Leitungs-Duo der Berlinale, Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor, und Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
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Audio: Inforadio | 17.02.2020 | Interview mit Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian | Bild: dpa/Jens Kalaene

Neue Berlinale-Chefs - "Wir stehen für die Kinoerfahrung"

Wenn am Donnerstag die 70. Berlinale startet, geht sie auf eine Art Jungfernfahrt unter neuer Leitung. Wie gut haben sich die neuen Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian zusammengerauft? Ein Gespräch über Pläne, Paukenschläge und Offenbarungen.   

rbb: Carlo Chatrian, Mariette Rissenbeek, seit Mai letzten Jahres sind sie mit den Vorbereitungen für die 70. Berlinale beschäftigt. Haben Sie noch Kraft für den kommenden Festival-Wahnsinn?

Mariette Rissenbeek: Die Vorfreude darauf, dass wir jetzt endlich die Filmschaffenden auf dem roten Teppich begrüßen können ist sehr groß. Das gibt uns viel Energie.

Herr Chatrian, Sie sind der künstlerische Leiter der Berlinale. Letztens haben Sie gesagt, dass Sie das Gefühl haben, der Berliner Presse gingen die Veränderungen, die Sie durchgeführt haben, nicht weit genug. Was ist denn Ihre Vision für die Berlinale?

Carlo Chatrian: Ich stelle mir die Berlinale als ein großes Gemälde mit unterschiedlichen Farben vor. Mein Ziel ist es, alle Farben, die es gibt, in diesem Gemälde unterzubringen. Letztendlich ist es mir nicht wichtig, mehr Rot, Blau oder eine bestimmte Harmonie zu zeigen. Die Zuschauer machen sich ihr eigenes Bild.

Bei Ihrem Vorgänger Dieter Kosslick wurde häufig kritisiert, dass das Programm zu groß sei, dass sich Sektionen inhaltlich teilweise zu sehr überschneiden. Sie haben jetzt die neue Sektion Encounters eingeführt für "strukturell und ästhetisch wagemutige Arbeiten". Aber die finden wir ja auch im Wettbewerb oder im Forum. Wie wichtig ist Ihnen eine Trennschärfe zwischen den Sektionen?

Chatrian: Es geht immer um die Balance. Auf der einen Seite ist es bei einem so großen Festival mit so vielen unterschiedlichen Sektionen wie der Berlinale wichtig, eine Richtung vorzugeben, damit die Zuschauer und vor allem die Presse mehr oder weniger wissen, was für einen Film sie sehen werden. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass jede Sektion ein bisschen von dieser Vielschichtigkeit zeigt, die das Kinojahr auszeichnet.
Wir haben Encounters ins Leben gerufen, weil wir das Gefühl hatten, dass es einen Raum für Filme braucht, die aus der Hüfte geschossen sind, die ohne große Produktion gemacht werden. Aber uns ist bewusst, dass manche Wettbewerbsfilme in Encounters laufen könnten und andersherum. Am Ende hat ein Festival auch etwas Verspieltes. Für mich ist es vollkommen okay, wenn das Publikum oder die Presse sagt: Dieser Film ist so gut, der hätte in den Wettbewerb gehört.

70 Jahre Berlinale – wie schwer fällt es Ihnen, dieses Jubiläum zu feiern, wo Sie selber noch nicht mal ein ganzes Jahr als Chefs dabei sind?

Rissenbeek: Einmal kenne ich die Berlinale wahrscheinlich seit 1987 oder 88. Damals habe ich für einen Berliner Verleih gearbeitet, und wir haben die Plattform der Berlinale immer genutzt, um Filme zu bewerben, die wir dann anschließend ins Kino gebracht haben. Daher war das eher so ein 'nach Hause kommen', als ich im Juni die Berlinale zusammen mit Carlo übernehmen konnte. Und natürlich ist ein 70. Jubiläum gleich ein sehr großer Paukenschlag. Aber es ist auch die Möglichkeit, nochmals ein Blick zurück und nach vorne zu werfen und uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Also, es war eher eine anregende Aufgabe.

Chatrian: Die Geschichte der Berlinale ist für mich persönlich eine Geschichte der großen Entdeckungen. Für mich war zum Beispiel "Tabu" von Miguel Gomes eine echte Offenbarung. Wir glauben, am besten feiert man die Geschichte der Berlinale, indem man im Programm wieder solche Offenbarungen präsentiert.

Frau Rissenbeek, als Geschäftsführerin kümmern Sie sich um die Organisation. Da hatten sie gleich ordentlich Scherereien: Die U2 Richtung Ruhleben hält nicht am Potsdamer Platz, die Arkaden werden renoviert, Sponsoren sind abgesprungen, dafür ist zum Glück der RBB als Medienpartner eingestiegen und stiftet den Dokumentarfilmpreis. Ihre Aufgabe ist es Feuerwehrfrau spielen, alles ins Lot bringen. Das klingt wenig glamourös, wenig sexy. Stimmt das?

Rissenbeek: Also, ich habe keine Vergleichsjahre, ich kann nicht sagen: Oh Gott, warum ist so viel in diesem Jahr auf meinem Tisch? Insofern ist es nicht so schlimm.

Carlo Chatrian wählt die Filme aus. Allerdings stehen Sie mit Ihrem Namen auch für die ganze Berlinale. Behalten Sie sich bei der Programmauswahl ein Veto vor?

Rissenbeek: Ein Veto habe ich nicht. Aber in einigen Fällen hat er mich gefragt, weil ihm meine Meinung wichtig war. Als Gesamtverantwortliche möchte ich natürlich schon auch, dass ich mich mit dem Programm wohlfühle. Aber ich kann mir nicht alles anschauen, weil ich tatsächlich doch viel tägliche Aufgaben habe. Was ich gesehen habe, finde ich sehr vielseitig und interessant.

Was schätzen Sie beide jeweils am anderen am meisten?

Rissenbeek: Dass er wahnsinnig nach vorne denkt und bei allen Themen versucht, die positiven Aspekte zu sehen und Ideen zu entwickeln, wie man eine schwierige Situation positiv bewerten kann. Und dass man die Gelegenheit hat, sich auf einem solchen Niveau miteinander auszutauschen, dass man nie das Gefühl hatte, der andere will irgendwie eine Situation ausnutzen. Er denkt immer konstruktiv mit. Das finde ich ganz toll.

Chatrian: Dass sie mich aus allen Schwierigkeiten herausgehalten hat, mit denen sie zu kämpfen hatte. Sie präsentiert mir dann immer die positiven Ergebnisse, und das hilft mir sehr dabei, einen klaren Kopf zu bewahren.

Noch mal zum generellen Programm. Die Berlinale ist auch ein Publikumsfestival. Könnte ein Marvel-Superheldenfilm im Wettbewerb laufen.

Chatrian: Wir haben einen Avengers-Film – welcher das ist, dürfen sie dann selbst herausfinden. Auch ein Film wie "Black Panther" ist zum Beispiel ein Superheldenfilm, der sich aber von seiner Erzählung und von seiner Ausführung her locker auf einem Festival behaupten könnte. Wenn es um solche Filme geht, ist es aber immer ziemlich kompliziert, da geht es um den Markt, und die großen Firmen müssen mitmachen. Aber ich bin zum Beispiel auch sehr stolz darauf, dass wir den Disneyfilm "Onward" im Gala-Programm haben.  

Letztes Jahr lief ein Film im Wettbewerb, der von Netflix produziert wurde, ein großes Thema bei Filmfestivals. Das war möglich, weil eine Kinoauswertung vorgesehen war. Dann erlauben das die Regularien der Berlinale. Ist es nicht an der Zeit, diese Vorgabe abzuschaffen?

Chatrian: Auf der einen Seite ist das alles miteinander verkettet. Wir profitieren davon, dass Kinos existieren. Wenn das Kino plötzlich verschwinden würde, wäre es schwierig, ein Festival zu machen. Wir stehen für die Kinoerfahrung. Auf der anderen Seite möchten wir uns Neuem nicht verschließen. Ein gutes Beispiel ist "DAU.Natasha", der im Wettbewerb läuft. Das ist ein Film, der eigentlich nicht zum Verleih gedacht war. Wir haben mit der Produktionsfirma gesprochen und ihnen gesagt, dass wir den Film total stark finden und ihn gerne im Wettbewerb zeigen würden – unter der Bedingung, dass sie ihn auch irgendwie ins Kino bringen. Das ist schon ein Kampf. Man streckt sich in alle Richtungen, aber es kommt eben darauf an, wie die Filme gezeigt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian sprach Jakob Bauer für Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.  

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1 Kommentar

  1. 1.

    Kosslick war emphatisch. Die zwei übermitteln selbst in einem Interview wie diesem null Wärme. Allein die Aussage bez. der vielen Unwegsamkeiten (Keine Arkaden, Sperrung der Bahn, Ausfall des HKW usw)... Kannte ich bisher nicht, stört mich also nicht.

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