Szenenbild aus "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" (God Exists, Her Name Is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Quelle: Berlinale/sistersandbrothermitevski)
Bild: Berlinale/sistersandbrothermitevski

Berlinale-Filmkritik | "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" - Moderne Kreuzritterin

Eine arbeitslose, frustrierte Mazedonierin ärgert die Teilnehmer einer religiösen Prozession. Damit bringt sie nicht nur Traditionalisten gegen sich auf. "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" bringt endlich heitere Töne ins Rennen um die Bären. Von Patrick Wellinski

Es ist immer wieder einer der schönsten Momente auf einem Festival wie der Berlinale: Der Auftritt einer komplett unbekannten Darstellerin, die einem sofort ins Herz springt. Ein Gesicht, das einem auf Anhieb sympathisch ist und dem man nur das Beste wünscht.

Zorica Nusheva hat so ein Gesicht. Im (nord-)mazedonischen Wettbewerbsbeitrag "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" ("God exists, and her name ist Petrunya") von Regisseurin Teona Strugar Mitevska spielt sie die 32 Jahre alte Petrunya, deren Leben exemplarisch für eine ganze Generation von Mazedoniern steht. Petrunya ist jung, gut ausgebildet aber arbeits- und perspektivlos.

Sprung ins kalte Wasser

Die kräftige Petrunya wohnt zudem noch bei ihren alten Eltern. Die Mutter zwingt sie zum Arbeiten, nötigt ihr dubiose Treffen mit widerlichen potenziellen Arbeitgebern auf. Einer sagt ihr, sie sei zu alt und hässlich, und dass sie mit ihrem Geschichtsstudium nicht mal als Näherin tauge.

Nach so einem Bewerbungsgespräch - am Dreikönigstag - kommt Petrunya an einer Prozession vorbei. Traditionell wirft an diesem Tag der Pope ein gesegnetes Kreuz ins kalte Wasser. Junge Männer werfen sich in den Bach, um danach zu tauchen. Da sich die Jungs doof anstellen, springt Petrunya selbst ins Wasser und holt das Kreuz.

Ein Skandal der keiner ist

Was folgt, ist ein Skandal, der keiner ist und dessen absurde Komik Regisseurin Mitevska dazu nutzt, um ein Röntgenbild der mazedonischen Gesellschaft zu entwerfen. Einem Land, das sich - wenn wir der Realität des Films folgen - noch in stark verkrusteten, patriarchalen Strukturen befindet. Abgehängt vom Westen, verharren die Figuren in trister Hoffnungslosigkeit.

Da sind die wütenden jungen Männer, die sauer sind, weil eine Frau es wagt, nach dem Kreuz zu tauchen und es dann auch noch behalten will. Ihren rasierten Köpfen und den Tattoos sieht man an, dass sie harte Nationalisten sind. Es sind Bilder einer verlorenen Jugend, die sich in alten Ritualen ein Selbstbewusstsein sucht, das ihnen der Staat nicht bietet.

Filmausschnitt

Szenenbild aus "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" (God Exists, Her Name Is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Quelle: Berlinale/sistersandbrothermitevski)
Berlinale/sistersandbrothermitevski

      

Kein Interesse für die Unterdrückung der modernen Frau

Auch der Pope ist hin- und hergerissen, denn der konservative Traditionalist, kann nicht umher, Petrunyas Einsatz still zu bewundern. Die Polizisten, die Petrunya verhören, sind mit ihrer Aktion überfordert, weil sie nicht gegen Gesetze verstoßen hat. Und die Lokalpresse wittert eine große Geschichte über Emanzipation und die Unterdrückung der modernen Frau, kann sie aber nicht wirklich erzählen, weil sich dafür keiner interessiert.

Diese ganzen Verstrickungen entfalten in der ruhigen Inszenierung sehr komische Momente. Diese absurde unüberlegte Übersprungshandlung einer frustrierten jungen Frau, führt alle zur Verzweiflung, gerade weil Petrunya keine Aktivistin ist, keine Agenda hat und keine Forderungen stellt. Sie will einfach nur das Kreuz behalten. Regisseurin Mitevska hat dafür gute Ideen und auch ein schönes Gespür diese Absurditäten.

Szenenbild aus "Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" (God Exists, Her Name Is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Quelle: Berlinale/sistersandbrothermitevski)
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Gesellschaftskritik bleibt an der Oberfläche

Allerdings bleibt die Gesellschaftskritik dann doch sehr oberflächlich. Das Bemühen möglichst, viele Bereiche und Gesellschaftsvertreter in die Erzählung einzubeziehen, führt zwangsläufig dazu, dass es dem Film an Konzentration fehlt. "God exists, and her name is Petrunya" hat dadurch etwas von einem Experiment. Die tolle Ausgangslage hätte Mitevska besser in ein konsequenteres formales Konzept überführt, um dem Schematismus solcher Weltkino-Geschichten etwas entgegen zu setzen.

Trotzdem: Der Film behauptet sich als einer der besseren Wettbewerbsfilme dieser Berlinale. Gerade weil Petrunyas aufkeimendes Selbstbewusstsein im herrlich trockenen Spiel von Nusheva etwas Zwingendes hat. Gerne hätte man dieser junge Frau noch länger dabei zugesehen, wie sie ihre Umwelt ägert.

FAZIT: Ein typischer Berlinale-Film. Mit allen Stärken und Schwächen, die solch ein Prädikat mit sich bringt. Als allumfassende Gesellschaftskritik Mazedoniens ist das Ganze zu harmlos. Doch als Blick in gewisse patriarchale Strukturen und vor allem die Nähe zu der wundervollen Hauptfigur, lässt über die Schwächen hinwegsehen. Und Zorica Nusheva sollte eine ernstzunehmende Kandidatin für einen Darstellerbären sein.

Sendung: Berlinale Studio, 11.02.2019, 01.15 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Patrick Wellinski

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