Ana Brun und Marcelo Martinessi mit ihren silbernen Bären (Quelle: dpa/Chesnokova)
Bild: dpa/Chesnokova

Filmkritik | "Las herederas" ("Die Erbinnen") - Freischwimmen am Steuer

Der erste Wettbewerbsbeitrag aus Paraguay in der Geschichte der Berlinale kommt fast ganz ohne Männer aus. "Las herederas" zeigt eine Frau, deren Leben sich sehr langsam ändert, als ihre Lebensgefährtin ins Gefängnis muss - entwickelt aber keinen wirklichen Drive. Von Fabian Wallmeier

Chiquita (Margarita Irún) muss ins Gefängnis. Sie hat ihre Schulden nicht bezahlt, jetzt ist ein Brief angekommen: Schon am nächsten Donnerstag muss sie ihre Haftstrafe antreten. Doch Marcelo Martinessis Film erzählt nicht Chiquitas Geschichte - er kreist um Chela (Ana Brun), Chiquitas Lebensgefährtin, die nun auf sich gestellt ist.

Chiquita war in der offenkundig über viele Jahre eingespielten Beziehung der beiden immer die Tonangebende. Sie beschließt, dass die beiden auf eine Party gehen, sie setzt sich ans Steuer. Nun beginnt Chelas langsame Emanzipation.

Chela und Chiquita kommen eigentlich aus sorglosen Verhältnissen. Beide stammen aus wohlhabenden Familien, gehören zur Oberschicht von Asunción, der Hauptstadt von Paraguay - eines Landes, das im internationalen Kino kaum sichtbar ist und aus dem nun auch zum ersten Mal überhaupt ein Film im Berlinale-Wettbewerb läuft.

Durch Zufall zur Fahrerin

Doch der Wohlstand bröckelt. In dem Haus, in dem Chela aufgewachsen ist und das sie geerbt hat, wird alles katalogisiert und zum Verkauf angeboten. Immer wieder kommen Frauen vorbei, stolzieren umher, begutachten Besteck, Gläser und Mobiliar. Chela hält sich dabei versteckt und schickt ihre Bedienstete vor, die für sie trotz aller finanzieller Schwierigkeiten eine absolute Selbstverständlichkeit bleiben.

Chela beginnt Geld zu verdienen, indem sie noch wohlhabendere Frauen im Auto durch die Gegend kutschiert. Eher durch Zufall gelangt sie zu diesem Nebenverdienst. Sie muss am Steuer zwar einige Demütigungen einstecken, schwimmt sich aber letztlich frei aus ihrem Trott, lernt sogar eine andere Frau kennen.

Las herederas | The Heiresses © lababosacine
Ana Brun und Margarita Irún spielen das lesbische Paar, das plötzlich getrennt wird.Bild: lababosacine

Männer schleppen Klaviere und braten Burger, sonst nichts

Männer spielen in Martinessis Film keine Rolle. Sie tauchen hier und da in Erzählungen über verstorbene Ehemänner auf. Physisch anwesend sind sie dagegen nur in Gestalt von vier Möbelträgern, die das verkaufte Klavier herausschleppen, und eines Imbissbetreibers, der Chela nachts einen Burger brät. Ein feministischer Film ist "Las herederas" deshalb nicht - will es wahrscheinlich auch gar nicht sein. Er zeigt schlicht -ohne das überhaupt zu thematisieren - einen Alltag, in dem Männer keine Rolle spielen.

"Las herederas" ist Martinessis bislang konventionellster Film. In seinen bisherigen drei Kurzfilmen hat er sich von Western-Motiven inspirieren lassen, eine kleine Initiationsgeschichte in der Unterschicht erzählt und mit Dokufiktion experimentiert. Nun nimmt er sich viel Zeit für das Psychogramm einer Frau, deren Leben auf den Kopf gestellt wird und die nun sehr langsam ihre Koordinaten neu auszurichten beginnt.

Gemächlich erzählt, inhaltlich seltsam blutarm

Chiquitas Leben im Gefängnis bleibt eine Randnotiz. Dass es dort nicht immer so fröhlich zugeht, wie eine frühe Szene mit tanzenden und singenden Frauen im Hof suggeriert, will sie nicht wissen - sie hat nun fürs Erste andere Prioritäten.

Einen wirklichen Drive entwickelt der Film leider nicht. Gemächlich erzählt er die Geschichte einer stillen Emanzipation, zeigt in Ausschnitten gesellschaftliche Zustände in Paraguay. Doch unterm Strich bleibt er seltsam blutarm - auch weil Hauptdarstellerin Ana Brun nicht ausdrucksstark genug ist, um ihn zu tragen.

Fazit: "Las herederas" ist der erste Wettbewerbsfilm der Berlinale aus Paraguay. Das Psychogramm einer Frau aus der Oberschicht, deren Welt auf den Kopf gestellt wird, ist langsam erzählt - und leider auch ein bisschen langweilig.  

Sendung: Berlinale Studio, 16.02.2018, 22.15 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)
    rbb

    Fabian Wallmeier

  • Steffen Prell (Quelle: rbb)

    Steffen Prell

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

  • Filmbewertung Ula Brunner (Quelle: rbb)
    rbb

    Ula Brunner

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Regisseur des Films "Gabi" Michael Fetter Nathansky bei der Berlinale-Premiere (Quelle: rbb/Jule Kaden)
rbb/Jule Kaden

Perspektive Deutsches Kino - Mit dem Jungregisseur zur Weltpremiere

Er ist Regie-Student, gerade mal 23 Jahre alt – und: Sein Kurzfilm "Gabi" hat auf der diesjährigen Berlinale die Sektion Perspektive Deutsches Kino eröffnet. Jule Kaden hat den Berlinale-Debütanten Michael Fetter Nathansky am Tag der Weltpremiere seines Films begleitet.