Gus Van Sant, Udo Kier und Joaquin Phoenix (Quelle: dpa/Wengel)
Bild: dpa/Wengel

Filmkritik | "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot" - Porträt eines ungewöhnlichen Überlebenskünstlers

Gus Van Sant hat ein Faible für Außenseiter, abseitige Biografien und filmische Experimente. Sein aktueller Film erzählt die Geschichte des querschnittsgelähmten Karikaturisten John Callahan – und ist dabei erfrischend sorglos. Von Ula Brunner

Gus Van Sant ist ein vielseitiger Regisseur mit einer Vorliebe für außergewöhnliche Schicksale. Viele seiner Werke sind Höhepunkte des Independent-Films der späten Achtziger- und der Neunzigerjahre. Er hat den schwulen Aktivisten Harvey Milk ("Milk") und den Musiker Kurt Cobain ("Last Days") porträtiert und in "Good Will Hunting" eine Coming-of-Age-Geschichte mit Matt Damon und Robin Williams gedreht.

Robin Williams war es auch, der ihm vorgeschlagen hat, "Don't worry, he won't get far by foot" zu verfilmen, die Autobiografie des querschnittsgelähmten Cartoonisten John Callahan aus Portland, Oregon. Dessen makabren Zeichnungen strotzen vor Spott und Ironie: der KuKluxKlan in kuscheligen Bettlaken, ein Bettler mit einem Schild "Bitte helfen Sie mir. Ich bin blind und schwarz, aber kein Musiker" . Und natürlich bezieht sich auch der Filmtitel auf eine Karikatur, in der Callahan - wie sooft - das Thema Behinderung mit der ihm eigenen Respektlosigkeit aufs Papier brachte. Auf der Höhe seiner Popularität, etwa zehn Jahre vor seinem Tod 2010, erschienen seine Karikaturen in über 200 Zeitungen weltweit – meist gefolgt von einer Flut von Beschwerdebriefen.

Stressiges Leben im Rollstuhl

In seiner liebevollen und unterhaltsamen Künstlerbiografie erzählt Gus Van Sant nun eine Geschichte über ein Leben mit Einschränkungen und den Kampf gegen den Alkohol. Denn Callahan ist schwerer Trinker. Der Alltag mit der Sucht ist stressig - und wird durch den Rollstuhl nicht gerade einfacher. Wie lässt sich mit den Zähnen eine Flasche Rotwein kappen?

Es ist befreiend, wie freimütig und auch komisch Van Sant mit den Schwierigkeiten umgeht, die die Schwerbehinderung seines Protagonisten mit sich bringt, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Wie kann der Sex klappen? Joaquin Phoenix spielt John Callahan in einer darstellerischen Tour de Force zwischen Verzweiflung, Selbstironie und Übermut. Als Callahan endlich trocken ist und im Rollstuhl durch die Stadt knallt, umkippt, und sich dann von einer Gruppe Jugendlicher aufhelfen lässt, ist das ein wunderbares Bild für die Waghalsigkeit, mit der sich dieser Mensch erneut ins Leben stürzt.

Zwischen Philosophie und Therapiesitzung

Gus Van Sant hat den Plot wie ein Mosaik gebaut, mit narrativen Verschachtelungen, Zeitsprüngen, Überblendungen und Parallelmontagen. Dreh- und Angelpunkt sind die Meetings der Anonymen Alkoholiker, an denen Callahan teilnimmt. Aus diesen Sessions springt die Handlung hin und her in der Biografie, blickt auf den Unfall zurück, beschreibt einen Alltag mit Schnapsflasche und Rollstuhl, greift Kindheitstraumata auf, schildert den Heilungsprozess. Und natürlich sind auch die Karikaturen im Film präsent.  

Das alles ist handwerklich sehr geschickt gemacht. Denn die Handlung gewinnt durch den nicht-linearen Aufbau an Dynamik, ohne ihre Verständlichkeit zu verlieren. Der dokumentarische Stil, mit dem Kameramann Christopher Blauvelt die Sessions, die Kneipen, Straßen und Geschäfte von Callahans Heimatstadt Portland filmt, gibt der Geschichte zudem eine frische Authentizität.

Vor allem die Begegnungen mit Donny (Jonah Hill), dem exzentrischen Gruppenguru der Anonymen Alkoholiker, geraten zu einer amüsanten Mischung aus Therapiesitzung und philosophischem Schlagabtausch. Nachdem er endlich clean ist, entdeckt John auch, dass ihn sein makabrer Humor als Cartoonist qualifiziert.

Überlebenskünstler und Guru

Manchmal merkt man "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot" vielleicht zu deutlich an, wie sehr dieser Überlebenskünstler aus Portland dem Regisseur am Herzen liegt. Aber warum auch nicht. Es ist ein zärtlicher Film, den Gus Van Sant in den Wettbewerb geschickt hat, ein Porträt, das sich schmunzelnd den großen Fragen nach dem Warum und Wohin stellt. Aber wie sagt ein Mitglied der Anonymen Alkoholiker gleich zu Anfang des Films: "Vielleicht ist das Leben doch nicht so bedeutsam, wie wir glauben?"  

Fazit: Eine liebevolle Künstlerbiografie, eine melancholisch-vergnügliche Überlebensstudie. Sehenswert!

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Filmbewertung Ula Brunner (Quelle: rbb)
    rbb

    Ula Brunner

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Carsten Beyer

  • Filmbewertung Frauke Gust (Quelle: rbb)
    rbb

    Frauke Gust

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)
    rbb

    Fabian Wallmeier

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

Sendung: Inforadio, 20.02.2018, 07.55 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

24.02.2018, Berlin, Berlinale, Verleihung der Berlinale Bären, Berlinale-Palast: Die Regisseurin Adina Pintilie zeigt den erhaltenen Preis für "Goldener Bär für den besten Film" (_Touch me not_) den Fotografen vor dem Berlinale-Palast (Quelle:dpa/Jens Kalaene)
dpa

Fazit zur Berlinale 2018 - Gegen den Strich und für die Filmkunst

Der Goldene Bär für "Touch Me Not" ist die überraschendste Auszeichnung der Berlinale seit Jahren. Auch wenn der Film seine Mängel hat, ist das keine schlechte Entscheidung - in einem Jahrgang, der schwach begann, sich aber deutlich steigerte. Von Fabian Wallmeier