23.02.2018, Berlin: Berlinale, Fototermin, "Aga": Milko Lazarov, Regie und Buch. (Quelle: dpa/Pedersen)
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Filmkritik | Ága - Von der Zärtlichkeit in der endlosen Eiswüste

So melodiös hat noch kein Wettbewerbsfilm angefangen: In der Eröffnungssequenz von "Aga" zupft Hauptdarstellerin Sedna in schillernder Landestracht ein Lied auf der Maultrommel. Und sie macht das so anrührend und schön, dass ihr der ganze Kinosaal applaudiert. Von Ula Brunner

Endlose Schnee-Landschaften, ein glasblauer Himmel, eine Jurte: Hier, in den Eiswüsten des Nordens leben Sedna und ihr Mann Nanook. Die beiden Alten sind für sich. Die einzige Tochter, Aga, ist schon lange weggegangen, um in einer Diamantmine Arbeit zu finden. Das Dasein in der weißen Einsamkeit der Wildnis ist mühsam. Nanook geht auf Rentierjäger, aber die Jagd wird immer schwerer. Selbst einen Fisch zu fangen, ist ihm seit Tagen nicht gelungen, erzählt er Sedna, während sie ihm die schweren Fellstiefel auszieht. Ihr Alltag folgt den gleichen Abläufen und Ritualen, man lebt noch immer in der Tradition ihrer Vorfahren. Kann das so bleiben? Selbst der Frühling, sagt Nanook, kommt immer früher. Wie in der klassischen Literatur ist die Natur zugleich Spiegel der inneren Befindlichkeiten der Protagonisten.

Grandiose, unbewegte Einstellungen

Der zweite Spielfilm des bulgarischen Regisseurs Milko Lazarov kennt keine Eile. Die Kamera nimmt sich alle Zeit, um uns eine Lebenswelt zu zeigen, die im 21. Jahrhundert geradezu anachronistisch wirkt. Vor allem in den Außeneinstellungen ist "Aga" ein Film der starken Bilder: Nanooks Fahrten mit dem Hundeschlitten durch die endlosen Schneelandschaft, das Fischen in einem Loch, das er mit einer Hacke ins Eis schlägt, das Vorbereiten der Tierfallen – Kameramann Kaloyan Bozhilov hat "Aga" durchgängig in grandiosen, unbewegten Einstellungen gefilmt.

Tiefe Vertrautheit eines alten Paares

In der Jurte ist "Aga" ein Film voller Geschichten. Kein Fernseher, kein Strom, keine Nachbarn, stattdessen erinnern sie sich immer wieder an die Legenden ihres Volkes. An einem Abend beschreibt Sedna einen Traum von einem Jungen, der sich in einen Bären und dann in einen Mann verwandelte, der sie mit in seine Höhle nahm, die übersäht war von Sternen. Einmal bittet Nanook seine Frau, ihm ein Lied vorzusingen. Ein anderes Mal schneidet sie ihm mit einem Messer den Bart. Und in einer Szene blicken wir minutenlang auf den kleinen Tisch mit Lampe, während wir hören, wie sich die beiden auf ihrem Lager unterhalten. Selten hat ein Film auf so einfache und wunderschöne Weise von der tiefen Vertrautheit eines alten Paares erzählt. Nur über ihre Tochter Aga möchte Nanook nicht reden. Dass sie weggegangen ist, kann er ihr nicht verzeihen: "Die Hauptsache ist, dass die Familie zusammenbleibt", sagt er einmal. Doch Sedna ist schwer krank. Als sie stirbt, beschließt Nanook ihren größten Wunsch zu erfüllen und Aga zu finden.

Die Stille im Eis

"Aga" ist ein Film über die Liebe, Tradition und eine Kultur, deren Existenz zunehmend gefährdet ist. Über weite Strecken wirkt der Film fast dokumentarisch, doch mehrfach wird die beobachtende Ästhetik bewusst durchbrochen mit hochemotionalen Großaufnahmen, wie wir sie von Visconti kennen, unterlegt mit der düsteren 5. Sinfonie von Gustav Mahler.

Anfangs wollten sie die Story bei den Inuits ansiedeln, erzählt Regisseur Milko Lazarov auf der Berlinale-Pressekonferenz. Man habe sich aber dafür entschieden, eine universelle Geschichte der arktischen Völker zu erzählen. Gedreht wurde "Aga" übrigens in Jakutien, auf dem Fluss Lena, bei Temperaturen von unter 30 Grad Celsius. Es soll hier nicht verschwiegen werden: Die verlangsamte, verhaltene Narration ist eine Herausforderung für unsere Sehgewohnheiten und wird irgendwann ermüdend. Doch weil sich der Film so viel Zeit lässt, gibt er uns auch genügend Raum, unsere eigenen Gedanken fließen zu lassen. Der Vergleich drängt sich förmlich auf: das Stillleben im Eis, wie aus der Zeit gefallen, draußen die Berlinale-Hektik am Potsdamer Platz. Ist es das verlorene Paradies, das wir da sehen oder einfach eine archaische Lebensform, die sich überholt hat? Wäre die Stille, soviel Einsamkeit und Nähe überhaupt erträglich?

Fazit: Großartige Naturaufnahmen, archaische Lebensweisen, und eine fast vergessene Lebensweise im eisigen Norden. "Aga" ist wunderschön anzuschauen, mit seinem langsamen Erzählrhythmus aber nichts für Ungeduldige.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Sendung: Inforadio, 23.02.2018, 8.55

Beitrag von Ula Brunner

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