Phillip Groening (Quelle: dpa/Wengel)
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Filmkritik | "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" - Zwillinge, viele Ameisen - und eine Gewaltorgie

Zwei Stunden dichtes, philosophisches Geschwisterpsychogramm, dann ein schockierender einstündiger Gewaltakt: Philip Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" ist ein Ereignis - und der bislang verstörendste Beitrag im Wettbewerb. Von Fabian Wallmeier

Ein heißer Sommertag. Die Zwillinge Elena und Robert liegen im Gras. Sie lernen für Elenas Abiturprüfung in Philosophie am kommenden Montag. Danach werden sich ihre Wege trennen. "Weil du Arsch hängen bleibst, muss ich alleine studieren", sagt Elena. Sie schließen eine Wette ab: Vor Montag will Elena mit irgendeinem Mann geschlafen haben, sonst bekommt Robert das Auto, das die Eltern ihr zum Abi schenken wollen.

Philip Gröning hat eine Studie über ein Zwillingspaar an der Schwelle zum Erwachsenenwerden gedreht - und viel mehr als das. "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" beginnt als Psychogramm, als Porträt einer innigen Geschwisterbeziehung. Die Art, wie sie miteinander reden, ist für Außenstehende, die Zuschauer eingeschlossen, elliptisch - ein eingespieltes System aus Codes und Ritualen. Die beiden sind auch körperlich eng - vielleicht etwas zu eng, dämmert einem beim Zuschauen immer wieder. Wenn sie sauer aufeinander sind, schlagen und raufen sie sich - und liegen kurz darauf wieder symbiotisch ineinander verknotet zusammen im Gras.

Nur Geschwister können einander so reizen

Reine Sympathieträger sind die beiden von Anfang an nicht. Robert hat einen Hang zum prätentiösen Gelaber, Elena hat ein so dünnes Nervenkostüm, dass sie ständig ausrastet. Die beiden stehen im Umgang miteinander ständig unter Spannung, auch Eifersucht auf die jeweiligen Liebesangelegenheiten des anderen Zwillings spielt eine gewichtige Rolle. Sie reizen sich gegenseitig bewusst bis aufs Mark, wie nur Geschwister es können, und sind doch schnell wieder zueinander hingezogen.

Verstärkt werden die Spannungen von der Ödnis der Umgebung: Es ist ein ereignisloser, heißer Sommer, irgendwo in der Provinz. Es gibt nichts weiter zu tun, als zu reden, sich gegenseitig zu reizen, immer wieder Bier von der angrenzenden Tankstelle zu holen und die dort arbeitenden Männer zu provozieren. Man kennt sich seit Jahren - im angeschlossenen Wohnbereich dokumentieren mit Datum versehene Striche an der Wand, wie aus den Kindern junge Erwachsene geworden sind.

Robert doziert, philosophiert - nur vordergründig mit Blick auf Elenas Prüfung: über den Begriff der Zeit kann er anhand von Texten und allem, was ihn von Baum und Laub bis Flasche und Scherben umgibt, stundenlang reden. Viel Zeit nimmt sich auch der Film - und erinnert dabei an Grönings meditative Kloster-Dokumentation "Die große Stille", noch mehr aber an sein auf engem Raum das Verhältnis eines Vaters zu seinem Sohn einfangendes Debüt "Sommer". Zwei Stunden lang fängt er hier nun das Geschwisterpaar beim Philosophieren und Streiten ein - und die sommerliche Ödnis: Grashüpfer, Ameisen, Wespen, Gras und Erde, Laub, ein diesiger See.

Nach zwei Stunden bricht die Gewalt los

Gröning, der neben Buch, Regie und Schnitt auch für die Kamera verantwortlich war, fängt das in ungemein organischen Nahaufnahmen ein. Zum einen stehen sie in ihrer satten Schönheit für sich, zum anderen machen sie klar: Irgendetwas gärt hier, ein Umbruch ist im Schwange - und der besteht nicht nur darin, dass sich Elenas und Roberts Wege nach dem Abitur trennen werden.

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" spielt erst gekonnt mit den Nerven des Zuschauers - und schlägt ihm dann mit aller Wucht in die Magengrube: Nach zwei Stunden kippt der Film - und wird zu einer sich immer weiter hochschaukelnden einstündigen Gewaltorgie. Hat sie einmal begonnen, ist der nächste Kontrollverlust nicht mehr weit. Was genau passiert, sei hier nicht verraten. Aber es wird in jedem Fall die Zuschauer spalten, so plötzlich kommt und so heftig ist die Gewalt. Doch wenn man sich zurückerinnert an all die offenen und unterschwelligen Aggressionen, die Gröning schon zuvor gezeigt hat, ergibt sie einen Sinn. Weniger schockierend ist sie dadurch indes natürlich nicht.

Fazit: Die Geschichte einer aus den Fugen geratenden Zwillingsbeziehung "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ wird für Kontroversen sorgen. Gut so - denn davon gab es im Wettbewerb noch nicht allzu viele.

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Sendung: kulturradio, 21.02.2018, 14.15 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ein sehr beeindruckender Film! Hoffe er gewinnt den Bären!

  2. 4.

    Moritz Maler schrieb:
    > Zwei Zwillinge sind 4 Menschen

    Unfug, genauso wenig wie zwei Geschwister vier Menschen sind.

    1 Zwilling ist 1 Mensch, 2 Zwillinge sind 2 Menschen,
    1 Zwillingspaar sind 2 Menschen, 2 Zwillingspaare sind 4 Menschen,
    "zwei Zwillinge" ist allenfalls ein Pleonasmus.

    Und Arroganz ist die Kunst, auf seine eigene Dummheit stolz zu sein.

  3. 3.

    Absolute Zumutung!
    Fassungslos über so ein dreistündiges, beispiellos flaches Gelaber. Eine Schulklasse mit Grundkurs Philosophie hätte sowas besser hingekriegt. Unerträglich schlecht. Wer sucht sowas für den Wettbewerb aus?

  4. 1.

    Zwei Zwillinge sind 4 Menschen. In dem Film geht es aber nur um EIN GeschwisterPAAR!!! Also um 2 Leute. = Zwillinge.
    Fragt sich, wer hier der Idiot ist ;-)

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