Jonas Dassler, European Shooting Star der Berlinale 2020 (Quelle: dpa)
Audio: ARD | Anna Wollner | Bild: dpa

Interview | Jonas Dassler - "Ich weiß gar nicht, ob ich mich als Star bezeichnen würde"

2019 spielte Jonas Dassler in Fatih Akins "Der goldene Handschuh" den Serienmörder Fritz Honka. Am Montag wird der 23-jährige Film- und Theaterschauspieler als "European Shooting Star" geehrt - und übt deutliche Kritik am Rassismus in der Filmbranche.

rbb|24: Die Messlatte liegt hoch – Berlinale Shooting Star waren schon einige: Daniel Craig, Daniel Brühl, Jella Haase, Franz Rogowski. Was war das für ein Gefühl, als du erfahren hast, dass du in diesem Jahr dabei bist?

Jonas Dassler: Ich war tatsächlich sehr überrascht und habe mich gefreut, dass da anscheinend Leute sind, die sich mit mir auseinandergesetzt haben und dann bestimmt haben, dass ich das dieses Jahr bin. Das hat mich total geehrt.

Was war bislang dein Lieblings-Berlinale-Moment?

Der Absurdeste war letztes Jahr. Am Tag der Premiere vom "Goldenen Handschuh" habe ich abends auch Theater gespielt. Ich musste früher von der Pressekonferenz abhauen, bin ins Theater, hab die Vorstellung gespielt, bin raus zur Hinterbühne, ins Auto, hab mich abgeschminkt und frisch gemacht für den roten Teppich, hab mich auf der Rückbank umgezogen, bin am Potsdamer Platz aus dem Auto gestiegen und über den roten Teppich zu meiner eigenen Premiere gelaufen.

Jetzt ist deine dritte Berlinale, die du aktiv mitgestaltest. Du warst vor zwei Jahren mit "Das schweigende Klassenzimmer" im Berlinale Special. Letztes Jahr hast du mit "Der goldene Handschuh" eine eindrucksvolle Visitenkarte hinterlassen – mit einem Film, der die Berlinale-Kritiker in zwei Lager gespalten hat. Hat dich das überrascht?

Uns war klar, dass der Film polarisiert und kontrovers aufgenommen wird. Das Thema und die Geschichte sind diskussionswürdig. Obwohl ich sehr viel Respekt für Kritiker und Journalisten habe, versuche ich das nicht zu sehr an mich ranzulassen. Aber ich kann nicht sagen, dass es mich nicht berührt, wenn jemand schreibt, das ist das Schlimmste, was er je gesehen hat. Ich habe meinen ganzen Sommer damit verbracht, habe da sehr viel Liebe und Zeit investiert. Wenn dann jemand in einem Satz schreibt, das war nichts, sollte mir das eigentlich egal sein. Ist es aber nicht. Es macht was mit mir. Deswegen liefere ich mich dem gar nicht aus und lese nicht so viel durch.

Damals jung - heute routiniert im Geschäft

"Der Goldene Handschuh" hat auf der Berlinale so gespalten, weil er sehr drastisch ist. Du spielst den Serienmörder und Vergewaltiger Fritz Honka. Was hat das mit dir während und nach den Dreharbeiten gemacht?

Ich habe mich ganz bewusst für die Rolle entschieden. Mir war wichtig, dass bei solch einem sensiblen Thema der Rahmen stimmt. Mir ging es nicht um den Effekt, ich wollte nicht nur eine krasse Geschichte erzählen. Es geht auch nicht darum zu sagen, der Mörder ist ein ganz armes Wesen. Es geht mir um eine gesamte Auseinandersetzung mit der Zeit und dem Thema. Fatih Akin hatte schon ein gutes Drehbuch geschrieben. Ich begebe mich in das Feld der Figur, das mache ich aber nur, wenn die Figur gut eingerahmt ist. Gerade bei einem Serienmörder. Mir war wichtig zu zeigen, dass es nicht um eine Heroisierung geht, dass er am Ende der Held ist.

Du hast bisher in fünf Filmen und einer Serie mitgewirkt. Woher kommt deine Lust zu spielen?

Ich hatte in der fünften Klasse eine Punkrock-Band "K-OS", und es gab immer eine Aufführung in der Schule. Die anderen haben Blockflöte oder Klavier gespielt, aber wir kamen mit selbstgeschriebenen Punknummern raus, die wir auch performed haben. Da habe ich Blut geleckt: auf die Bühne zu kommen und zu spielen – auch wenn es erstmal nur Rockstar war.

Warum bist du dann doch Schauspieler geworden und nicht Rockstar?

Das mit der Musikkarriere war danach relativ schnell vorbei, denn ich konnte nicht mal Noten lesen. Aber die Theater-AG gab mir die Möglichkeit, den Bühnenmoment noch mal zu erleben. Dadurch habe ich meine Liebe für Texte und Stoffe entdeckt und erfahren, was es heißt zu spielen – und vor allem, mit anderen zusammenzuspielen.

Du kommst aus Nordrhein-Westfalen, hast dich nach dem Abitur an der Ernst-Busch-Schauspielschule beworben und bist auch direkt genommen worden. Wie war der Wechsel in die Metropole?

Ganz wunderbar. Einen größeren Kontrast zu meiner Heimatstadt Remscheid hätte es wohl kaum geben können. Ich war auf einmal umgeben von Leuten mit einer ähnlichen Sehnsucht und einer ähnlichen Liebe. Ich konnte ins Theater gehen, anderen Kollegen zuschauen, mich mit meinen Kommilitonen austauschen. Es war eine Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe.

Du bist festes Ensemblemitglied im Gorki-Theater, arbeitest aber auch beim Film. Was sind die Unterschiede für dich?

Beim Theater geht es darum, über einen Abend die Spannung zu halten und zu berühren. Beim Film geht es vielmehr um Perfektion. Das empfinde ich manchmal als anstrengend. Spiel lässt sich für mich nicht in richtig und falsch einteilen. Es fühlt sich vielleicht richtig an, aber nicht mehr. Beides zu haben, beide Momente zu kennen und abrufen zu können, empfinde ich als sehr bereichernd.

Was bedeutet es für dich ein Shooting-Star zu sein?

Ich weiß gar nicht, ob ich mich als Star bezeichnen würde. Ich weiß doch auch nicht, was ich bin. Aber ich denke, es bringt Privilegien mit sich. Ich hatte das Glück oft am richtigen Ort zur richtigen Zeit gewesen zu sein. Ich muss das reflektieren, was ich da gerade mache, oder warum ich da bin. Es gibt nämlich sehr viele andere Kollegen, die das nicht haben.

Inwiefern?

Da sind wir ganz schnell beim Thema Rassismus. Der ist strukturell noch fest verankert, auch in der Filmbranche. Es gibt Kollegen, die nicht die gleichen Chancen haben wie ich, die von vorne herein ausgeschlossen sind. Weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie woanders herkommen oder es immer nur eine Rolle für sie gibt. Es fängt an, sich zu verändern, ist aber noch immer ein langer Weg. Ich habe die Verantwortung mitzuhelfen, dass der Wandel schneller geht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: Fritz, 23.02.2020

Beitrag von Anna Wollner

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