Wagner Moura attends the 'Marighella' Press Conference during the 69th Berlinale International Film Festival Berlin at Grand Hyatt Hotel on February 15, 2019 in Berlin, Germany. (Quelle: Manuel Romano/NurPhoto)
Bild: Romano/NurPhoto

Berlinale-Filmkritik | "Marighella" (Außer Konkurrenz) - "Da geht er hin, der Patriot"

Der Wettbewerb geht früher als geplant mit einem brasilianischen Biopic zu Ende. Wagner Mouras Regiedebüt über den Revolutionär Carlos Marighella ist ein einigermaßen solide gebautes Standard-Helden-Epos, das sich arg in die Länge zieht. Von Fabian Wallmeier

Am Anfang gibt es erst einmal eine Geschichtsstunde: Vor Archivaufnahmen erzählen eingeblendete Texte die Geschichte der brasilianischen Militärdiktatur nach dem Putsch von 1964 - und von ihrem prominentesten Widersacher, dem kommunistischen Abgeordneten und Guerilla-Kämpfer Carlos Marighella.

Ihm setzt der international vor allem als der Drogenschmuggler Pablo Escobar aus der Netflix-Serie "Narcos" bekannte Schauspieler Wagner Moura in seinem Regiedebüt ein Denkmal. Es ist ein weitgehend ungebrochenes Helden-Epos, das sich zäh über seine zweieinhalb Stunden zieht. Denn das Wechselspielprinzip, das Moura über weite Strecken des Films anwendet, ist auf Dauer recht ermüdend: Auf eine rastlose Schießerei oder Verfolgungsjagd folgt eine düstere Mann-schwingt-Reden-Szene und dann wieder eine Action-Szene.

"Ihr tötet einen Brasilianer!"

Einige dieser Action-Szenen sind durchaus rasant. Der Zugüberfall gleich nach der Geschichtsstunde am Anfang mit seinen rastlosen, wackeligen Handkameraaufnahmen zieht den Zuschauer ganz gut in den Film herein. Aber er behält ihn nicht drin. Denn er übererklärt ihm alles, selbst in den Spannungsmomenten. "Wir sind keine Terroristen", brüllt Marighella (Seu Jorge) bei einem Banküberfall die Geiseln an, "wir sind Revolutionäre!"

   

Zweifel und Uneindeutigkeiten sind nicht vorgesehen

Ansagen wie diese hat der Film einige zu viel. Der Held des Films neigt zu hitzigen Monologen und Streitgesprächen, die aber trotz der Bestimmtheit, mit der sie vorgetragen werden, seltsam leblos wirken. Zweifel und Uneindeutigkeiten sind in "Marighella" nicht vorgesehen. Das gilt natürlich auch für die Hauptfigur und ihre Mitstreiter - und erst recht für den großen Antagonisten, den Ermittler Lúcio (Bruno Gagliasso), der die Guerilla-Kämpfer jagt.

Der geht selbstverständlich über viele Leichen und ist in seiner unrasierten Grimmigkeit abgrundtief böse. Moura zeigt brutal, wie er einen Revolutionär in rasender Wut mit Elektroschocks foltert. Als dieser in Todesangst immer wieder "Ihr tötet einen Brasilianer, ihr tötet einen Patrioten" schreit, streckt Lúcio ihn mit einem Schlag nieder und sagt trockener als der trockenste Westernheld: "Da geht er hin, der Patriot".

Der Kampf geht weiter

Natürlich stirbt, so sind nun einmal die historischen Tatsachen, auch der Held des Films. Marighella wurde am 4. November 1969 von der Polizei erschossen. Moura lässt ihn pathetisch im Kugelhagel untergehen, gibt dem Film dann aber am Ende in erprobter Übereindeutigkeit eine positive Wendung: Marighellas Sohn schwimmt, dem Tod des Vaters trotzend, aufs Meer hinaus, eine junge Mitstreiterin Marighellas deckt sich mit Gewehren ein. Der Kampf geht weiter, der Film glücklicherweise nicht.

Eigentlich sollte der Wettbewerb erst am späten Freitagabend zu Ende gehen, mit "Yi Miao Zhong" (One Second) des einstigen Berlinale-Gewinners Zhang Yimou. Doch der Film wurde zurückgezogen - offiziell aus produktionstechnischen Gründen. Dass er nicht gezeigt werden konnte, ist natürlich sehr bedauerlich. Dass die Hauptreihe der Berlinale nun statt mit einem potenziell kontroversen Film aus China mit "Marighella" zu Ende geht, ist andererseits wieder ganz passend - denn dieser außer Konkurrenz gezeigte, völlig unerhebliche Film spiegelt ganz gut das traurige untere Mittelmaß wieder, das den Wettbewerb in diesem Jahr weitgehend bestimmt hat.      

Fazit: "Marighella" ist ein simples Helden-Epos über den gleichnamigen brasilianischen Revolutionär, das sich über zu lange zweieinhalb Stunden streckt. Wagner Mouras Regiedebüt hat einige überzeugende actiongeladene Momente, kann aber in der Summe nicht überzeugen.

Sendung: rbb24, 15.02.2019, 22.00 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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Antwort auf [Beowulf] vom 14.03.2019 um 14:42
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9 Kommentare

  1. 9.

    Der Autor weiß gerade nicht was in Brasilien politisch abgeht und ist nicht informiert. Es ist gerade wie die Weimarer Republik und der Film kam genau richtig. Die rechtsextremen haben in Brasilien geputscht und das Volk mit Fake news verarscht. Mittlerweile wird der Hass auf Homosexuellen und Frauen auch stärker, sowie der Wille bewaffnet rum zu laufen.

  2. 8.

    Vielen Dank Herr Altenburger. Endlich einer, der Ahnung hat.
    Es ist frustrierend festzustellen, wie die deutsche Bevölkerungsmasse naiv und ahnunungslos bzgl. Brasilien sind. Ist es absichtlich oder traut man sich hier nicht, den Mund aufzumachen?
    Auf jeden Fall - Ihr Statement wahrheitsgetreu.

    Grüße aus Stuttgart
    Nilza

  3. 7.

    Endlich jemand der Ahnung hat! Ich stimme ihnen zun Herr Altenburger. Ein biterer Versuch, brasilianische Geschichte zu verfälschen. Wagner Moura gibt offen zu, dass dieser Film "eine Seite" hat... Die heutige Situation im Lande (nach 16jähriger Macht dieser selbst ernannten "Revolutionäre") haben sie ja bereits sehr deutlich beschrieben. Grande abraço nach Rio!

  4. 6.

    ich finde es schade, dass der Kritiker verschweigt, welche Beifallstürme "Marighella" auf der Premiere im Berlinalepalast ausgelöst hat. Auch von den Protesten gegen die gegenwärtige brasilianische Regierung wird nichts gesagt.
    Wer hier keinen politischen Film erkennt und erwartet hatte, sondern einen Actionfilm, ist vielleicht von den Dialogen ermüdet. Die Intention von Wagner Moura war aber gerade, eine Parallele zwischen den 60er Jahren und heute zu ziehen. Und die Konflikte sind eben ähnlich. Soll man gegen die Militärdiktatur, Mord und Folter militanten Widerstand leisten? Wie weit geht der Widerstand? Darf man einen amerikanischen Folterspezialisten vor seinem Sohn erschießen? Einen der Untergrundkämpfer trieb das zur Verzweiflung. Das kostete ihn und zwei weitere Kämpfer das Leben. Der Film zeigt schmerzhaft den Verlust, mit jeder einzelne für den Widerstand bezahlen musste. Und Präsident Bolsonora dankte beim Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff ihrem Folterer.

  5. 5.

    Dieser Film war keinesfalls zu lang und ermüdend. Grausame Taten durch die Politik, die einen ausverkauften Saal so berühren, dass viele Tränen flossen, sind fesselnd und öffnen Augen. Ich finde es schade, dass ein Film, der nicht dem Standard entspricht, ein gesellschaftskritisches Thema anspricht und Menschen daran erinnert, dass Gewalt menschen-gemacht ist, so leichtfertig abgetan wird. Die Reaktionen im Saal der Berlinale war hervorragend. Auch wenn Marighella in Wahrheit ein weißer war... das ändert nichts an der Tatsache, wie gewalttätig diese Zeit war und wie brutal der Widerstand blutig bekämpft wurde.
    Aus meiner Sicht war dies ein absolut brillianter, hervorragender und mitreißender Film. I

  6. 4.

    Marighella ist eine erbärmlicher Seligsprechungsversuch eines Terroristen, der übrigens nicht wie im Film ein Schwarzer aus einer unterdrückten Klasse, sondern ein Weisser der Mittelschicht war. Dieser Film wurde massiv subventioniert von der bisherigen Regierung. Um sich 16 Jahren an der Macht zu halten, kreierte diese für Grossfirmen einen Mechanismus von Steuervergünstigungen für kulturelle Projete. Diese Gelder wurden nur an solche Kulturschaffende kanalisiert, die den Anus der damaligen ultralinken Regierung küssten. Gleichzeitig starben Tausende Brasilianer in den maroden öffentlichen Krankenhäusern, wo es an Medikamenten, Geräten und Aerzten mangelt und hunderte von Brasilianern starben in den Schlammlawinen der VALE do Rio Doce, die ebenfalls an diesem Kulturprogramm teilnimmt. Korruption tötet. Und Wagner Moura, der zwischenzeitlich fernab dieser Killerhospitale und brechenden Dämme im sonnigen Kalifornien lebt, ist ein Komplize der mörderischen Korruption.

  7. 2.

    Wie bitte, welche Kuh wollen Sie denn vom Eis holen? Die Berlinale war doch kein Mittelmaß. Ist Ihnen schon schlecht vor Sattheit? Dann hungern Sie sich mal aus! Also wirklich. Dazu noch typisch deutsch.... Meckern, meckern, meckern...

  8. 1.

    Sorry, wenn dieser Film unerheblich sein soll, dann haben sie nichts vom politischen Kino verstanden. Denn während in Brasilien gerade eine Diktatur entsteht, hat ein Filmemacher fast schon prophetisch eine Lehrstück über die Diktatur gemacht, das zeigt wie schnell sich Unterdrückung und Gewalt Bahn brechen, wenn der Rechtsstaat aufgegeben wird. Den Film als Actionfilm zu sehen, ist dumm und dreist zugleich.

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