15.02.2019, Berlin: 69. Berlinale, Photocall "Amazing Grace", Wettbewerb: Die Produzenten Joe Boyd (l) und Alan Elliott (Quelle: Hirschberger/dpa)
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Berlinale-Filmkritik | "Amazing Grace" (Außer Konkurrenz) - Die Rückkehr der Königin

Im vergangenen Sommer starb Aretha Franklin. Millionen Fans Welt trauerten, die Pop-Welt stand für einen Moment still. Jetzt gibt es mit dem umwerfenden Filmdokument "Amazing Grace" die Möglichkeit, die "Queen of Soul" noch einmal zu erleben. Von Carsten Beyer

Los Angeles, im Januar 1972: Die New Temple Missionary Baptist Church, ein ehemaliges Kino, wird zum Schauplatz eines historischen Ereignisses. Nach elf Nummer-Eins-Hits in Serie, nach fünf Grammys und ausverkauften Konzerten im ganzen Land kehrt Aretha Franklin zu ihren Anfängen zurück. Ihr Album "Amazing Grace" möchte die Sängerin in einer Kirche aufnehmen, mit einem Gospel-Chor im Rücken und einer begeisterten, spirituell aufgepeitschten Gemeinde vor sich.

Das Album "Amazing Grace", eingespielt an nur zwei Abenden mit Hilfe des Southern California Community Choir unter der Leitung von Reverend James Cleveland, wird zum bestverkauften Gospel-Album aller Zeiten. Ein Filmmitschnitt, den der damals noch relativ unbekannte US-Regisseur Sidney Pollack im Auftrag der Warner Brothers angefertigt hatte, kommt jedoch nie ins Kino. Aufgrund technischer Probleme waren die Bild- und Tonaufnahmen nicht synchron, die Aufnahmen wanderten ins Archiv.

Kurz vor Sidney Pollacks Tod 2008 hatte sich der US-Produzent Alan Elliott das Filmmaterial gesichert, es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit mit Aretha Franklin um die Rechte und um eine angemessene finanzielle Beteiligung der Sängerin. Dass der Film nun doch - wenn auch mit einer Verspätung von fast 50 Jahren - ins Kino kommt, ist ein kleines Wunder - und ein Segen für die Fans der Sängerin.

      

Keine technischen Mätzchen

Alan Elliott hat das ursprüngliche Filmkonzept von Sidney Pollack weitestgehend übernommen. Sowohl auf das nachträgliche Einfügen von Interviewpassagen als auch auf moderne technische Mätzchen hat er verzichtet. Lediglich die Bild- und Tonspuren wurden synchronisiert und die Songs des Abends in eine chronologische Reihenfolge gebracht. What you see is what you get – und das ist eine Menge.

"Amazing Grace" ist ein Konzertfilm, der die Wurzeln der US-amerikanischen Musikgeschichte freilegt und der zugleich die Aufbruchsstimmung der Schwarzen auf dem Weg in eine bürgerliche Zukunft zeigt. "Als ich Arethas Version von 'Amazing Grace' bei der Probe zum ersten Mal hörte", sagt James Cleveland an einer Stelle, "da standen mir die Tränen in den Augen und ich musste daran denken, welche Geschenke uns der Herr in den letzten 20 Jahren gemacht hat".

Eine Sängerin im Zenit ihres Könnens

Aretha Franklin ist an diesen beiden Abenden in Hochform. 29 Jahre ist sie zu diesem Zeitpunkt alt, und sie zeigt, warum viele Kritiker in den USA sie für die größte lebende Sängerin des Landes halten: Egal, ob sie Gospel-Klassiker wie "Precious Memories" und "What a friend we have in Jesus" singt oder mit "Wholly Holy" eine Komposition ihres Kollegen Marvin Gaye intoniert, jede Note, jede Phrasierung sitzt. "Auch wenn sie heute viele Menschen für eine Popsängerin halten", sagt ihr Vater Reverend C. L. Franklin, der im Publikum sitzt und später im Film eine kleine Lobrede auf seine Tochter halten darf, "im Grunde hat Aretha die Kirche nie verlassen".

Vollgeheulte Taschentücher fliegen durch die Luft

Doch nicht nur Aretha Franklin ist fantastisch in "Amazing Grace" – auch das Publikum trägt seinen Teil zum Gelingen des Films und des Albums bei. Viele Afro-Frisuren und weite Schlaghosen sind da zu sehen – es sind schließlich die 70er Jahre – aber auch bunte Glitzerkleider und aufwändige Perücken. Sitzen die Zuschauer am Anfang noch brav in ihren Kirchenbänken, bald schon werden sie von der Wucht und der Spiritualität der Musik mitgerissen. Es wird getanzt, es wird mitgesungen, alte Frauen schreien ihr Glaubensbekenntnis heraus und an einer Stelle fliegt ein vollgeheultes Taschentuch nur um Haaresbreite am Kopf der Sängerin vorbei, während im Hintergrund Rolling Stones-Sänger Mick Jagger und sein Bandkumpel Charlie Watts entspannt mitgrooven.

Mit dem Traditional "Never grow old" beendet Aretha Franklin am Steinway sitzend den Abend – und mit diesem Song endet auch der Film. Wie Recht sie hat. Diese Musik wird niemals alt werden.

Fazit: Der Dokumentarfilm "Amazing Grace" zeigt eine der größten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Ein Glücksfall, dass dieses historische Dokument nun endlich im Kino zu sehen ist.

Sendung: Kulturradio, 15.02.2019, 15:00 Uhr

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Beitrag von Carsten Beyer

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1 Kommentar

  1. 1.

    Re, wie ihre Freunde sie auch nennen durften in Höchstform. Freue mich schon auf diesen schönen kulturellen Filmbeitrag.

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