09.02.2019, Berlin: 69. Berlinale: Regisseur und Produzent Fatih Akin (l) und Schauspieler Jonas Dassler beim Photocall des Films "Der goldene Handschuh". (Quelle: dpa/Fischer)
Video: rbb|24 | 09.02.2019 | Bild: dpa/Fischer

Berlinale-Filmkritik | "Der Goldene Handschuh" - "Was stinkt denn hier so?"

Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" über den Frauenmörder Fritz Honka ist das erste große Ärgernis des Berlinale-Wettbewerbs. Die Elends- und Ekel-Show hat von Heinz Strunks imposant schlichter Romanvorlage rein gar nichts gelernt. Von Fabian Wallmeier

"Was stinkt denn hier so?" Diese Frage, die Fritz Honkas Gäste beim Betreten seiner verlotterten Dachgeschoss-Wohnung stellen, ist der rote Faden in Fatih Akins "Der Goldene Handschuh". Was da so stinkt, sind zersägte Frauenleichen, die Honka in den Hohlräumen zwischen Dach und Zimmerwand versteckt hat. Das riecht man - da helfen auch Raumspray und Auto-Wunderbäume nicht, die er in der winzigen, schäbigen Wohnung verteilt hat.

Den Frauenmörder Fritz Honka gab es wirklich - der gebürtige Leipziger brachte in den 1970er Jahren in Hamburg mindestens vier Frauen um und versteckte drei der Leichen tatsächlich in den Zwischenräumen, bis sie eines Tages durch Zufall bei Löscharbeiten gefunden wurden.

Heinz Strunk hat vor drei Jahren den Roman "Der goldene Handschuh" über Honka geschrieben, benannt nach dessen abgefuckter Stammkneipe auf dem Hamburger Kiez. Zwischen Suff, Schlager und Elend trafen dort kaputte Existenzen aufeinander - und Honka auf seine späteren Opfer, allesamt Frauen in schwierigsten Lebenslagen.

Strunks Text ist ein erschütterndes Dokument. In einem spektakulär mitfühlend-nüchternen Tonfall lässt er ein abgrundtief elendes Soziotop entstehen. Er spart nichts aus - weder die Brutalität, mit der Honka vorging, noch die komplette Trost- und Hoffnungslosigkeit seines Umfelds. Doch dem Roman gelingt es, sowohl Honkas Opfern, als auch dem Mörder selbst mindestens ein letztes Stück Würde zu lassen.

Erschütternd schlecht und würdelos

Diese Würde habe er auf die Leinwand bringen wollen, wie Akin auf der Pressekonferenz zur Premiere sagte. Mit diesem Vorhaben ist er krachend gescheitert. Auch sein Film ist erschütternd - und zwar erschütternd schlecht und würdelos. Wo Strunk klar und einfühlsam Bericht erstattet, geht Akin penetrant in die Vollen. Die Welt, die er auf die Leinwand bringt, ist ein Witz, eine abstruse Groteske, die vor keiner Zurschaustellung zurückscheut.

Das fängt an beim Hauptdarsteller Jonas Dassler, eigentlich ein zu Recht viel beachteter Schauspieler im Film und im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Honka, zur Zeit seiner Taten um die 40 Jahre alt, war kein schöner Mann, er schämte sich für sein Äußeres und für einen Sprachfehler. Bei Akin wird aus dem erst 22-jährigen Dassler dagegen mit viel Maskenspachtel eine groteske Mischung aus Nosferatu, Lynchs "Elephant Man" und Horst Schlämmer. In kabarettistisch gepresstem Sächsisch haut Dassler Honkas eigentümlich formelle Sprüche heraus, er torkelt wie ein Zombie durch jede Szene.

Auch beim Herzstück von Strunks Buch, dem Säufer-Elend im "Goldenen Handschuh", trifft Akin nicht den richtigen Ton. Im Hintergrund prügeln sich einmal ein paar Matrosen - es sieht aus wie eine Choreographie aus einem Schul-Musical. Auch die Stammgäste bleiben ohne jede Farbe und Tiefe. Die Sprücheklopfer-Parade der Tresenhelden zieht spurlos vorbei, sie alle sind langweilige Karikaturen, auch wenn sie noch so deftig vom Leder ziehen. Das Elend verkommt hier zur heiteren Nummernrevue.

Elends-Porno statt Wahrheit und Würde

Akin zeigt keinerlei Gespür für Zwischentöne. Er stellt das Elend Honkas und seiner Opfer nicht nur aus, sondern er weidet sich an den naturgemäß ekelhaften Details, auch wenn das Blut meist nur im Off spritzt. Wieder und wieder lässt er die Opfer nackt und entstellt durch Honkas Wohnung torkeln und kriechen. Eine Frau wird mit einem Kochlöffel penetriert, eine andere immer wieder mit dem Kopf auf die Tischplatte gedonnert. Dazu laufen Schlager der Zeit, "Es geht eine Träne auf Reisen" zum Beispiel - ein denkbar billiges und schon oft gesehenes Mittel, um dem Grauen die heile Kitschwelt des Eskapismus gegenüberzustellen.

Dass im Abspann Original-Fotos den Wahrheitsgehalt des gerade Gesehenen herausstellen sollen, macht im Grunde alles nur noch schlimmer. "Der Goldene Handschuh" behauptet Würde und Wahrheit - zeigt aber nur Elends-Porno. "Was stinkt denn hier so?" Ein durch und durch ärgerlicher Film, der hoffentlich bei der Bärenvergabe nicht die kleinste Rolle spielen wird.

Fazit: "Der Goldene Handschuh" ist ein ärgerlich würdeloser Film über den Frauenmörder Fritz Honka und seine Opfer - und meilenweit von der einfühlsam-nüchternen Romanvorlage entfernt. Fatih Akin zeigt kein Gespür für Zwischentöne, sondern weidet sich an Ekel und Elend

Sendung: Berlinale Studio, 10.02.2019, 02:20 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ich fand den Film einfach nur Weltklasse!

  2. 7.

    Ganz großes Kino mit brillianten Darstellern, aber wenn der Film vom gezeigten her harter Stoff gewesen ist

  3. 6.

    Ein hochgejubelter, überschätzter Filmemacher. Man kann nicht immer Top sein, manchmal wird er ein Flop! Sollte aber Herausforderung sein, weiterzumachen.

  4. 5.

    Ausschnitte haben mir schon gereicht. Und jeder Regisseur verarbeitet in einem Film, den er besonders hervorheben möchte, irgend etwas von sich selbst.
    Keine Ahnung ob ich hier richtig liege, aber wäre es so, wäre es erschütternd zu erfahren, was Herr Akin eventuell erdulden musste, um dieses Werk so zu realisieren.
    Schade.

  5. 4.

    Das Buch habe ich ungefähr bis zur Hälfte gelesen, weil ich dann nicht mehr einschlafen konnte.
    Schon das Buch stinkt ! Von würdevollem Umgang mit den Protagonisten kann keine Rede sein.
    Der Film kann das nicht kitten.

  6. 3.

    Nicht mein Genre, aber zugestanden, der Film hat etwas. Die brutale Gewalt und die Kiezszenerie sind in sich abgeschlossen und reflektieren gut die Story. Auch die Akzeptanz des Wesens des Honk ist ggü. der Vorlage stringent. Akin hat es geschafft, ein eigenes Bild der Handlung rüberzubringen. Ansonsten, Horror und Gewalt... nicht mein Ding.

  7. 2.

    Lieber Fabian Wallmeier, ich stimme sehr selten mir Ihren Kritiken überein, aber ich kann hier nur beipflichten - ich kann immer noch nicht fassen, was ich da gerade gesehen habe, von Fatih Akin (!) gesehen habe, für mich stimmt nichts an diesem Film, und ich frage mich wirklich, was da vor sich geht ...

  8. 1.

    Wer tatsächlich erwartet, dass ein Film seiner literarischen Vorlage gerecht wird, versteht nichts von seinem Fach.

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