Interview | Berlinale-Favoriten - "Die Stars waren da, aber der Glamour ist nicht übergesprungen"

Sa 25.02.23 | 14:16 Uhr
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Berlinale-Kritiker Fabian Wallmeier (links) und Anna Wollner (rechts) (Bild: rbb)
Audio: rbb24 Inforadio | 25.02.2023 | Frauke Gust | Bild: rbb

Am Samstagabend werden die Bären der 73. Berlinale verliehen. Unsere Filmkritiker:innen Anna Wollner und Fabian Wallmeier erzählen im Interview, wer ihre Favoriten sind und wie sie die erste Berlinale ohne Corona-Einschränkungen erlebt haben.

rbb|24: Wenn ihr Jury-Präsidentin wärt, welchen Film würdet ihr persönlich mit dem Goldenen Bären auszeichnen?

Anna: Ich würde erstmal nur zwei Filme nehmen, die mich persönlich sehr bewegt haben, den anderen beiden auf meinem Zettel traue ich tatsächlichen auch einen Bären zu. Der erste Film ist "Past Lives". Das ist kein klassischer Bären-Gewinner, aber ich habe mich einfach sehr wohl gefühlt in diesem Film – eine koreanisch-amerikanischen Liebesgeschichte über 24 Jahre, die eben keine reine Liebesgeschichte ist, sondern eine sehr intime Verhandlung über Heimat Heimatlosigkeit. Das wäre meine lobende Erwähnung.

Sofort alle Bären würde ich an den japanischen Anime "Suzume" geben. Ein Film wie ein Tsunami – eine filmische Metapher über Trauma und Verlustbewältigung. Zugleich aber auch eine Coming of Age Geschichte und eine Fantasygeschichte. Vollgepackt mit japanischer Mythologie und japanischer Geschichte, dass ich beim ersten Mal gucken bei weitem nicht alles verstanden habe.

Fabian: Die finde ich beide auch gut. Vor allem "Suzume" fand ich auch ganz fantastisch. Den Goldenen Bären würde ich aber Christian Petzold geben, denn der macht in seinem neuen Film "Roter Himmel" etwas, was ich von ihm überhaupt nicht erwartet habe: eine leichte Sommerkomödie. Der Film folgt einem eigentlich ziemlich unsympathischen Typen mit Schreibblockade durch seinen Schlechte-Laune-Trip an der Ostsee. Trotzdem gewinnt "Roter Himmel" eine wunderbare Leichtigkeit - und gewinnt natürlich im weiteren Verlauf noch an Tragik und Tiefe. Ich bin echt geflasht aus dem Kino rausgegangen.

Aber was glaubt ihr, welcher Film wird es tatsächlich schaffen? Wer holt den Goldenen Bären nach Hause?

Anna: Zwei meiner Lieblingsfilme haben tatsächlich realistische Bärenchancen. Einmal "Roter Himmel" von Christian Petzold und ich bin sehr froh, dass ich mit Fabian endlich mal übereinstimme, was das deutsche Kino angeht. Ich glaube, wir können uns nachher noch ein bisschen streiten.

Wenn man bedenkt, dass Kirsten Stewart Jury-Präsidentin ist, könnte der spanische Film "20.000 Species of Bees" den Goldenen Bären gewinnen, der Debütfilm der jungen Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren. Ein Film über ein Trans-Kind, erzählt aus der kindlichen Perspektive mit einem ganz sensiblen Umgang mit dem Thema Trans. Ein Kind auf der Suche nach sich selbst, der eigenen Identität, das weder auf Namen noch auf Geschlecht reduziert werden möchte und sich im familiären Umfeld behaupten muss. "20.000 Species of Bees" ist für mich ein klassischer Bären-Kandidat.

Fabian:
Ich glaube auch an den Goldenen Bären für "20.000 Species of Bees". Gar nicht, weil ich ihn uneingeschränkt gut finde. Filmisch finde ich ihn überhaupt nicht herausragend und er ist auch deutlich zu lang. Aber ich bin dem kleinen Mädchen sehr gerne gefolgt und finde, dass der Film ein wichtiges und auch zeitgemäßes Thema hat. Und das ist eben oft auch ein Kriterium bei der Bärenvergabe. Da gewinnen meist nicht die ästhetisch radikalen Filme, sondern die, auf die man sich so auch einigen kann, weil sie gut gemacht sind und ein wichtiges Thema haben.

Ihr seid euch in diesem Jahr sehr einig und beieinander. Kommen wir zur nächsten großen Kategorie, die beste darstellerische Leistung in einer Hauptrolle. Wer ist euer/eure Favorit:in?

Fabian: Wenn die Berlinale Kinder mit dem Darstellungspreis auszeichnen würde, hätte ich Sofía Otero aus "20,000 Species of Bees" auf meinem Zettel. Aber auch das genauso tolle Mädchen aus "Totém". Weil ich aber nicht glaube, dass die Berlinale ein Kind mit der großen Bürde eines so großen Preises belasten will, kann ich mir Mwajemi Hussein aus "The Survival of Kindness" vorstellen. Der australische Film handelt von einer im Abspann nur "Black Woman" genannten Frau, die sich zu Beginn erst mal aus einem Käfig mitten in der Wüste befreien muss. Ihr Leidensweg in dieser brutalen Dystopie ist damit noch lange nicht zu Ende. Und Hussein muss den Film fast ohne Worte schultern. Das macht sie unglaublich gut.

Greta Lee in dem von Anna schon gelobten Film "Past Lives" kann ich mir auch sehr gut als Preisträgerin vorstellen. Ich habe ihr unheimlich gern zugeschaut. Sie hat einen verqueren Witz in diese Rolle reingebracht und trägt den Film auch auf einer emotionalen Ebene.

Und um nochmal auf Christian Petzold zurückzukommen: Ich fand Thomas Schubert in der Hauptrolle in "Roter Himmel" sensationell, er wäre auch ein würdiger Preisträger.

Anna: Für mich ist es relativ schwierig bei den Darsteller:innen. Ein roter Faden im Wettbewerb war toxische Männlichkeit. Viele Filme haben das in irgendeiner Art und Weise aufgegriffen – ganz unterschiedlich. Jesse Eisenberg vollkommen überzogen in "Manodrome", Franz Rogowski in "Disco Boy", Ronald Zehrfeld in "Ingeborg Bachmann". Thomas Schubert ist der Gegenentwurf zur toxischen Männlichkeit, nämlich der lethargischen Männlichkeit und für mich definitiv ein Bären-Kandidat. Wenn die Jury unsere Liebe zu Roter Himmel teilt.

Fünf Filme aus Deutschland waren sehr präsent im Wettbewerb. Verdientermaßen? Oder gab es einen Film, den ihr als unterirdisch empfunden habt?

Anna: Mit Emily Atefs Romanverfilmung "Irgendwann werden uns alles erzählen" hatte ich ein großes Problem, vor allem mir er Inszenierung der toxischen Männlichkeit. Die Sexszenen, die sie inszeniert hat zwischen Felix Kramer und Marlene Burow, waren für mich Vergewaltigungsszenen, die ich 2023 so nicht mehr sehen möchte.

Margarethe von Trotta – auch mit toxischer Männlichkeit zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, ein absolut behäbiges Altherren-Kino. Und das waren meine milden Urteile über den deutschen Film.

Und jetzt kommt der Streitpunkt. Ich weiß, dass Fabian "Music" sehr loben wird. Da sind wir schon immer unterschiedlicher Meinung. Im Film "Music" gibt es für mich überhaupt keine Bilder, keine Vision. Dieser fragmentarische Ödipuskomplex ist kein Kino, sondern Folter gewesen.

Fabian:
Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns bei den anderen Filmen "Ingeborg Bachmann" und "Irgendwann werden uns alles erzählen" doch so einig sind. Die fand ich nicht mal mittelmäßig. Das sind keine Filme, die in den Wettbewerb gehören. Total biederes, langweiliges Vorabendkino.

"Music" bewerte ich tatsächlich ganz anders, wie du schon vermutet hast, Anna. Angela Schanelec hat hier mal eine relativ klare Geschichte erzählt, für ihre Verhältnisse: die Lebensgeschichte eines Mannes, einer auch mythisch aufgeladenen Todesbotenfigur, von seiner Geburt irgendwo in Griechenland, bis ins heutige Berlin, wo er ein gefeierter Sänger ist. Und wie sie mit der Musik arbeitet, die einerseits das Ganze spiegelt, aber auch kommentiert, das fand ich wirklich brillant und würde mich auch über einen Bären für Angela Schanelec freuen.

Und den fünften deutschen Film, "Bis ans Ende der Nacht" von Christoph Hochhäusler, fand ich auch ganz schön. Es ist ein Krimi und gleichzeitig eine Liebesgeschichte zwischen einer trans Frau und einem schwulen Polizisten. Als Bärenkandidat würde ich ihn aber nicht sehen.

Wie war die Atmosphäre bei diesem ersten Präsenzfestival ohne Maske nach den Pandemiejahren? Wie war die Stimmung auf dem roten Teppich und bei den Besuchern?

Anna: Die Berlinale im letzten Jahr haben wir als Geister-Festspiele wahrgenommen, am Potsdamer Platz war nichts los. Auch dieses Jahr kam dort keine richtige Festivalstimmung auf - riesige Baustellen, umständliche Wege, die fehlenden Spielorte am Potsdamer Platz sorgten für weniger normales Publikum als früher. Die Glamour-Atmosphäre hat einfach gefehlt. Das hatte ich einmal kurz im Zoo-Palast zur Preisverleihung der Serien. Alle Teams waren da, das hatte wirklich was Familiäres, überhaupt kein Konkurrenzgefühl.

Ich fand es sehr merkwürdig, dass es außer am Berlinale Palast und am Zoo Palast keinen richtigen roten Teppich gab. Teams, die in einem anderen Kino Premiere hatten, gingen über den Teppich am Berlinale-Palast, um danach mit dem Auto zur eigentlichen Spielstätte zu fahren. Das fand ich wenig nachhaltig und sehr inszeniert und es trug sicherlich dazu bei, dass es sich an den anderen Orten nicht ganz nach Berlinale angefühlt hat. Die Stars waren da, aber der Glamour ist nicht übergesprungen

Fabian:
Dass der Friedrichstadtpalast nicht mehr als Spielstätte mit im Angebot ist, finde ich eine gute Nachricht. Der war als Kino eine totale Zumutung. Ob die Verti Music Hall in diesem Jahr ein guter Ersatz war, kann ich nicht beurteilen. Ich habe von anderen gehört, dass trotz der unbequemen Kongressbestuhlung zumindest Sound und Leinwand wirklich gut gewesen sein sollen. Ob so eine zugige Halle irgendwo zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße zu einer guten Festival-Stimmung beitragen: Ich weiß nicht.

In den bekannten Spielstätten habe ich das Publikum aber genauso lebendig erlebt wie sonst. Ich war häufiger im Cubix am Alex - da war die Stimmung gut und es war immer gut gefüllt.

Es war davon abgesehen aber auch die erste Pandemie-Berlinale ohne Maskenpflicht und andere Beschränkungen. Ich habe tatsächlich nur wenige Masken gesehen, dafür zeigte aber meine Corona-Warn-App jeden Tag Risikobegegnungen an. Hoffen wir mal, dass das gut gegangen ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sebastian Hampf, rbb|24.

Sendung: rbb24 Abendschau, 25.02.2023, 19:30 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Die Berlinale ist spannend. Wer anderes behauptet, hat einfach keine Ahnung

  2. 4.

    Die Berlinale ist trotz angereister Stars seit mehr als 10 Jahren zu einer Drittklassigen Veranstaltung verkommen.

  3. 2.

    Die Berlinale ist in dieser Zeit sowas von uninteressant.

  4. 1.

    „euer/eure Favorit:in“ ???
    Da gibt es eine ganz einfache richtige Form in der Mehrzahl, die wirklich alle meint und die auch Kinder so verstehen, weil man es richtig gelehrt bekommt. Jetzt brauchen nur noch die Journalisten das Richtige anwenden... um überall akzeptiert zu werden: Eire Favoriten ist das Richtige?

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