Archivbild: Berlin Film Festival. Red carpet - film <<La Paranza dei Bambini>>. Pictured: Claudio Giovannesi, Viviana Arpea, Francesco Di Napoli, Roberto Saviano. (Quelle: dpa/Morandi)
Audio: Kulturradio | 13.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Morandi

Berlinale-Filmkritik | "La paranza dei bambini" - Wenn Jugendliche zu Mafiabossen werden

Sechs Jungs rasen mit Motorrollern durch die Gassen Neapels und eifern den großen Mafiabossen nach. Der Film "La paranza dei bambini" basiert auf einem Roman von Roberto Saviano. Brisantes Thema, aber glatt und langatmig präsentiert. Von Julia Vismann

4.000 Jugendliche aus Neapel hatten sich beworben, um in Roberto Giovannesis Film die Kinder in den Clans zu spielen. Eine Handvoll ist genommen worden, darunter Francesco di Napoli, der den 15-jährigen Nicola spielt. Ein kluger, gut aussehender Junge, der gefangen ist in seinem Viertel, nicht zur Schule geht und keine Arbeit hat. Seine alleinerziehende Mutter schlägt sich mit einer Reinigung durch, die demütigenden Schutzgeld-Zahlungen an die Mafia lässt sie wie die anderen Kleinunternehmer im Viertel über sich ergehen.

Ihr Sohn findet das ungerecht und fordert die Mafiabosse heraus, ohne über die Folgen nachzudenken. Zusammen mit seinen fünf Kumpels hat er einen Plan: Er will die Macht in seinem Viertel übernehmen und die Schutzgeldzahlungen abschaffen.

    

Die Glitzerwelt der reichen Mafiabosse

In Neapel treffen die Gegensätze aufeinander wie in kaum einer anderen Stadt: Die Jugendlichen sind von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht und werden mit der Glitzerwelt der reichen Mafiabosse konfrontiert. Nicola und seine Kumpels wissen genau, was eine goldene Rolex kostet. Als Mutprobe überfallen sie einen Juwelier. Die Spirale der Gewalt beginnt.

Erst Hasch, dann Koks - die Jugendlichen sehen, wie schnell sie mit Drogenhandel Geld verdienen können. Die 15-Jährigen haben dann plötzlich mehrere tausend Euro pro Woche in der Tasche. Nicola kauft seiner Mutter eine neue Inneneinrichtung und darf zur Belohnung ins große Zimmer umziehen. Ab jetzt ist er der Chef der Familie.

Waffen für "Hosenscheißer"

Als Nicola vor dem kaltgestellten Mafiaboss steht, der unter Hausarrest zu Hause vor dem Fernseher sitzt, muss er sich nackt ausziehen, um durchsucht zu werden. Der Junge lässt es über sich ergehen und lässt sich nicht abwimmeln: "Wir haben die Männer, Du hast die Waffen" sagt er mutig. "Waffen für Hosenscheißer?", platzt es aus dem Mafiaboss heraus.

Schließlich rückt der Mafiaboss aber doch eine Tasche mit Maschinengewehren und Pistolen heraus – nachvollziehbar ist der Sinneswandel allerdings nicht. Die Jungs müssten sich jetzt nur noch Erklärvideos im Netz anschauen, und schon können sie mit den Gewehren herumballern, als wären es Spielzeugpistolen.

Minderjährige Mafiabosse

Wenn Nicola die Macht im Viertel übernehmen will, muss er einen der Mafiabosse beseitigen. Als Frau verkleidet schleicht sich Nicola zu ihm. Das Abdrücken fällt ihm leicht - aber als ihm klar wird, dass er gerade einen Menschen getötet hat, fließt eine Träne über seine Wange.

Von diesen Emotionen ist wenig im Film zu sehen. Die Konflikte, in denen sich die Jugendlichen befinden, sind nicht zu spüren. Und auch ihre Beweggründe sowie die Armut und Ausweglosigkeit ihrer Situation sind in diesem vor sich hinplätschernden Film nicht zu erkennen.

Wie im Mittelalter

Die "Paranza" - also die jugendlichen Banden - seien einmalig in der Geschichte des Verbrechens, sagt der Mafia-Experte Roberto Saviano, dessen Roman "Der Clan der Kinder" Vorlage für den Film war, und der auch am Drehbuch mitwirkte. Minderjährige Jungs, die sich zu Köpfen und Chefs von Clans machen lassen, und mit 19 oder 21 Jahren sterben im Glauben, sie hätten viel erlebt - das sei wie im Mittelalter, sagt Saviano. Der Produzent Carlo Degli Esposti drückt es noch drastischer aus: "Das Buch begleitet zum Tod verurteilte Jugendliche".

Doch leider ist auch von dieser Brisanz im Film wenig zu spüren. Das Beste sind die jugendlichen Laiendarsteller, die in ihrer Nachbarschaft die Bandenkriege miterleben - und dennoch Hoffnung ausstrahlen. Hauptdarsteller Francesco di Napoli etwa sagt: In meinem Viertel heißt es: "Wer arbeiten geht, ist dumm!" Aber davon lassen sich die Jugendlichen nicht beirren. Im echten Leben arbeiten sie als Koch oder Friseur.

Fazit: Dem traurigen Schicksal der jugendlichen Clans, die sich mitten in Neapel gegenseitig abschießen, wird dieser langatmige und viel zu glatte Film nicht gerecht. Das Einzige, was überzeugt, sind die neapolitanischen jugendlichen Laiendarsteller. 

Sendung: Berlinale Studio, 12.02.2019, 22:00 Uhr

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