Cate Blanchett präsentiert ihre Serie "Stateless" auf der Berlinale. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
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Berlinale | Cate Blanchett über "Stateless" - "Wir wollen den Menschen ihre Würde zurückgeben"

Cate Blanchett ist Stammgast auf der Berlinale. Die australische Schauspielerin kommt gerne nach Berlin. Diesmal hat sie die sechsteilige Serie "Stateless" dabei - über Menschen, die auf der Flucht alles verloren haben, nicht zuletzt ihre Würde. Von Anna Wollner

rbb|24: Mrs. Blanchett, macht es einen Unterschied, ob man mit einem Film oder einer Serie auf der Berlinale vertreten ist?

Cate Blanchett: Nein, nicht unbedingt. Ich kenne die Berlinale ja von meinen Filmen. Die Erfahrung des bewegten Bildes ist die Gleiche. Das Tolle an der Berlinale ist, dass sie den kleinen Bildschirm genauso wertschätzt wie die große Leinwand. Egal ob Film oder Serie. Hier ist jedes audiovisuelle Medium willkommen.

Fühlen Sie sich im seriellen Erzählen freier als in einem Film?

Wir hatten nicht unbedingt mehr Drehtage, wir hatten nicht so viel Geld. Es war alles sehr eng getaktet. Was aber das Erzählen an sich angeht, haben wir lange überlegt, ob wir einen Film oder eine Serie machen wollen. In unseren Recherchen haben wir so viel Erfahren, von soviel Leid gehört, dass wir möglichst viel davon abbilden wollten. Die Idee vom Film haben wir schnell verworfen. Eigentlich waren auch nur vier Folgen angedacht, am Ende sind es sechs geworden.

Die Berlinale ist für sie schon erfolgreich gelaufen. Sie haben die internationalen Rechte der Serie an Netflix verkauft. Wie wichtig ist dieser Deal für Sie?

Das ist für uns eine große Chance. Das die Serie und vor allem das Thema außerhalb Australiens wahrgenommen wird. Wir haben ja diese deutsch-australische Figur und haben schon früh darüber gescherzt, wie wunderbar es wäre, die Serie auf der Berlinale zeigen zu können. Hier sind wir jetzt. Und wir erzählen eine globale Geschichte. Eine Geschichte, die alle angeht und alle betrifft. Auch wenn sie in Australien angesiedelt ist. Das uns das jetzt gelungen ist, und die Serie in die Welt hinausgetragen wird, ist wirklich aufregend.

Sie sind hier in einer Doppelrolle - als Hauptdarstellerin und Produzentin. Haben Sie vor allem aus wirtschaftlichen Gründen mitgespielt? Weil ihr Name eine größere Strahlkraft mit sich bringt?

Nein, nicht nur. Ich wollte unbedingt mit meinem Kollegen Dominic West spielen. Und einen seidenen mint-lavendelfarbenen Jogginganzug tragen. Dummerweise durfte ich den nicht mit nach Hause nehmen. Ich muss da wohl nochmal mit der Produzentin ein ernstes Wörtchen reden. (lacht)

Wird Ihnen der kreative Part hinter der Kamera immer wichtiger?

Als Schauspielerin war ich immer schon am großen Ganzen interessiert und nicht nur an meiner Rolle. Dass ich jetzt vermehrt produziere, ist eigentlich nur konsequent. Ich habe schon immer mit allen Departements beim Film gesprochen. In Australien haben wir sehr flache Hierarchien am Set. Jetzt als Bindeglied zwischen all dem zu stehen, ist für mich wie eine Berufung.

Es geht in "Stateless" um die australische Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Was hat Sie daran gereizt?

Ich hatte vorher schon für die UNHCR, das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, gearbeitet. Dabei habe ich Menschen mit unvorstellbaren Schicksalen kennengelernt und schnell gemerkt, wie brandaktuell und aufgeladen die Thematik ist. Wir wollten nicht nur über Flüchtlinge reden, die mit dem Schlauchboot übers offene Meer kommen. Wir wollten verschiedene Perspektiven auf das Thema haben.

Welche waren das?

Nicht nur die Perspektive der Asylsuchenden, sondern auch die Perspektive der anderen Seite. Die der Wärter, der Menschen, die mit dem bürokratischen Aufwand zu tun haben und natürlich die derer, die für die Politik verantwortlich sind. Zusammen laufen die Fäden bei einer Deutsch-Australierin, die stellvertretend für alle Weißen steht. Damit wir Privilegierten auch ein Gespür dafür bekommen, was es heißt heimatlos zu sein.

Sie haben ihre Arbeit für das UNHCR angesprochen. Was haben Sie bei ihrer Arbeit für die Organisation erlebt?

Die Geschichten, die ich im Vorfeld meiner Besuche in Kriegs- und Krisenregionen gelesen und gehört habe, waren schon schwer zu glauben. Aber als ich es dann selbst mit meinen eigenen Augen gesehen habe, war es jenseits allem Vorstellbaren.

Da sind Menschen, die um ihre Zukunft betrogen werden. Vor allem Kinder. Die durchschnittliche Aufenthaltszeit in Flüchtlingslagern in Australien liegt bei zwanzig Jahren. Das ist mehr als die Dauer einer Kindheit. Wie soll man daraus ein Leben aufbauen? Das ist fast unmöglich. In einem Flüchtlingslager festzusitzen, ist schlimmer, als im Gefängnis zu sein. Denn da weiß man wenigstens, wann man zurück ins Leben entlassen wird. Dieser Hoffnungsschimmer fehlt in Flüchtlingslagern.

Was kann man dagegen tun?

Wir müssen uns alle an die Nase fassen. Für mich hat jeder Mensch auf dieser Welt das Recht, um Asyl zu bitten. Und es sollte auch jedem gewährt werden. Ich habe eine Weile in Europa gelebt, das hat meinen Blick auf Australien sehr verändert. Früher, in meiner Jugend, stand Australien für gelebten Pluralismus und Multikulturität. Heute schotten wir uns ab. Das ist in meinen Augen der falsche Weg.

Wo kommt all der Hass der Menschen her?

Die Leute haben Angst. Und einige Regierungen sind sehr gut darin, diese Angst auch noch zu schüren. Flüchtlinge würden Arbeitsplätze wegnehmen etc. Das ist doch absoluter Unsinn. Jack Thompson, ein australischer Kollege von mir, erzählte mir die Tage erst, dass es beim Militär die Taktik gibt, die eigenen Truppen unzufrieden zu lassen. Denn zufriedene Truppen gelten als schwierig. Es ist einfacher Leute in Schach zu halten, wenn sie verängstigt sind.

Die Serie heißt "Stateless" - heimat- oder staatenlos. Das kann man doppelt lesen. Welche Interpretation schwebt Ihnen vor?

Wir nutzen den Begriff heimatlos eher in einem poetischen Sinne. Denn in einem juristischen Sinne geht es ja um Leute, die wirklich staatenlos sind, die zu keinem Land dazu gehören und damit leben müssen, nirgendwo zuhause zu sein. Das hat Folgen. Sie dürfen nicht heiraten, dürfen sich nicht frei bewegen, haben keinen Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung. Die Staatenlosen, die ich getroffen habe, haben mir alle das Gleiche bestätigt. Sie fühlen sich unsichtbar und identitätslos. Mit unserer Serie wollen wir sie sichtbar machen, ihnen ihre Identität und Würde zurückgeben.

Mrs. Blanchett, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Beitrag von Anna Wollner

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