Archivbild: 69. Berlinale, Photocall "Kiz Kardesler (A Tale of three Sisters)", Türkei, Wettbewerb: Cemre Ebüzziya, Schauspielerin. (Quelle: dpa/Soeder)
Audio: Kulturradio | 12.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: dpa/Soeder

Berlinale-Filmkritik | "Kiz Kardesler" - Zäher als jedes Kaugummi

Drei in Ungnade gefallene Schwestern leben wieder beim Vater. Ihr Leben in einem anatolischen Bergdorf ist wenig aussichtsreich - und Emin Alpers Film darüber nicht nur pessimistisch, sondern auch ziemlich zäh. Von Fabian Wallmeier

Ein Auto fährt eine Serpentinenstraße hoch, auf dem Rücksitz sitzt ein Mädchen und weint. Das Auto kommt in einem Bergdorf zum Stehen. Das Mädchen auf dem Rücksitz ist Havva, mit 13 Jahren die jüngste von drei Töchtern von Şevket. Alle drei Töchter hat er in fremde Familien geschickt, damit sie als Hausmädchen arbeiten können - und alle drei kehren zurück, weil sie sich dort irgendetwas zuschulden haben kommen lassen. Nurhan, die Mittlere, war zu grob zu einem der Kinder ihrer Gastfamilie - und die Älteste, Reyhan, wohnt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn beim Vater, weil der Mann seine Arbeit verloren hat.

Die Familie in Emin Alpers "A Tale of Three Sisters" lebt in einfachsten Verhältnissen. Ihr Haus in einem anatolischen Bergdorf besteht nur aus einem Wohnzimmer mit offener Feuerstelle und dem Schlafzimmer des Vaters, Strom gibt es nicht. Wäre Havva nicht zu Beginn des Films mit einem modernen Auto herbeigeschafft worden, würde nichts darauf hindeuten, dass der Film in diesem Jahrtausend angesiedelt ist.

Emir Alper hat in seinem vorigen Film "Abluka" (2015) eine viel eindeutiger in der Gegenwart verortete, beklemmende Dystopie auf die Leinwand gebracht. Die Türkei ist darin ein Unterdrückerstaat, in der jeder jedem misstraut. Mit "A Tale of Three Sisters" kehrt er nun zum großen Thema seines Langfilmdebüts "Beyond the Hill" zurück: die unanfechtbare Macht des Patriarchats. In beiden Filmen sieht man Männer bei der sogenannten Raki-Tafel: Sie sitzen die halbe Nacht ums Lagerfeuer, trinken Raki und entscheiden über die Zukunft der Mädchen und Frauen. In "Beyond the Hill" hat das immerhin noch komische Momente, weil Alper damit spielt, dass jeder der Männer irgendwann eine große Dummheit begeht. In "A Tale of Three Sisters" sieht es düsterer aus. Hier ist nur einer der Männer als Dummkopf gezeichnet - und der nimmt ein tragisches Ende, das hier nicht verraten werden soll.

      

Nur die "verrückte Hatice" schlägt Purzelbäume

Die anderen drei Männer dagegen bleiben letztlich unangefochten. Vater Şevket mag von seinen Töchtern für sein Geschwätz verspottet werden. Doch wirklich viel ausrichten können sie nicht gegen ihn. Überhaupt kommt hier keine Frau etwas gegen die Macht des Patriarchats an. Die einzige Frau, die im Dorf macht, was sie will, ist nicht ganz richtig im Kopf. Lachend schlägt die "verrückte Hatice", wie sie nur genannt wird, Purzelbäume auf der Bergwiese und bleibt dabei unbehelligt, aber eine Chance auf ein besseres Leben hat auch sie nicht.

Das mag auf die Realität in manchen anatolischen Bergdörfern zutreffen, doch der Film weiß wenig mehr als ebendas zu transportieren. Kaum etwas weist hier über sich selbst hinaus. Alper genügt sich damit, ein zutiefst pessimistisches Porträt einer Familie zu zeichnen und zeigt ein paar hübsche Bergansichten. Doch der Film ist zäher als Kaugummi - und dieses Kaugummi hat leider schon einen Großteil seines Geschmacks verloren.

Nach Ankara!

Mit Tschechows "Drei Schwestern" hat das Ganze übrigens wenig zu tun, auch wenn der Titel das natürlich nahelegt. Der berühmt gewordene Sehnsuchtsruf "Nach Moskau!" immerhin spiegelt sich indirekt in Alpers Film: "Nach Ankara!" könnten die drei rufen, denn dort wohnt ihre Tante, bei der sie gern unterkämen. Doch der Film gibt keinen allzu großen Grund zur Hoffnung, dass sie diesen Sehnsuchtsort jemals erreichen werden, so oft sie auch davon reden.

So bleibt ihnen wenig mehr, als zu tun, was die Männer ihnen sagen - und sich einzureden, dass man selbst nicht einvernehmlichem Sex etwas Positives abgewinnen kann. In einer Szene schütteln Nurhan und Reyhan zusammen ein mit Seilen an der Hausdecke aufgehängtes Fass hin und her, möglicherweise eine Methode, um den Ayran zu mischen, den der Vater mehrfach verlangt. Als das Gespräch auf Sex kommt und darauf, dass er nur kurz weh tue und danach sogar richtig gut sei, schütteln sie es so heftig, dass es im Fass laut rumort. Dabei entsteht ein Geräusch wie beim Aufeinanderklatschen nackter Schenkel. Mehr Erotik ist in dieser Welt offenbar nicht zu holen.

Fazit: Emin Alper erzählt von drei Schwestern, die in einem anatolischen Bergdorf gefangen sind. Dem Patriarchat haben sie letztlich nichts entgegenzusetzen. Der Film ist überaus pessimistisch - und leider nicht allzu aufregend.

Sendung: Berlinale Studio, 11.02.2019, 22.00 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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2 Kommentare

  1. 2.

    Nicht der Film ist daneben, sondern diese blasierte Kritik.
    Hoffentlich liest sie niemand.

  2. 1.

    Das klingt schlimm

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