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Video: Berlinale Studio | 12.02.2019 | Stefen Prell

Berlinale-Filmkritik | "L'adieu à la nuit" (Außer Konkurrenz) - Aus Omas Obstgarten in den Dschihad

Ein Enkel kehrt zu seiner Großmutter zurück - um kurz darauf in den Dschihad nach Syrien aufzubrechen. In französischer Frühlingsidylle erzählt André Téchiné eine zu simple Geschichte. Auch Catherine Deneuve verhilft ihr nicht zur Größe. Von Fabian Wallmeier

Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, der Frühling bricht an - nur die Wildschweine, die nachts durch den Obstgarten marodieren, machen Muriel (Catherine Deneuve) Sorgen. Doch wenn "L'adieu à la nuit" am Ende einen Zeitsprung von einem Monat gemacht hat und die Kirschernte da ist, steht ihr Leben kopf.

André Téchiné erzählt von den fünf ersten Tagen des Frühlings - so lauten die jeweiligen Einblendungen, die den Film unterteilen. Er läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. Am ersten Tag kommt Enkel Alex (Kacey Mottet Klein) nach langer Zeit mal wieder zu seiner Großmutter Muriel, die auf dem Land Pferde züchtet und Obst anbaut, zusammen mit ihrem Geschäftspartner Youssef. Alex ist hier aufgewachsen, großgezogen von Muriel nach dem Unfalltod seiner Mutter.

Hübsche Parallelmontage

Doch Muriels ungetrübte Freude währt nicht lange: Sie erwischt Alex, wie er hinter den Obstbäumen gen Mekka betet. Sie wird misstrauisch, fragt nach, schnüffelt ihm schließlich hinterher - und findet heraus, was der Zuschauer, der Muriels und Alex' Geschichte im Wechsel gesehen hat, schon weiß: Alex und seine Jugendfreundin Lila (Oulaya Amamra) wollen in ein paar Tagen in den Dschihad ziehen, erst nach Istanbul, dann weiter nach Syrien in ein Vorbereitungscamp.

      

Muriel versucht es erst mit Reden, dann ergreift sie härtere Maßnahmen, um den Enkel zu retten. Deneuve spielt diesen Kampf mit angenehmer Zurückhaltung - und Kameramann Julien Hirsch setzt sie wunderbar licht in Szene, lässt sie nachts allein im Dunkeln auf das Wildschwein warten und es dann doch nicht erschießen.

Téchiné jedoch wendet ein zu simples Schwarz-Weiß-Schema auf seine Figuren an - was aber wenigstens zu einer hübschen Parallelmontage führt: Während Alex und Lila im Kreis der Dschihadisten sind, wird bei Muriel und Youssef gefeiert. Hier predigt ein wütender Mann Hassbotschaften, dort wird gelacht und getrunken. Hier erzählt eine Frau Lila, dass man sich im polygamen System islamistischer Länder besser mehrere Männer in petto hält, dort tanzt ein Mädchen ausgelassen zu Sias "Chandelier". Natürlich ist diese Gegenüberstellung banal und plakativ, aber immerhin ist sie gut gemacht.

Wer ist schuld?

"Es gibt keine Erklärung", sagt ein ehemaliger Dschihadist, den Muriel um Rat und Hilfe bittet. Er selbst habe eine vollkommen normale Jugend gehabt. Im Fall von Alex versucht der Film dennoch, ein paar Erklärungen - die allerdings plump geraten: Téchiné argumentiert mit der Wurzellosigkeit seiner Figur. Der Junge hat nie verwunden, dass seine Mutter früh gestorben ist, und er zweifelt an den Gründen, die seine Großmutter ihm wieder und wieder genannt hat. Seinen Vater, der mit neuer Frau und vier Kindern in Guadeloupe lebt, verachtet er. Und dann wird noch schnell Lila als Schuldtragende identifiziert - sie wurde viel früher und gründlicher radikalisiert als Alex.

Doch was Téchiné mit dieser eindimensionalen Konvertiten-Geschichte nun eigentlich erzählen wollte, bleibt das große Rätsel dieses müden Films. Immerhin sind die prallroten Kirschen am Ende fast so schön wie die strahlend weißen Blüten am Anfang.

Fazit: Ein Enkel will in den Dschihad ziehen, seine Oma versucht ihn zu retten. André Téchinés Konvertiten-Film kommt reichlich müde daher, so schön Catherine Deneuve auch spielt.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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