicht mehr so wichtig, wie er es mal war. Auf meinen ersten Berlinalen vor fünf, sechs Jahren, da waren mir die Partys und Premieren fast wichtiger als die Filme. Ich fand diese Welt unglaublich spannend. Das ist dann aber recht schnell abgeklungen, die letzten Jahre konnte ich aus beruflichen Gründen nicht mehr zur Berlinale, weil ich immer woanders gedreht habe. Meine Prioritäten haben sich verlagert. Der Glamour ist mir bei weitem nicht mehr so wichtig und interessant, wie es mal war.

Haben Sie das Gefühl, durch die letzten zwei Jahre Pandemie etwas nachholen zu müssen?

Zum Glück nicht, denn ich glaube, das wäre sehr sehr viel. Man darf es eigentlich gar nicht zu laut sagen, aber unabhängig von den Regeln mit Tests, Masken, Abstandhalten Impfen, habe ich von Corona gar nicht so viel mitbekommen. Ich hatte das große Glück, arbeiten zu können. Ich habe gedreht, ein Album rausgebracht, weitere Musik geschrieben und vorbereitet, stecke gerade in der Planung von der Tour. Ich habe das Gefühl, dass ich in der ganzen Weltgeschichte unterwegs war und das große Glück hatte, in Projekte involviert zu sein, wo es möglich war, gewisse Sachen machen zu können - mit Quarantäne, Tests und sehr viel Vorsicht. Deswegen habe ich nicht das Gefühl, viel nachholen zu müssen. Zum Glück.

Woher kommt Ihr Drang zu spielen und wann haben Sie den für sich entdeckt?

Das kam sehr früh. Gefühlt war der erste Gedanke, den ich hatte: Film. Ich habe schon immer Filme geguckt, ich war fasziniert von dieser Welt, von den Leuten, die Filme machen und wollte Teil davon sein. Das habe ich klar kommuniziert mit meiner Mutter und sie hat das dann einfach unterstützt, nach Wegen gesucht mich zu fördern. Ich war von klein auf in Werbe- und Schauspielagenturen und das wurde immer ernster. Es kamen die ersten Rollen, dann die ersten größeren Rollen. Mit 16, 17 habe ich gesagt, ich will das wirklich machen. Mit dieser bewussten Entscheidung bin ich dann weiter vorangeschritten und mach es jetzt halt einfach.

Sie haben schon vor der Schauspielerei erfolgreich Kung Fu und Karate gemacht. Wie sehr hilft der Kampfsport in der Schauspielerei?

Im Kampfsport sind Disziplin und Durchhaltevermögen ein großes Thema. Das habe ich mitgenommen. Es gab bisher keinen Film, bei dem ich nicht sagen konnte, die Physis hat nicht geholfen bei dem Projekt. Das Reiten lernen für "Bibi und Tina" zum Beispiel. Das waren alles Sachen, die mir sehr leicht gefallen sind durch meine Sportlichkeit. Ich habe ja nicht nur Kung Fu und Karate gemacht, ich habe auch American Football gespielt, habe Eiskunstlauf gemacht, Akrobatik, bin geritten, Parcours gelaufen. Immer mit dem Hintergedanken, dass ich es vielleicht irgendwann für einen Film brauchen könnte. Und bisher hat es auch nur geholfen.

Wonach suchen Sie sich Ihre Rollen aus?

Neben dem Regisseur in erster Linie das Drehbuch und das Format. Für mich ist meist nach dem Drehbuchlesen klar, ob ich ein Projekt machen möchte oder nicht. Also Buch, Medium und Regie.

Sie haben schon mit Detlev Buck, Til Schweiger und Fatih Akin gedreht. Was erwarten Sie von einem Regisseur?

Relativ viel. Aber ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verstehen. Als ich noch zu ziemlich vielen Castings gegangen bin, habe ich irgendwann verstanden, dass es gar nicht darum geht, da hinzugehen, abzuliefern und die Rolle zu bekommen, sondern dass Castings auch für einen selbst da sind. Um den Regisseur kennenzulernen und zu gucken, ob man überhaupt mit dem Regisseur und seiner Art und Weise zurechtkommt. Das zu verstehen hat mir unglaublich geholfen. Nicht nur die haben ein Casting, auch ich. Ich muss auch für mich entscheiden, ob ich mit denen zusammenarbeiten möchte.

Aber ich habe an den Regisseur genauso viel Erwartung wie der Regisseur an mich. Wenn ich eine Hauptrolle spiele, sind die Erwartungen sehr groß. Dann trage ich das Projekt auf meinen Schultern genauso wie der Regisseur. Dann nehme ich mir auch raus, an ihn die gleichen Ansprüche zu stellen.

Sie hatten lange das Image als "Mädchenschwarm", gerade durch die "Bibi und Tina"-Verfilmungen. Gab es für Sie einen Punkt, wo Sie dachten, jetzt bin ich im ernsten Fach angekommen?

Ich habe das nie so wahrgenommen. Denn selbst "Bibi und Tina" war für mich aus schauspielerischer Sicht ein ernstes Fach. Ich finde es schade, dass es in Deutschland so verpönt ist, als junger Schauspieler Kinderfilme zu machen. Es ist so festgehämmert, dass Leute, die Kinderfilme machen, meistens nie aus dem Genre rauskommen und sie selbst mit 35 noch auf ihre frühen Filme und Arbeiten angesprochen werden. Ich finde dieses Schubladendenken sehr beschränkt. Ich habe nach "Bibi und Tina" die Serie "4 Blocks" gemacht. Das ist hundertprozentiges Kontrastprogramm. Ich war nicht mehr der Mädchenschwarm, sondern Drogendealer.

Sie sind waschechter Berliner.

Yes!

Wie sehr hat die Stadt Sie geprägt und prägt Sie auch heute noch?

Extrem. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich seit einem Monat weg bin. Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber ich bin nach München gezogen. Aber Berlin hat mich geprägt, hier habe ich meine Wurzeln, habe alle meine Erfahrungen gemacht. Ich habe meine Jugend hier verbracht - die Zeit, die für die Charakterbildung mit am wichtigsten ist. Diese Jugendzeit, diese pubertäre Phase, wo man nur noch von seinen Hormonen gesteuert ist und eigentlich nur noch so handelt, wie man gerade denkt. Ich hätte auch nie gedacht, aus Berlin wegzuziehen.

Warum haben Sie es trotzdem getan?

Für mich ist Berlin die perfekte Stadt, wenn man noch auf der Suche ist, noch nicht genau weiß, was man machen will. Man kann sich noch in allem ausprobieren. Berlin ist so riesig und so voll. Aber ich weiß was ich will, ich weiß, dass ich mit meiner Arbeit von morgens bis abends unterwegs bin, ich brauche einen Ruhepol und den habe ich in Berlin nicht. Die Stadt ist mir auf Dauer zu stressig und zu laut geworden. Aber ich will nicht ausschließen, dass ich wiederkomme.

Was ist Ihre bisher schönste Berlinale-Erinnerung?

Nach einem Berlinale-Abend kann man sich im Idealfall doch eh nie daran erinnern. (lacht). Aber mein erster Eröffnungsabend, der hat mich schon nachhaltig fasziniert. Gerade wenn man jung ist, kommt einem ja sowieso alles größer vor, als es tatsächlich ist. Gefühlt waren da hundert Fotografen, ein 200 Meter langer roter Teppich. Hunderte von Menschen, die rumstehen und irgendwelche Namen schreien von irgendwelchen Leuten, die gerade aus dem Auto steigen. Blitzlichtgewitter, Abendgarderobe. Das ist so mein erster Eindruck, den ich hatte und den ich auch nicht aus dem Gedächtnis kriegen werde.

Dann drücke ich Ihnen die Daumen, dass Sie in diesem Jahr ganz viele neue Berlinale-Erinnerungen sammeln können.

Vielen Dank.

 

Das Interview mit Emilio Sakraya führte Anna Wollner, Radio Fritz

Sendung: Kulturradio, 14.02.2022, 16 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Herzlichen Glückwunsch !
    Jedem, der es kann und schafft aus dieser Stadt wegzuziehen.
    Der eigentliche Text steht, wie so oft in solchen Interviews, zwischen den Zeilen.

  2. 1.

    Ein wohltuend normaler "Berliner" ;-) und ja, ich musste auch zu "Bibi und Tina" mit ins Kino °_° und fand ihn als einzigen "sehenswert" sorry ;-) Seit 4Blocks ist Emilio Sakraya definitv bei mir auf einer anderen Liste als "Jugendfilmchen" angekommen. Viel Erfolg und vor allem viel Spaß bei der Berlinale!

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