09.02.2019, Berlin: 69. Berlinale: Schauspielerin Valerie Pachner (l) und Mavie Hörbiger kommen zur Premiere des Films "Der Boden unter den Füßen" (Quelle: dpa/Soeder)
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Berlinale-Filmkritik | "Der Boden unter den Füßen" - Ein Tanz auf der Grenze

Selbstoptimierung ist ein Glaubensbekenntnis unserer Zeit. Was passiert, wenn das Leben plötzlich aus dem Ruder läuft, erkundet die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer mit ihrer Charakterstudie einer jungen Unternehmensberaterin. Von Kirsten Taylor

"Ich bin Vollwaise, alleinstehend und kinderlos", beschreibt Lola (Valerie Pachner) ihre Lebensumstände. Das sind beste Voraussetzungen für ihren Job. Als Unternehmensberaterin ist die Wienerin viel im Ausland unterwegs, oft für Wochen oder gar Monate. Die Arbeit taktet ihr Leben. Wenn es sein muss, schuftet sie auch mal 48 Stunden durch.

Die freie Zeit dazwischen nutzt sie im Fitnessstudio oder zum zärtlichen Tête-à-Tête mit Elise (Mavie Hörbiger), die genauso blond, schlank und kontrolliert ist wie selbst, aber als Chefin über ihr steht. Nach dem Sex sind sie gedanklich schnell wieder bei der Arbeit, stellt Elise ihrer Geliebten den Karrieresprung zum "Associate Partner" in Aussicht. Lola hat es mit Ende zwanzig also weit gebracht: Erfolg, eine einflussreiche Freundin, ein schickes, aber unbewohntes Appartement in Wien – und sie hat eine ältere Schwester, von der niemand wissen soll. Conny (Pia Hierzegger) ist die Schwachstelle in Lolas Leben. Seit vielen Jahren leidet die dunkelhaarige Frau unter paranoider Schizophrenie. Sie hat Wahnvorstellungen, wittert überall Intrigen, es gibt Suizidversuche. 120 Pillen hat Conny dieses Mal geschluckt und liegt nun mit leer gepumpten Magen in der Psychiatrie. Lola erfährt davon auf dem Weg nach Rostock, wo sie gerade ein Unternehmen umstrukturiert.

Der Berater als Stereotyp

Unternehmensberater sind die Filmfiguren unserer Zeit, man denke nur an Maren Ades Komödie "Tony Erdmann" (2016) mit Sandra Hüller (dieses Jahr Mitglied der Berlinale-Jury) in eben einer solchen Rolle. An ihnen lässt sich wunderbar festmachen, was charakteristisch ist für eine globalisierte Wirtschaft und eine kapitalistische Gesellschaft.

Unternehmensberater stehen für Effizienz und Leistungsbereitschaft, aber auch für Profitstreben, Gewissenslosigkeit und Vereinzelung – und sie laufen Gefahr, im Kino zu Stereotypen zu werden. Selbst dann, wenn vieles, was da gezeigt wird, der Realität entsprechen mag. Auch Marie Kreutzer, die 2011 bei der Berlinale ihren Spielfilm "Die Vaterlosen" über erwachsen gewordene Kinder einer Kommune präsentierte, ist mit ihrem distanziert beobachtenden Film "Der Boden unter den Füßen" nicht ganz dagegen gefeit.

Die Welt, in der sich Lola bewegt, ist selbstredend in kaltes Blaugrau getaucht, ihr  kleines Arbeitsteam - ein Haifischbecken. Man kennt diese Businesswelt aus Film und Fernsehen und langweilt sich ein wenig: die Frauen und Männer in ihren Nadelstreifenanzügen, die mit Anglizismen gespickte Sprache und das gemeinsame Feiern nach Vertragsabschluss.

Ist nur stark, wer nicht schwach ist?

Marie Kreutzer setzt all dem die Welt der Psychiatrie entgegen. Lolas Schwester Conny steht für das Emotionale, das Unkontrollierbare und das menschliche Schwache, damit für alles, was Lola aus ihrem Leben verbannt hat. Diese kontroversen Welten markieren, so die Regisseurin in der Pressekonferenz, für sie die zwei Pole der Leistungsgesellschaft. "Wir sind alle nicht ganz gesund. Es ist ein Tanz auf der Grenze."

Dieses Tänzeln beginnt auch für Lola, als Conny vehement Aufmerksamkeit einfordert. Mit ständigen Anrufen und Forderungen zwingt sie sich in das Leben ihrer Schwester hinein. Lola verliert die Bodenhaftung. Hat sie ein Burn-out? Ist ihr Kollege wirklich so intrigant, wie sie denkt? Spielt Elise ein doppeltes Spiel? Bald wissen weder Lola noch die Zuschauer, was real ist, und was sich in Lolas Kopf abspielt. Dieses Vexierspiel ist hochspannend und wird von starken Schauspielerinnen getragen. Die Idee, die beiden Charaktere miteinander zu vermengen, gibt die Regisseurin aber wieder auf - und führt damit den dramaturgisch interessantesten Aspekt ihres Films nicht zu Ende.

Fazit: Ein solides inszeniertes Drama mit sehr starken Schauspielerinnen, die einen mit ihren Figuren in den Bann ziehen. Doch die Geschichte kann ihren Spannungsbogen nicht halten und führt letztendlich zu keinen neuen Erkenntnissen.

Sendung: Radioeins, 09.02.2019, 9 Uhr

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Beitrag von Kirsten Taylor

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