24.02.2018, Berlin, Berlinale, Verleihung der Berlinale-Bären, Berlinale-Palast: Die Regisseurin und Drehbuchautorin Malgorzata Szumowska hält den Preis "Silberner Bär/Großer Preis der Jury für den Film "Twarz" (Quelle: dpa/Pedersen)
Bild: dpa/Pedersen

Filmkritik | "Twarz" - Plötzlicher Fremder im eigenen Dorf

Durch eine Transplantation erhält Jacek ein neues Gesicht. Die Familie ist verstört, die fromme Dorfgemeinschaft lässt ihn hängen. Die schwarze Komödie über den Umgang mit dem Fremden ist einer der stärksten Filme im Wettbewerb. Von Ula Brunner

Dieser Film ist wie ein wildes Gedicht oder ein Rocksong: rhythmisch, gefühlvoll, dann wieder fast zärtlich, still. Formvollendet, mit wunderbaren Bildern und voller Anspielungen. Zum vierten Mal ist die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska im Wettbewerb der Berlinale. 2015 gewann sie mit ihrem irritierenden Werk "Body" (Körper) über eine magersüchtigen junge Frau den Silbernen Bären für die beste Regie. Auch "Twarz", (auf Deutsch: Visage, Gesicht), erzählt eine Geschichte im heutigen Polen, die Gesellschaftskritik und Komik in einer Provinzposse vereint.

Jacek in der Provinz

Wir sind irgendwo auf dem polnischen Land. Hier lebt Jacek (Mateusz Kościukiewicz), ein sympathischer junger Metallica-Fan mit seiner Großfamilie. Zwar meckern die, er soll sich die Haare schneiden lassen, Ehrgeiz zeigen. Doch mit seiner Verlobten Dagmara (Małgorzata Gorol) genießt Jacek sein Leben als cooler Dorfhippie: samstags Party, sonntags Kirche. Nahaufnahmen des dörflichen Alltags in entsättigten Farben, ein rhythmischer Soundtrack und die Weite der Landschaft - "Twarz" ist bildstark, voller Musik, sehr atmosphärisch. Manchmal zeichnet Kameramann Michał Englert wunderschöne hyperreale Szenerien, etwa wenn Jacek und Dagmara auf einem Schimmel über die Wiese galoppieren: der Prinz und seine Angebetete.

"Twarz"-Regisseurin Malgorzata Szumowska auf der Berlinale-Pressekonferenz (Foto: dpa / Britta Pedersen)
"Twarz"-Regisseurin Malgorzata Szumowska auf der Berlinale-Pressekonferenz. | Bild: dpa / Britta Pedersen

Ein Fremder in der eigenen Familie

Hier auf dem Land ist man katholisch, der Kirchgang ist obligatorisch. Als der Pfarrer anregt, eine gigantische Jesusstatue zu bauen, helfen alle mit. Doch während der Arbeiten kommt es zu einem schlimmen Unfall. Ganz beiläufig erzählt der Film die Wende in Jaceks Leben: ein falscher Tritt, ein folgenschwerer Sturz. Eine Gesichtstransplantation ist notwendig, der Eingriff glückt. Jacek kommt mit der leichten Entstellung gut klar. Die Dorfgemeinschaft hingegen kann sich nicht an das fremde Gesicht gewöhnen. Seine Verlobte verlässt ihn, und selbst der eigenen Familie ist er unheimlich: "Ich kenne ihn nicht wieder, er sieht aus wie ein Perverser." Ist er etwa vom Satan besessen und muss exorziert werden? Nur seine Schwester (Agnieszka Podsiadlik) hält zu ihm und verschafft ihm sogar einen Werbevertrag, ausgerechnet für eine Faltencreme. Denn die medizinische Weiterbehandlung muss finanziert werden. Die Kirchgänger haben keine Lust mehr, für Jacek zu spenden, der Klingelbeutel bleibt leer. Dafür wächst die riesige Jesusskulptur immer weiter.  

Ein Film über den Umgang mit dem Anderen

"Twarz" erzählt eine Geschichte im Polen von heute, tiefgründig, spöttisch und im besten Sinne unterhaltsam. Bigotterie und Frömmelei kriegen ihr Fett weg. Doch darüberhinaus hält Regisseurin Małgorzata Szumowska Fragen bereit, die jede Gesellschaft angehen. Sind wir in der Lage, vermeintliche Fremde zu integrieren? Was ist uns der Einzelne wert? Wie ist unser Blick auf Menschen?

Immer wieder filmt Kameramann Englert mit geringer Tiefenschärfe, hält die Bildperipherie unscharf, rückt einzelne Personen in den Fokus. Die Kamera fordert uns auf, genau hinzuschauen, unsere Wahrnehmung überprüfen. "Twarz" ist im klassischem Sinne eine Schule des Sehens. Dass manche Handlungsstränge nur angedeutet sind, die Narration manchmal etwas gebrochen scheint, ist dabei eigentlich gleichgültig. Mit seiner dichten Atmosphäre, seiner ästhetischen Raffinesse und seiner großen Empathie für seinen Protagonisten zieht uns der Film in seinen Bann. Was macht Identität aus? Was ist vertraut, was ist fremd? Auf unverkrampfte Weise stellt "Twarz" drängende Fragen, die uns auch dann noch beschäftigen, wenn der Kinovorhang gefallen ist.

Fazit: Eine Provinz-Farce über Identität und Fremdheit, ein herausragender Film über Kirche und Alltag in Polen. In jedem Fall bärenwürdig.   

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Sendung: Kulturradio, 23.02.2018, 15.00 Uhr

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Dieser Film kann nur jenen gefallen die auch sonst alles schlucken was ihnen der debile Mainstream so vorsetzt!! Er trieft nur so vor PC, guten Absichten und Grundschulpädagogik! Das ganze hat wenig mit Filmkunst zu tun, viel eher erinnert es an Propaganda, denn die Intention dieses Films ist so offensichtlich, dass es schon weh tut.
    Vor dem politischen, gegenwärtigen Hintergrund (Polen will keine Flüchtlinge aufnehmen... Xenophobie..) würde ich mich nicht wundern wenn Deutschland diesen Film in "Auftrag" gegeben hätte...
    Schade das Jacek (die Hauptrolle) nicht auch noch schwul ist, dann hätte die Regisseurin alle Cliches bedient!

  2. 1.

    Was los mit Reiner

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