Filmposter von "Grace a Dieu" (Quelle: dpa/Ena)
Audio: Kulturradio | 09.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Ena

Berlinale-Filmkritik | "Grâce à Dieu" - Aufschrei der Empörung

Drei Männer erstatten Anzeige gegen den Priester, der sie in ihrer Jugend sexuell missbraucht hat - und sie fordern ein Schuldbekenntnis des Vatikans. Der Film entlarvt die Verlogenheit der Kirchenoberen, geht aber wenig darüber hinaus. Von Kirsten Liese

Verdient ein Pädophiler Vergebung? Ist es nicht ein Widerspruch, die katholische Kirche anzuklagen und gleichzeitig zur Messe zu gehen? François Ozon wirft spannende Fragen auf, die nachdenklich stimmen. Das aber ist auch schon sein größtes Verdienst. Nach zahlreichen Frauenporträts wollte er einmal den unendlichen Schmerz und die Wunden von Männern zeigen, die zu Opfern sexueller Übergriffe von Geistlichen wurden. Deren Emotionen aber werden selten einmal sichtbar, vermitteln sich vielmehr nur über Dialoge.

Betroffene wünschten sich einen Spielfilm

Ausgehend von der wahren Geschichte des Lyoner Paters Preynat, der 2016 angeklagt wurde, sich an 70 Jungen vergangen zu haben, schwebte Ozon ursprünglich ein Dokumentarfilm vor. Doch der scheiterte während der Recherche an den Betroffenen. Sie hatten schon in zahlreichen Kamerainterviews von ihren Fällen erzählt und wünschten sich einen Spielfilm.

Diese persönlichen Motive lassen sich nachvollziehen, aber das Ergebnis nicht zwingend erscheinen. "Grâce à Dieu" rührt zu wenig an, was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an einem Regisseur, der über seine Mission, die unter Druck geratene katholische Kirche noch stärker unter Druck zu setzen, sehr explizit wird, aber subtiles Feingespür vermissen lässt. Nur rudimentäre Einblicke gewährt er in die Persönlichkeiten und emotionalen Zustände seiner Protagonisten, so lernt man sie nicht näher kennen. Was sie innerlich durchmachen und wie die Traumatisierungen ihnen zugesetzt haben, zeigt er nicht.

Ozon hat keine neuen Erkenntnisse zu bieten

Alexandre (Melvil Poupaud), der gegen seinen Peiniger als Erster couragiert mit einer Anzeige aufsteht, und Francois (Denis Menochet), der seiner Empörung lautstark Ausdruck gibt, wirken vielmehr erstaunlich selbstsicher in ihrem Auftreten. Einzig Emmanuel (Swann Arlaud) kämpft im Alltag mit Aggressionen und erleidet in zwei Schockmomenten einen epileptischen Anfall.

In seiner Aussage bleibt der Film trotz Aktualität des Themas dünn, neue Erkenntnisse hat er nicht zu bieten. Schon aufwühlender hat das Kino die Verbrechen und Abgründigkeiten von Kirchenoberen unter die Lupe genommen, denkt man an Dramen wie Otto Premingers "Kardinal", Almodovars "La mala educación" oder zuletzt Wojciech Smarzowskis Drama "Klerus", das mit seiner harten Anklage gegen Pädophilie unter Priestern 2018 in Polen für Besucheranstürme und vehemente Reaktionen sorgte.

Ab und zu scheint Zynismus auf

Letztlich lässt sich Ozons Film auf die Forderung herunterbrechen, dass die Kirche ihre Mitschuld bekennen und den schuldigen Pater, der nur versetzt wurde, aber immer noch mit Jugendlichen arbeiten darf, aus dem Priesteramt entlassen muss. Das ist zu wenig für eine Laufzeit von 137 Minuten.

In den besten Momenten scheint ein zynischer Humor auf, wenn zum Beispiel Pater Preynat (Bernard Verley) seine 30 Jahre zurückliegenden Übergriffe auf jugendliche Pfadfinder damit rechtfertigt, dass er ein Kranker und somit auch ein Leidender gewesen sei.  Oder wenn die Selbsthilfeorganisation "La Parole Libérée" in ihrer grenzenlosen Wut auf die katholischen Heuchler auf die Idee kommt, über der Lyoner Basilika per Sky-Writing mit einem riesigen Penis zu provozieren.

Konventionelle Inszenierung

Auch die Inszenierung wirkt mit einer Dominanz von Schuss-Gegenschuss-Einstellungen wenig ausgefallen. Die traumatische Vergangenheit der Helden scheint in Rückblenden über kurze, aber wenig furchterregende Andeutungen auf.

Darüber hinaus gibt es in "Grâce à Dieu" entbehrliche Nebenfiguren. Und als würde nicht ohnehin schon viel zu viel geredet und relevante Fakten unnötig wiederholt, erhebt sich oftmals eine Stimme aus dem Off mit Zitaten aus den Korrespondenzen der realen Missbrauchsopfer. Weniger wäre mehr gewesen.

Im Hinblick darauf, dass Papst Franziskus erst vor wenigen Tagen sexuellen Missbrauch bei Nonnen öffentlich einräumte, mag sich "Grâce à Dieu" vielleicht als der aktuellste Beitrag im Berlinale-Wettbewerb empfehlen. Damit gibt der scheidende Berlinale-Chef Dieter Kosslick noch einmal seinem politischen Anspruch Gewicht - gleichzusetzen mit großer Filmkunst ist dieser jedoch nicht.

Fazit: Ein zorniges, polemisches Statement zur unehrlichen, feigen Haltung des Vatikans gegenüber Opfern sexuellen Missbrauchs, das aber wenig unter die Haut geht.

Sendung: Berlinale Studio, 08.02.2019, 22.15 Uhr

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