Marie Bäumer und Robert Gwisdek (Quelle: dpa/Wengel)
Bild: dpa/Wengel

Filmkritik | "3 Tage in Quiberon" - Romy Schneider - ganz nah und entwaffnend

Es ist nicht einfach, einen Film über einen Menschen zu drehen, dessen Leben schon so oft dokumentiert wurde wie bei Romy Schneider. Dass Emily Atef dieses Wagnis dennoch einging, ist ein absoluter Glücksfall für diese Berlinale. Von Ula Brunner

Viele Jahre lang war "die Schneider" das weibliche Gesicht des französischen Films, eine Ausnahmeschauspielerin, vielschichtig, sensibel, voller Gefühl. Sie war zu Lebzeiten eine Legende, nach ihrem frühen Tod mit 43 Jahren ein Mythos. Nur wenige europäische Stars waren in den Medien so präsent wie Romy Schneider. Seit sie als 15-Jährige die "Sissi" gespielt hatte - eine Rolle, die später wie ein Fluch auf ihr lastete - war ihr Privatleben öffentlich: ihre Liebesbeziehungen, ihre Scheidungen, ihre Zusammenbrüche. Das lag wohl auch daran, dass die Schauspielerin die Presse viel zu bereitwillig an ihrem Gefühlsleben teilhaben ließ.

Sie hat Geldsorgen, vermisst ihre Kinder

Das letzte große Interview des 1982 verstorbenen Weltstars ist die Ausgangssituation von "3 Tage in Quiberon". 1981 ist Romy Schneider zur Erholung in ein bretonisches Luxushotel am Meer gefahren. Sie befindet sich in einer tiefen Lebenskrise. Die Ehe mit Daniel Biasini ist gescheitert, sie hat Geldsorgen, vermisst ihre Kinder. Sie trinkt und raucht zu viel, nimmt Tabletten. Hier in Quiberon will sie sich zurückziehen, wieder zu sich finden, ihre Sandkastenfreundin Hilde (Birgit Minichmair) leistet ihr Gesellschaft.

Entwaffnende Ehrlichkeit

Trotz ihrer labilen Verfassung stimmt Romy Schneider zu, dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein Interview zu geben - wohl auch, weil ihr langjähriger Freund Robert Lebeck (Charlie Hübner) die Fotos macht. In den folgenden drei Tagen versucht der Journalist, die Schauspielerin mit allen Tricks aus der Reserve zu locken und macht dabei auch nicht davor halt, den Suizid ihres ersten Ehemannes Harry Meyen anzusprechen.

Man landet gemeinsam in einer Hafenbar, zwischenzeitlich will Hilde abreisen, bleibt aber, als sie merkt, in welchem desolaten Zustand der Star ist. Geschickt konzentriert Atef die Geschichte des Stars auf einen Ausschnitt von drei Tagen, mit dem Interview als Dreh- und Angelpunkt. Die Trennung von Biasini, die Geldsorgen, ihre Selbstzweifel, ihr Verhältnis zur Presse, die Schwierigkeit, Privatleben und Beruf zu vereinbaren – Romy Schneider öffnet sich Jürgs viel zu schnell und rückhaltlos. "Ich muss Pause machen, ich muss endlich zu mir selbst finden … im Moment bin ich zu kaputt", wird der "Stern" sie später zitieren.

Marie Bäumer zur Premiere des Films "3 Tage in Quiberon" bei der 68. Berlinale. (Quelle:dpa/Ralf Hirschberger)
Marie Bäumer auf der Pressekonferenz zur Premiere von "3 Tage in Quiberon". | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Marie Bäumer ist der eigentliche Star des Films

"3 Tage in Quiberon" ist ein ungeheuer komplexes, lebendiges Porträt des französischen Weltstars und ein differenziertes, einfühlsames Psychogramm eines in sich zerrissenen Menschen. Es gibt viele Gründe, warum dieser Film so gut ist: die dramaturgische Verdichtung des Drehbuchs, die Konzentration auf vier Figuren, die klugen und witzigen Dialoge, die kühle Eleganz der Schwarzweißbilder, mit denen der österreichische Kameramann Thomas W. Kiennast Look und Motive der berühmt gewordenen Originalfotos von Robert Lebeck nachempfindet: Romy Schneider, eng umschlungen mit einem Fischer in der Bar tanzend, verschlafen im Bett, nachdenklich auf den Klippen. Private, intime Aufnahmen, die den Mensch hinter dem Star sichtbar machen.

Doch "3 Tage in Quiberon" wäre nicht, was er ist, ohne Marie Bäumer, die Romy Schneider zum Verwechseln ähnlich sieht. In ihrer beeindruckend authentischen Performance wird eine Frau sichtbar, bei der die Grenzen zwischen Beruf und Privatheit, Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. "Romy besaß keinen Filter, sie hatte keinen richtigen Schutzraum, den man aber als Schauspielerin braucht", sagte Marie Bäumer auf der Pressekonferenz am Montag. Genau diese Offenheit und Verletzlichkeit macht wohl auch einen Teil der Faszination des Mythos Romy Schneider aus.

Fazit: Eine herausragender Film mit einer wunderbaren Marie Bäumer – unbedingt sehenswert, nicht nur für Romy-Schneider-Fans

Sendung: Inforadio, 19.02.2018, 6 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Filmbewertung Ula Brunner (Quelle: rbb)
    rbb

    Ula Brunner

  • Filmbewertung Frauke Gust (Quelle: rbb)
    rbb

    Frauke Gust

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)
    rbb

    Fabian Wallmeier

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

24.02.2018, Berlin, Berlinale, Verleihung der Berlinale Bären, Berlinale-Palast: Die Regisseurin Adina Pintilie zeigt den erhaltenen Preis für "Goldener Bär für den besten Film" (_Touch me not_) den Fotografen vor dem Berlinale-Palast (Quelle:dpa/Jens Kalaene)
dpa

Fazit zur Berlinale 2018 - Gegen den Strich und für die Filmkunst

Der Goldene Bär für "Touch Me Not" ist die überraschendste Auszeichnung der Berlinale seit Jahren. Auch wenn der Film seine Mängel hat, ist das keine schlechte Entscheidung - in einem Jahrgang, der schwach begann, sich aber deutlich steigerte. Von Fabian Wallmeier