Schauspielerin Helen Mirren (Quelle: dpa/Joel C Ryan)
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Audio: Inforadio | 27.02.2020 | Alexander Soyez | Bild: dpa/Joel C Ryan

Porträt | Goldener Ehrenbär für Helen Mirren - Sie schaut sich selbst beim Spielen zu

Helen Mirren beherrscht die Kunst des Minimalismus in allen Facetten. Dennoch gewährt die britische Schauspielerin stets Einblick in den Seelenzustand ihrer Heldinnen. Am Donnerstagabend hat sie den Ehrenbären für ihr Lebenswerk erhalten. Von Anke Leweke

Wenn Helen Mirren vor die Kamera tritt, ist das große Kunst - die Kunst der Zurückhaltung: Ihre Gestik, die Veränderung in ihren klaren Gesichtszügen sind kaum wahrnehmbar. Man muss sich nur diese beiden Szenen in Erinnerung rufen: In der vielfach ausgezeichneten und auch hierzulande erfolgreichen Kriminalserie "Prime Suspect" spielt Mirren die Polizistin Detective Chief Inspector Jane Dennison. Als sie in der Serie zum ersten Mal die Polizeistation betritt, wird ihr Gang von den sexistischen und vorurteilsbehafteten Blicken der männlichen Kollegen begleitet.

Schließlich erreicht Dennison ihren Schreibtisch. Nun blickt die Kamera in ein Gesicht, das sich schon verhärtet hat, die Schultern sind leicht hochgezogen. Trotzdem geht ihre Figur nicht in Deckung. Man spürt, und davon erzählt der kritische Blick, mit dem diese Frau den neuen Arbeitsplatz in Augenschein nimmt, dass sie sich ihre Zeit nehmen und Respekt verschaffen wird.

Eine Majestät jenseits der royalen Etikette

In Stephen Frears "The Queen" (2006) wiederum wird das harte Gesicht von Elisabeth Windsor plötzlich ein Quäntchen weicher, als sie sich kurz einmal unbeobachtet fühlt. In einem Wald in der Nähe der königlichen Sommerresidenz Balmoral Castle begegnet die Monarchin einem Hirschen mit prächtigem Geweih. Gejagt von der Presse nach dem Tod von Lady Di, entdeckt sie in dem Tier – vielleicht – einen Seelenverwandten. Sie gibt ihm mit ihrem Taschentuch das Zeichen zu verschwinden, damit es aus dem Visier der Jäger gerät. Zurück bleibt eine Majestät jenseits der royalen Etikette. Einsam setzt sie ihren Spaziergang fort.

Ihr Handwerk hat die in London als Ilyena Lydia Vasilievna Gironova geborene Schauspielerin russischer Abstammung in der altehrwürdigen Royal Shakespeare Company gelernt. Mit 19 Jahren war sie eine der jüngsten Schülerinnen, die dort jemals aufgenommen wurden. Auch ihre britischen Kolleginnen Judy Dench und Maggie Smith, die einen ähnlichen Theaterhintergrund haben, legen ihre Rollen mit Understatement an.

Nicht das Verkörpern einer Figur steht im Zentrum, oder in dem Fall einer realen Person, die Imitation. Vielmehr nähert sich Helen Mirren einer Figur spielerisch. Oder anders gesagt: Sie schaut sich selbst beim Spielen zu. Diese Haltung verleiht ihrer Darstellung eine schöne Leichtigkeit und Durchlässigkeit. Das nicht völlige Aufgehen in der Rolle lässt dem Publikum zudem eine gewisse Freiheit, sich ein eigenes Bild zu machen, einen persönlichen Zugang zu Mirrens Heldinnen zu finden.

Helen Mirren in The Queen (Quelle: dpa/United Archives)Helen Mirren als "The Queen"

Idee einer reichen Gangsterbraut

Dieses zurückgenommene, selbstreflexive Spiel kann man par excellence in Peter Greenaways groteskem Konzeptfilm "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989) beobachten. Bei dem exzentrischen Briten sind die Figuren eher Funktionsträgerinnen seiner intellektuellen Spiele und Visionen denn reale Personen.

Schauplatz ist das Luxusrestaurant "Le Hollandais" mit opulentem Speiseaal und riesiger Küche. Helen Mirren spielt keine reale Frau, sondern die Idee einer reichen Gangsterbraut. In den Szenen am Tisch trägt sie ein signalrotes Kleid und zieht allein dadurch schon die Blicke auf sich. Ihren Überdruss, ihre Langeweile drückt sie mit permanentem Zigarettenrauchen aus. Wie auch die anderen Figuren dieses Sittenporträts einer verrohten Gesellschaft am Ende des Kapitalismus' wechselt sie mit jedem Raum auch ihre Kleiderfarbe und damit ihren Gemütszustand.

Die Sexszenen im grünen Outfit sind eine streng angeordnete Choreografie von Zeichen der Leidenschaft und des Begehrens. Man bekommt es hier mit einer intellektuell angelegten und präzisen Performance zu tun, die gleichzeitig eine sehr eigenwillige Form von Sinnlichkeit entwickelt.

"Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989) mit Helen Mirren und Michael Gambon (Quelle: dpa/United Archives, IFTN)"Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (1989) mit Helen Mirren und Michael Gambon

Auf der Suche nach wahren Gefühlen

Auch in "The Long Good Friday" (1980) von John Mackenzie dekonstruiert Helen Mirren das Klischee der Gangsterbraut mit süffisantem Understatement. Dabei spielt sie sich vom Bildhintergrund immer mehr ins Zentrum des Geschehens. Gemeinsam mit ihren Heldinnen geht die britische Schauspielerin stets auf die Suche nach deren wahren Gefühlen, setzt Träume und Sehnsüchte konsequent und ohne viel Aufhebens in die Tat um. Etwa in dem Historiendrama "The last Station" (2009), wenn ihre in die Jahre gekommene Gräfin Tolstoi ihre Sexualität noch weiter ausleben möchte und den noch älteren Lew ins Bett lockt.

Ironie, die sich erst im Nachklang offenbart

Mirrens minimalistisches Spiel überträgt sich auch auf ihre besondere Art zu sprechen. Sie muss weder laute noch leise Töne anschlagen. Es gibt nur winzige Nuancen, von einem Moment zum nächsten kann ihre warme und volle Stimme eine unbarmherzige Kälte bekommen. Und dann ist da noch die besondere Ironie, die sich erst im Nachklang offenbart.

Schon deshalb freuen wir uns auf ihre Rede, wenn sie am Donnerstag, den 27. Februar den Ehrenbären der Berlinale vor der Vorführung von "The Queen" im Berlinale-Palast überreicht bekommt. Legendär ihre Worte bei der Oscarverleihung im Jahr 2007. In nur einem Satz brachte sie ihr Verhältnis zur Königin auf den Punkt: "Über mehr als 50 Jahre hinweg hat sich Elisabeth Windsor nun ihre Würde, ihr Pflichtgefühl, und ihre Frisur bewahrt."

Sendung: Inforadio, 27.02.2020, 6:25 Uhr 

Beitrag von Anke Leweke

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Antwort auf [Heike] vom 26.02.2020 um 16:42
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1 Kommentar

  1. 1.

    Eine großartige Schauspielerin....der goldene Ehrenbär zählt unbedingt zu einen der vielen Auszeichnungen die diese Künstlerin verdient hat.Ich danke Helen Mirren für das Talent, das Kino so zu bereichern.

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