Archivbild: 69. Berlinale, Premiere "Di jiu tian chang (So Long, My Son)", China, Wettbewerb: Wang Jingchun (l-r), Wang Yuan und Zhao Yanguozhang, Schauspieler. (Quelle: dpa/Pedersen)
Audio: Kulturradio | 14.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: dpa/Pedersen

Berlinale-Filmkritik | "Di jiu tian chang" - Der heißeste Bären-Kandidat 2019

Wang Xiaoshuai erzählt im letzten Beitrag, der ins Rennen um die Bären geht, eine Jahrzehnte umspannende Familientragödie. Ausgeschlossen, dass dieser bewegende Film, der auch politisch Heikles anspricht, bei der Verleihung leer ausgeht. Von Fabian Wallmeier

Kinder spielen an einem Stausee. Xingxing hat eigentlich Angst vorm Wasser -  "Ich kann nicht schwimmen", sagt er zu seinem Freund Haohao. Später liegt Xingxing leblos am Ufer. Wang Xiaoshuais "Di jiu tian chang" ("So long, my son") kehrt im Laufe des Films immer wieder an diesen Stausee zurück, an einen entscheidenen Wendepunkt im Leben zweier Familien: der Eltern des toten Xingxing, Yaojun und Liyun, und von Haohao und seinen Eltern, Haiyan und Yingming.

Raffiniertes Puzzle aus drei Jahrzehnten Familiengeschichte

Wang streckt sein Epos über mehr als drei Jahrzehnte - von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen dabei die vom Verlust ihres Sohnes erschütterten Eltern. Sie verlassen ihre Heimatstadt, versuchen ihren Schmerz zu stillen, indem sie einen Jungen adoptieren. Auch ihn nennen sie Xingxing - doch indem sie ihm das Leben des toten Sohnes überstülpen, treiben sie ihn Stück für Stück von sich weg.

Der Film springt kunstvoll zwischen den Zeiten hin und her und verzichtet dabei auf Einblendungen für die Verortung. Chinesische Zuschauer, die mit den Kleidungen, Gesprächsthemen und Gepflogenheiten der Zeitebenen vertrauter sind, haben es bei der Orientierung sicherlich leichter - doch nach und nach setzt sich auch für westliche Zuschauer das raffinierte Puzzle zusammen. Die drei Stunden, die der Film dauert, fühlen sich dabei zu keiner Zeit zu lang an, so zwingend treibt er voran.

Bewegendes Hauptdarsteller-Paar

Was nach und nach ans Licht kommt, ist tief bewegend, auch weil es so zurückhaltend in Szene gesetzt ist: In den emotionalsten Schlüsselszenen bleibt die Kamera (Kim Hyun-seok) auf gesunder Distanz. Wang kleistert diese Momente auch nicht mit Musik zu (wie Isabel Coixet in ihrem Beitrag "Elisa y Marcela"), sondern lässt die Schauspieler mit stiller Kraft agieren.

Und was das für Schauspieler sind! Wang Jingchun als Yaojun und Yong Mei als Liyun sind so tief in ihre Rollen eingedrungen, dass es gar keiner Ausbrüche bedarf, um das Leid der Figuren erfahrbar zu machen. Ihnen reichen oft kleine Gesten, sparsame Worte. Was nicht heißen soll, dass ihr Spiel unterkühlt wäre - im Gegenteil, es ist durch die Genauigkeit umso bewegender.

Wang Xiaoshuai geht auch in die Zeit vor dem Tod am Stausee zurück - und zeigt dabei relativ ungeschönt die brutalen Seiten der modernen Chinas. Das ist ein gutes Zeichen für die chinesische Filmkunst, vor allem auf dieser Berlinale: Gleich zwei Filme aus China konnten nicht auf der Berlinale gezeigt werden, darunter auch der Wettbewerbsbeitrag "Yi miao zhong" des früheren Berlinale-Gewinners Zhang Yimou. Produktionstechnische Gründe wurden genannt, doch viele vermuten, dass in Wirklichkeit die Zensur ihre Finger im Spiel gehabt hat.

      

Erbarmungslose Ein-Kind-Politik

Wang zeigt etwa, wie rigide der Staat abweichendes Verhalten bestraft: Ein Mann aus dem engen Umfeld der beiden Paare wird verhaftet, weil er eine verbotene Party gefeiert hat, zu "Ausschweifungen" sei es gekommen. Er landet im Gefängnis und ist dort ein gebrochener Mann. Noch klarer übt Wang politische Kritik am Beispiel der erbarmungslosen Ein-Kind-Politik. Liyun erwartet ein zweites Kind - und wird von der parteigesteuerten Führung ihrer Partei zur Abtreibung gezwungen. Die Strafe, die sie und Yaojun hätten zahlen müssen, um das Kind zu bekommen, können sie nicht aufbringen.

Der Film verlegt das heikle Thema allerdings auf die persönliche Ebene - möglicherweise aus politischen Gründen, um durch die Zensur zu kommen, aber auch aus sehr nachvollziehbaren dramaturgischen: Treibende Kraft hinter der erzwungenen Abtreibung ist, auf Geheiß des Staates natürlich, Haiyan - und damit also ausgerechnet eine enge Freundin von Liyun und Yaojun, die zugleich Paten ihres Sohnes Haohao sind. Das Drama um Schuld und Vergebung verbindet die beiden Familien also gleich doppelt - beim Tod Xingxings und bei der Abtreibung ihres zweiten Kindes.

"Hier gibt es keine Spur mehr von unserer Vergangenheit"

"So long, my son" zeigt auch die Schattenseiten des chinesischen Turbokapitalismus: In der Fabrik, in der Liyun und Yaojun arbeiten, werden Entlassungen angekündigt. Sie werden begründet mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes und mit den Opfern, die das Individuum für die große Sache des Sozialismus zu bringen habe. Das führt zu Protesten der Belegschaft, die allerdings erfolglos bleiben. Als Liyun und Yaojun viele Jahre später in ihre Heimatstadt zurückkehren, ist dort kaum noch etwas wie früher. "Hier gibt es keine Spur mehr von unserer Vergangenheit", sagt Liyun, als sie durch die Straßen fahren.

Zweimal hat Wang in Berlin schon einen Silbernen Bären gewonnen - 2001 für "Beijing Bicycle" und 2008 für "In Love We Trust". Es ist kein bisschen unwahrscheinlich, dass es in diesem Jahr der Goldene wird - aus zwei Gründen: Eine Auszeichnung wäre zum einen ein passender politischer Akzent - das Motto der diesjährigen Berlinale, "Das Private ist politisch", passt auf keinen Film der Auswahl so perfekt wie auf "So long, my son". Zum anderen hat Wang in diesem an Höhepunkten so außergewöhnlich armen Wettbewerb schlicht einen herausragenden, emotionalen, anschlussfähigen und handwerklich nahezu perfekten Film an den Start gebracht.

Fazit: Wang Xiaoshuai inszeniert ein bewegendes Familiendrama, das eng verknüpft ist mit der jüngeren Geschichte Chinas. Emotional, politisch, handwerklich herausragend: "So long, my son" ist ein sehr heißer Bärenkandidat.

Sendung: Berlinale Studio, 14.02.2019, 22.00 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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