Christian Petzold zur "Transit" Pressekonferenz (Quelle: dpa/Niehaus)
Bild: dpa/Niehaus

Filmkritik | "Transit" - Erzählerisches Durcheinander mit Drang zur Instinktlosigkeit

Christian Petzold hat Anna Seghers’ Flüchtlingsroman "Transit" ins Marseille von heute verlegt - in Teilen zumindest. Und darin liegt das größte Problem des ersten deutschen Wettbewerbsfilms. Es ist bei Weitem nicht sein einziges. Von Fabian Wallmeier

Georg (Franz Rogowski), ein verfolgter deutscher Jude in Marseille, sitzt im Café an der Bar und wartet. Auf eine Frau, auf ein Visum, auf irgendwas. Aus dem Off berichtet der namenlose Barbesitzer (Matthias Brandt), was er von und über Georg erfahren hat. Georg nimmt die Identität eines Selbstmörders an - denn der hat ein Visum für Mexiko, in eine sichere Zukunft. Und er hat eine schöne Ex-Frau (Paula Beer), die vielleicht wieder etwas von ihm will.

Anna Seghers’ Roman "Transit" spielt im Südfrankreich der 1940er Jahre, kurz bevor die deutschen Truppen einrücken. Christian Petzold hat die Handlung in weiten Teilen übernommen, seinen Film aber im Marseille der Gegenwart angesiedelt.

Der "Shooting Star" ist überfordert

Franz Rogowski, der offizielle deutsche "Shooting Star" der Berlinale, ist hoffnungslos überfordert mit seiner Rolle. Tonlos leiert er seine Sätze. Das fällt besonders auf, wenn direkt nach ihm Matthias Brandt als Erzähler aus dem Off zu hören ist. Selbst mit seiner physischen Präsenz, die sonst bei ihm eine sichere Bank ist, kann Rogowski dieses Mal nicht punkten. Auch Paula Beer, die als fragile Schöne mit knallrotem Lippenstift ganz ähnlich in Szene gesetzt ist wie Petzolds Stamm-Muse Nina Hoss, hat nicht die Gelegenheit, wirklich positiv aufzufallen.

Filmszene mit Franz Rogowski aus "Transit"Bild: Schramm Film/Marco Krüger

Das liegt nicht zuletzt am großen erzählerischen Durcheinander, das Petzold anrichtet. Er hat die Romanhandlung und die Erzählperspektiven unnötig verkompliziert - und das bekommt dem Film nicht gut. Am Ende kommen die Wendungen im Minutentakt - und wirken hastig aneinandergereiht. Von der großen Ruhe, mit der Petzold sonst erzählt, war er nie weiter entfernt.

Sütterlin-Briefe und Flachbildfernseher

Das Spiel mit den Identitäten hat Petzold in seinem vorigen Film schon einmal verhandelt - und zwar auf sehr viel stimmigere Art: in "Phönix", in dem Nina Hoss als befreiter KZ-Häftling nach einer Gesichtsoperation nicht mehr erkennbar ist und nun ihrem Mann gegenübertritt. Der hat sie verraten - und weiß nicht, wen er da vor sich hat. Das höchst artifizielle Setting des Films bleibt eine verfremdete Kopie der Nachkriegsjahre, zusammen mit der ganz offensichtlich nicht realistischen Prämisse der Geschichte entsteht hier großes Melodrama, das den Massenmord der Nazis als Schablone verwendet. Das muss man nicht geschmackvoll finden, es funktioniert aber, weil die Filmwelt so eindeutig als künstlich erkennbar ist.

Das ist bei "Transit" anders. Das größte Problem des Films ist die Art und Weise, wie Petzold die Geschichte in die Gegenwart versetzt - und gleichzeitig in Teilen nach Belieben in der Vergangenheit belässt. In einem erkennbar heutigen Marseille, mit modernen Autos und französischen Polizeiuniformen, Werbungen von heute und Flachbildfernsehern sowie Gesprächen über Torwarte und Borussia Dortmund, gibt es Briefe in Sütterlin-Handschrift, Pässe aus den 1940er Jahren - und vor allem: Gespräche über Konzentrationslager und Nachrichten über die deutschen Truppen, die Frankreich erobern und Marseille von Tag zu Tag näher kommen.

Der Holocaust verkommt dabei zu einem Motiv aus dem erzählerischen Setzkasten - was moralisch mehr als fraglich ist. Damit nicht genug: Die Figur der stummen Melissa aus Maghreb, Witwe von Georgs Freund Heinz, ist zudem selbstverständlich ein Verweis auf die heutige Flüchtlingskrise. Wie Petzold hier die Zeit- und Bedeutungsebenen nebeneinander stellt und damit höchst problematische Vergleiche heraufbeschwört, zeugt von einer frappierenden Instinktlosigkeit.

Fazit: Erzählerisches Durcheinander, ein schwacher "Shooting Star" in der Hauptrolle und eine fragwürdige Halbverpflanzung des Romanstoffs in die Gegenwart machen "Transit" zu Christian Petzolds bislang schwächstem Film.

Sendung: Abendschau, 17.02.2018, 19.30 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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5 Kommentare

  1. 5.

    Hab den Film heute gesehen und muss die Kritik leider bestätigen. Ein interessantes Experiment, aber leider ziemlich verkorkst und null emotional. Schade. Mich wundern die anderen, sehr positiven Kritiken, aber das ist ja oft so - unsere "Star-Regisseure" werden sehr wohlwollend und langweilige Filme als künstlerisch wertvoll beurteilt...

  2. 4.

    Ich fand den Film und seinen Hauptdarsteller großartig, sollte den Bären bekommen, besser wirds nicht! Die Idee, die Handlung im heutigen Marseille spielen zu lassen, macht den Film zur intellektuellen Herausforderung, sorgt für Verwirrung, Rätsel und macht ihn zeitlos.

  3. 3.

    Ich kann mich Fabian Wallmeiers Kritik nur anschließen. Wir kommen gerade aus dem Friedrichstadtpalast und sind maßlos enttäuscht und auch wütend. Das Flüchtlingsthema wird durch die Art, wie der Film gemacht ist, verballhornisiert und banalisiert. Es kommt null Emotion herüber und dadurch auch keine innere Beteiligung auf, was in Anbetracht der Tatsache, dass Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, eine Schande ist. Von Christian Petzold habe ich wirklich Besseres erwartet, er hat sich meiner Meinung mit seinem Anspruch, die heutigen Flüchtlingskrisen mit den Flüchtlingswellen vor dem Nazi-Terror und noch mit Anna Seghers Roman zu verflechten, hoffnungslos übernommen.
    Fazit: Der Film ist grottenschlecht, man braucht ihn sich nicht anzusehen, wenn man daran interessiert ist, das Thema wirklich an sich heranzulassen.

  4. 2.

    Lieber Carl Barks,

    Teil der Filmkritik ist immer auch eine Interpretation und Bewertung des Films. Dabei kommen unterschiedliche Kritiker zu unterschiedlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen.

    Herzliche Grüße aus der Redaktion

  5. 1.

    3 Kritiker scheinen den Film ziemlich gut zu finden und die Rezension schreibt der eine der ihn verreißt? Merkwürdig.