Goldener Bär für "Touch Me Not" (Quelle: dpa/Yuqi)
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Berlinale-Filmkritik | "Touch Me Not" - Die Intimität der anderen

Viele verschiedene Menschen reden über Sex, Intimität und ihr Verhältnis zum eigenen Körper. Viel mehr passiert nicht in Adina Pintilies Wettbewerbsbeitrag. Der ist in den Details nicht uninteressant, bleibt aber als Ganzes schwammig. Von Fabian Wallmeier

Nackte Haut mit schwarzen Haaren. Die Kamera ist so nah dran, dass zuerst nicht klar wird, was genau zu sehen ist. Erst als sie sich langsam weiterbewegt, wird klar: Sie fährt langsam das Bein eines liegenden Mannes entlang, am Penis vorbei über den Bauch und die Brustwarze - doch bevor sie das Gesicht erreicht, wird übergeblendet zum nächsten Bild.

Adina Pintilie zeigt in "Touch Me Not" am Beispiel mehrerer Menschen, was Körperlichkeit und Intimität bedeuten können. Es geht dabei natürlich unter anderem um Sexualität, aber auch um Ängste, Liebe, Ärger und Lust.

Das Bein aus der Einstiegssequenz gehört einem Callboy. Laura, eine der beiden Hauptprotagonisten des Films, hat ihn sich bestellt. Sie schaut ihm zu, wie er sich auszieht, duscht, masturbiert und wieder geht. Geredet wird dabei kaum, auch wenn Laura Versuche unternimmt, ihn ein bisschen kennenzulernen: Was die Schriftzeichen bedeuten, die er sich eintätowiert hat, fragt sie ihn einmal. Das sei sehr persönlich, antwortet er nur.

Laura trifft sich unter anderem mit einer Transfrau und einer männlichen Domina. Sie reden über ihre Körper. Laura betrachtet und lässt sich berühren. Sie tastet sich an die eigenen Ausbrüche heran, schreit zum Beispiel kurz, geht dann aber schnell wieder auf Distanz.

Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie mit ihren Schauspielern Christian Bayerlein und Grit Uhlemann vor der Pressekonferenz von <<Touch Me Not>>. (Quelle: dpa/Chesnokova)
Regisseurin Pintilie (l.) mit zwei Protagonisten aus ihrem Film. | Bild: dpa/Chesnokova

Krankenhaus und Orgie

Ein Plot ist auch ansonsten nur in Ansätzen angelegt: Laura wird immer wieder in einem Krankenhaus gezeigt, am Bett eines Mannes, der intensiv schaut, aber nichts sagt. Und sie verfolgt offenbar den zweiten Hauptprotagonisten des Films.

Der heißt Tomas und hat ein Problem mit Nähe - will aber etwas dagegen tun. Er nimmt an einer Art Körpererfahrungs-Workshop teil. Viele der anderen Teilnehmer sind körperbehindert. So auch Christian, mit dem Tomas intime Gespräche führt. Auch das Tabuthema Behinderung und Sexualität ist immer wieder Thema, sehr offen und natürlich spricht Christian darüber. Beim darüber Reden bleibt es nicht: Zwischendurch zeigt der Film eine Orgie, auf der Tomas und Christian sich zufällig begegnen.

Schauspielerin Laura Benson (l) und Regisseurin Adina Pintilie vor der Pressekonferenz ihres Films <<Touch Me Not>>. (Quelle: dpa/Chesnokova)
Hauptdarstellerin Laura Benson (l.) mit der Regisseurin. | Bild: dpa/Chesnokova

Zwischen Doku und Fiktion

Die Verneinung im Titel deutet es schon an: Das Erkennen und Austasten von Grenzen ist eines der Hauptthemen von Pintilies filmischer Studie. Auch in ihrem ersten Langfilm war schon die Negation im Titel: "Don’t Get Me Wrong" verfolgt aber einen ganz anderen Ansatz, er ist deutlich abstrakter als "Touch Me Not". Pintilie zeigt darin die Bewohner einer psychiatrischen Anstalt in ihrem Alltag. Zwei Männer sind immer wieder beim Flanieren über das Gelände zu sehen, sie diskutieren existenzielle Fragen von Religion und Philosophie.

Beide Filme eint die Uneindeutigkeit bei der Genre-Verortung: Sie sind zwar in Teilen ganz klar fiktionalisierend gestaltet, tragen aber auch viele dokumentarische Züge. In "Touch Me Not" macht Pintilie immer wieder das Filmen selbst sichtbar: Eine Kamera ist immer wieder im Bild, die Crew wird beim Aufbau gezeigt.

Am Anfang des Films richtet sich die Regisseurin aus dem Off an ein namenloses Du und fragt, worum es in dem Film geht und ob sie vielleicht nicht oft genug darüber gesprochen haben. Diese Fragen werden kurz vor Schluss noch einmal aufgegriffen. Doch wirklich schlauer ist man in den insgesamt gut zwei Stunden des Films nicht geworden. Dass Intimität, Sexualität und Körperlichkeit höchst individuelle Dinge sind, über die es sich zu reden lohnt, hat man beim Sehen des Films vielleicht gelernt. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Adina Pintilie zeigt viel nackte Haut und lässt verschiedene Menschen über Intimität und Körper reden. Doch der dokumentarisch anmutende Film bleibt am Ende leider erkenntnisarm.

Sendung: Inforadio, 23.02.2018, 06.00 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ich habe mich auf den Film eingelassen. Bei mir hat er eben etwas anderes ausgelöst als bei Ihnen. Das ist ja auch gar nicht schlimm - ist doch wunderbar, dass Filme so unterschiedlich wirken können! Und ich schiebe Frau Pintilie nichts in die Schuhe, ich sage und begründe nur meine Meinung zum Film - eine Kritik ist nun mal streng subjektiv. Ich wünsche Ihnen jedenfalls noch schöne weitere Seherfahrungen auf den letzten Metern der Berlinale!

  2. 3.

    "Doch der dokumentarisch anmutende Film bleibt am Ende leider erkenntnisarm."
    Tja, lieber Herr Wallmeier, vielleicht sollten sie sich um Erkenntnis etwas mehr selbst bemühen, statt zu erwarten, dass der Film Ihnen Erkenntnis auf dem Tablett präsentiert.
    Natürlich sind Sie mit Ihrer Haltung dann enttäuscht, dass "Ein Plot ... auch ansonsten nur in Ansätzen angelegt" ist. Sowas aber auch. Da muss man ja denken und seine Fantasie bemühen.
    Der Film hat einiges in mir bewegt und Denkprozesse ausgelöst. Inwieweit ich dadurch Erkenntnis gewinne und die vielleicht sogar umsetzen kann, das liegt an mir. Sollte das nicht klappen, kann ich das kaum Fr. Pintilie in die Schuhe schieben.
    Ich fand den Film sehenswert, aber man musste sich natürlich drauf einlassen können.

  3. 1.

    Filme, auf die man gut verzichten kann. (Außer man hatte noch nie Sex, dafür wohl eher abschreckend.)

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