23.02.2018, Berlin: Berlinale, Ankunft, "In den Gängen", ("In the Aisles"): Die Schauspieler Franz Rogowski und Sandra Hüller. (Quelle: dpa/Pedersen)
Bild: dpa/Pedersen

Berlinale-Filmkritik | "In den Gängen" - Zarte Liebe zwischen Chips-Paletten

Franz Rogowski und Sandra Hüller kommen sich in den Gängen eines Großmarktes nahe - ein anrührender, gut gespielter Film am letzten Berlinale-Tag. Regisseur Thomas Stuber hätte nur seinen Bildern ruhig stärker vertrauen können. Von Fabian Wallmeier

Der extrem wortkarge Christian (Franz Rogowski) ist neu im Großmarkt. Der etwas ruppige, aber liebevolle Bruno (Peter Kurth) lernt ihn an, die beiden verbringen nun ihre Spätschichten miteinander. Sie sind verantwortlich für die Getränkekisten, die sie durch die Gänge fahren und in die Regale räumen. Beide Männer haben ihre Geheimnisse, die im Lauf des Films aber ans Licht kommen.

Auch Marions (Sandra Hüller) Geheimnis bleibt nicht verborgen. Sie arbeitet in der Süßwaren-Abteilung, Christian hat ein Auge auf sie geworfen. In einer der schönsten Szenen des Films treffen sie sich am Kaffeeautomaten. Mit dem Becher in der Hand stehen sie vor einer Foto-Tapete mit Strandszene und hören das Rauschen des Meeres in ihren Köpfen.

Franz Rogowski (l.) und Sandra Hüller, die beiden Schauspieler beim <<In den Gängen>> Photocall im Rahmen der 68. Internationale Filmfestspiele Berlinale am 23.02.2018 in Berlin. (Quelle: imago)
Franz Rogowski und Sandra Hüller. | Bild: imago

Rogowski in seinem Element

Franz Rogowski ist nach "Transit" schon zum zweiten Mal in einer Hauptrolle in einem diesjährigen Wettbewerbsfilm zu sehen. Dort wirkte der "Shooting Star" überfordert, blieb sehr blass. Hier ist er in seinem Element. Als spröder schüchterner Christian kann er sich noch stärker auf seinen körperlichen Ausdruck konzentrieren. Wenn man einfach nur beobachten kann, wie sein Körper sich anspannt, wie es still in ihm arbeitet, dann ist Rogowski in seinem Element.

Komplett verzichtbar sind Rogowskis spärlich gesäten Voice-Over-Passagen, die möglicherweise der Co-Drehbuchautor Clemens Meyer so haben wollte, auf dessen Erzählung der Film beruht. Sie fügen nichts hinzu, was der Film nicht auch in Bildern auszudrücken in der Lage wäre.

"Du bist ja eine Tratsch-Tante"

Sandra Hüller ist das trocken-witzige Gegengewicht zu Rogowskis maulfauler Figur. "Na, du bist ja eine Tratsch-Tante. Da kommt man ja kaum dazwischen", sagt ihre Marion einmal mit liebevollem Spott.

Peter Kurth spielt hier wieder eine liebeswerte tragische Figur. Ihn hatte Stuber schon bei seinem vorigen Film "Herbert" groß in Szene gesetzt, einem Porträt eines kranken Boxers. In "In den Gängen" erzählt der Regisseur nun nicht ganz so dicht auf seine Figuren fokussiert und lässt der Geschichte mehr Luft. Die Kamera zeigt in Totalen immer wieder ausgiebig die Gänge des Großmarktes mit ihren Getränkekisten und Chipspaletten. Dann ist er wieder nah an seinen Figuren, beobachtet sie dabei, wie sie einander näher kommen. Sanft und vorsichtig, anrührend, aber nie kitschig.

Warum die "Schöne blaue Donau"?

Irritierend ist indes der Beginn des Films: Ein Parkplatz in der Dämmerung, nur ein paar Autos stehen hier, die Flutlichter sind an, ansonsten gähnende Leere. Dann setzt Musik ein, "An der schönen blauen Donau", ausgerechnet die Musik also, die filmgeschichtlich unzertrennbar mit Stanley Kubricks "2001" verbunden ist. In dem Science-Fiction-Klassiker begleitet er den Flug einer Raumfähre durchs All.

Bei Thomas Stuber sind es nur Gabelstapler. Während die Musik weitergeht, schneidet er um in das Innere des Großmarktes, der noch dunkel daliegt. Beim ersten Anschwellen des Walzers fährt dann der Gabelstapler los durch die Gänge.

Warum diese Kombination aus Musik und Gabelstapler, mit der man sich im aufdrängenden Vergleich zu Kubrick nur verlieren kann? Ein parodistischer Einsatz wäre noch verständlich gewesen - doch darauf lässt hier nichts schließen, auch wenn der Tonfall des Films in der ersten Hälfte spröde-humorig ist.

Dennoch: Thomas Stuber hat der Berlinale hier mit dem letzten Beitrag in der diesjährigen Konkurrenz noch einen sehr hübschen, erstaunlich stilsicheren und gut gespielten Film beschert.

Fazit: "In den Gängen" ist kein perfekter Film. Aber als anrührender, toll gespielter Abschluss der Berlinale-Konkurrenz kommt er gerade richtig.

Sendung: Berlinale Studio, 23.02.2018, 22.00 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Langweilige, nicht erzählenswerte, unglaubwürdige Story, keine Milieustudie, keine Sozialstudie, keine Poesie. Die Schauspieler sind nicht so geführt, dass sie ihren Habitus an den Intellekt des typisch Werktätigen angepasst hätten. Es reicht nicht, dass Hüller, Rogowski, Kurth usw. wie Proletarier aussehen, sie müssen auch Proletarier-Dialoge zu sprechen kriegen und entsprechenden Duktus annehmen. In Leipziger Großmärkten wird Dialekt gesprochen. Ich habe zudem schon viel glaubwürdigere Klebetattoos gesehen. Romanze zwischen Marion (nicht Monika!!!) und Christian unglaubwürdig. Das beste Schauspiel vor der Kamera ist doch das, das man als Schauspiel nicht wahrnimmt. Solch einen Film bitte nicht in die Hauptsektion des größten Filmfestivals der Welt. Es ist aus meiner Sicht mehr eine Regie-/Autorenproblem als der schauspielerischen Leistung. Und das dann auch noch viel zu lange 125min.

  2. 3.

    was soll denn die Mutmaßung, dass clemens Meyer für die voice over texte verantwortlich wäre. jeder, der sich ein bisschen auskennt, im business, weiß, dass der Regisseur so etwas dann im schnitt entscheidet, ob das sinn macht, oder nicht. sauber hat das Drehbuch anscheinend komplett mit mehr zusammengeschrieben, sie bekamen ja dafür auch den deutschen drehbuchgreis vor einigen Jahren.
    warum es hier keinen sinn machen soll mit der voice over, erschließt sich mir beim lesen nicht, aber ich habe den film auch noch nicht gesehen. auch die Kritik der walzermusik mutet eher wie ein besserwisserische Kommentar an und nicht wie eine fundierte Kritik. Kubrik, ja und? vllt gerade deshalb, weil in einem vollkommen anderen "space"...

  3. 2.

    Hallo Schtantmän, wie kommen Sie zu dieser Äußerung? Im Text steht ausdrücklich: "Sanft und vorsichtig, anrührend, aber nie kitschig."

  4. 1.

    "Anrührend" ist die kleine Schwester vor “kitschig". Das haben weder die Schauspieler noch der Regisseur verdient. Hier wollte wohl jemand nur ein bisschen loben. Eine anrührende Kritik.