Ich war zuhause, aber © Nachmittagfilm
Audio: Kulturradio | 12.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: Nachmittagfilm

Berlinale-Filmkritik | "Ich war zuhause, aber" - Endlich Abstraktion!

Der 13-jährige Philipp war weg, jetzt ist er, verletzt und verdreckt, wieder da. Angela Schanelec macht daraus kein Sozialdrama, sondern eine hoch künstliche, kühle Reflexion voller loser Enden und Rätsel. Eine Wohltat in diesem Wettbewerb. Von Fabian Wallmeier

Philipp ist wieder da. Dreckig und mit verwundetem Fuß sitzt der Pubertierende auf einem Stuhl im Klassenzimmer und wartet. Seine Mutter Astrid (Maren Eggert) kommt herbeigerannt, wirft sich auf den Boden, hält seine Beine umklammert.

Viel mehr erfährt der Zuschauer nicht über die Abwesenheit des Jungen. Ein Grund könnte sein, dass zwei Jahre zuvor der Vater gestorben ist, wie Astrid später erzählt. Mit der Erziehung von Philipp und seiner jüngeren Schwester Flo ist sie offenkundig überfordert, eine bleierne Schwere liegt über allem, was sie tut.

Ein Manifest der Künstlichkeit

Angela Schanelec hat, anders als eine Zusammenfassung der äußeren Fakten der Filmhandlung nahelegt, kein Sozialdrama über eine Familie nach einem Verlust gedreht. "Ich war zuhause, aber" ist ein weiteres Manifest der Künstlichkeit, eine konsequente Fortschreibung ihrer stilprägenden Arbeiten, die die sogenannte Berliner Schule mit begründet haben.

Gesprochen und agiert wird im Film fast nur mit enormer Künstlichkeit. Die ersten gesprochenen Worte fallen bei einer Schultheaterprobe, Shakespeares "Hamlet" - übersetzt übrigens von Schanelec selbst, die vor und neben ihrer Filmkarriere auch als Theaterschauspielerin und eben Übersetzerin gearbeitet hat. Die Worte kommen leiernd, monoton, wie Schultheater es nun einmal häufig ist. Doch nicht nur die Kunstform Theater webt Schanelec ein, sondern sie schlägt auch sehr abstrakte Brücken zum Film, in die bildende Kunst und insgesamt in den Berliner Kulturbetrieb.

"Es fährt, ich nehme es"

Gleich der erste echte Dialog des Films ist verfremdet. Astrid kauft ein Fahrrad, das sie über eine Anzeige im Netz gefunden hat - und der Verkäufer nutzt einen Stimmverstärker, wie ihn Menschen brauchen, deren Kehlkopf der Krebs gefressen hat. Metallisch-maschinell antwortet er und auch sie redet in eigentümlich unbetonten, verknappten Minimalaussagen: "Es fährt, ich nehme es." Auch die Theaterproben, in denen übrigens nie ein Lehrer in Erscheinung tritt, und die Szenen, in denen Astrids Kinder ohne sie zu sehen sind, sind keine realistischen Momentaufnahmen, sondern kühle Abstraktionen: In aller Ruhe malen sich etwa einmal Flo und ihre Freunde gegenseitig die Hände voll. Sie sprechen dabei kein Wort, zeigen keine emotionale Regung.

      

Erst spät im Film bricht Astrid aus dem Muster der sprachlichen Künstlichkeit aus - wenn auch mit einem überaus abstrakten Thema: Sie redet sich bei einer Begegnung mit einem Filmregisseur in Rage über die Verbindung zwischen Schauspiel und Wahrheit. Der verstorbene Vater ihrer Kinder war Theaterregisseur, sagt sie - ein in diesem Film rarer Moment, an dem mal nichts verklausuliert oder gebrochen ist. Er währt nicht lang. Der amerikanische Filmregisseur, dessen Film sie in ihrem Ausbruch angreift, reagiert leicht pikiert, aber sehr distanziert - und spricht mit vollends künstlichem Duktus: mit Akzent, aber druckreif formuliert und nahezu gefühllos.

Maren Eggert, Stammschauspielerin bei Schanelec und Ensemble-Mitglied am Deutschen Theater, kann natürlich beides bravourös: den emotionalen Ausbruch und die kühle Abstraktion. Letzteres ist in "Ich war zuhause, aber" erheblich öfter gefordert. Schanelecs Filme waren schon immer rätselhaft und elliptisch. Dieses Mal fällt das besonders auf, weil die meisten der losen Enden doch eigentlich so nahe beieinander sein müssten. Doch die Verbindungen bleiben letztlich offen. Sie stehen klaffend offen wie Philips mysteriöse Wunde am Fuß - und  wie die Wunde im Herzen, die alle Figuren mit sich herumtragen und nicht zu schließen imstande sind.

Kinokunst statt Wohlfühlfilm

Eingerahmt ist der Film von Tierbeobachtungen. Ein Hund läuft eine felsige Bergwiese entlang, ein Hase ist zu sehen. Später frisst der Hund den Hasen in einem Stall, auch ein Esel ist dort und schaut hinaus. Um sie herum surren die Fliegen. Was das alles mit dem Rest des Films zu tun hat, bleibt offen. Auch andere Schneisen, die sie in die Handlung schlägt, muss sich der mündige Zuschauer schon selbst zusammen puzzeln: Ein distanzierter Beziehungsdisput zwischen Lehrer Lars (Franz Rogowski) und seiner Freundin (Lilith Stangenberg) etwa wirkt auf den ersten Blick völlig losgelöst vom Rest des Films.

Schanelecs Film ist eine echte Wohltat in diesem Wettbewerb: Wo hier bislang sonst alles fein durchexerziert und klar war, geht sie drei Schritte zurück. Sie beobachtet aus der Distanz, erzählt mit kühler Intelligenz. Dass dabei natürlich kein herzenswarmer Wohlfühlfilm herauskommt, liegt auf der Hand - statt dessen abstraktes, aufregendes, uneindeutiges, maximal künstliches Kino, wie es offenkundig nicht jedermanns Sache ist: Nach der Pressevorführung am Morgen gab es die ersten vereinzelten Buhrufe des Wettbewerbs. Möge die Jury ein größeres Herz für diesen bislang besten Film im Bären-Rennen haben!

Fazit: Ein kühler Film von enormer Künstlichkeit, wo andere Regisseure ein Sozialdrama gedreht hätten: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" ist der abstrakteste, künstlerisch ambitionierteste und schlicht beste Film im bisherigen Wettbewerb.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die eingangs beschriebene Szene spiele in einer Wohnung. Sie spielt aber in einem Klassenzimmer.

Sendung: Inforadio, 12.02.2019, 10 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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1 Kommentar

  1. 1.

    Der Autor der Rezension muss nach meiner Auffassung wohl Masochist sein.

    Er beschreibt schön präzise Künstlichkeit, Abstraktheit, Unglaubwürdigkeit, Langeweile und nicht nachvollziehbare Rätselhaftigkeit dieses kranken Filmes. Er beschreibt Qual als Wohltat. Die Tierszenen zu Beginn fand ich noch verheißungsvoll, alles was danach kam kann ich nur als exponierte Dummheit bezeichnen; all das halte ich nur für idiotisch und es gehört nicht in den Wettbewerb der Berlinale. Es ist dumm, dumm, dumm und ich erlaube mir die Hybris zu behaupten, wohl auch einfach nicht dumm genug für einen solchen Film zu sein.

    Bei allen Verdiensten von Dieter Kosslick um die Berlinale, hauptsächlich in organisatorischer Hinsicht, hat er 18 Jahre zurückblickend nach meiner Auffassung als Kurator des Wettbewerbs ganz schön versagt.

    Ich hoffe auf Besserung ab 2020.

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