Archivbild: Photocall and press conference "Mr.jones" by Agnieszka Holland. (Quelle: dpa/Siewicz)
Audio: Kulturradio | 11.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: dpa/Siewicz

Berlinale-Filmkritik | "Mr. Jones" - Die Wahrheit muss ans Licht

Agnieszka Holland bricht in ihrem Wettbewerbsbeitrag eine Lanze für die reinigende Kraft der Wahrheit. "Mr. Jones" basiert auf den Berichten eines Journalisten über die Hungersnot in der Sowjetunion - und kann durchaus überzeugen. Von Fabian Wallmeier

Welche Verantwortung haben Journalisten? Und was können sie tun, wenn man versucht, sie daran zu hindern, die Wahrheit zu schreiben? Agnieszka Hollands "Mr. Jones" stellt diese wichtigen Fragen vor einem historischen Hintergrund: Gareth Jones, Journalist und Berater des ehemaligen britischen Premierministers David Lloyd George war in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion unterwegs und bekam eine Hungersnot gigantischen Ausmaßes zu sehen, die Stalin unter den Tisch hatte fallen lassen. Hollands Film ist aber kein Biopic, "Mr. Jones" nimmt Motive und Versatzstücke aus Gareth Jones' Leben und setzt sie neu zusammen.

Die Handlung ist fast ausschließlich in Rückblicken erzählt. Er beginnt im Politikbetrieb Londons, zeigt dann etwas zu lang das ausschweifende Leben der in Moskau versammelten Ausländer und findet seinen Höhepunkt im winterlichen Hungerelend der Ukraine. Am Anfang des Films aber sind zunächst mal Tiere zu sehen: Der Film beginnt mit Nahaufnahmen von Schweinen im Stall, später sieht man Jones am Schreibtisch sitzen und seine Erinnerungen aufschreiben. Im Fenster spiegeln sich Tauben, draußen liegt eine rotgescheckte Katze.

Die polnische Altmeisterin Holland hat ein Faible und ein Händchen für Tiere. Das zeigte sie zum Beispiel im wuseligen Öko-Thriller "Die Spur", für den sie auf der Berlinale 2017 überraschend den Alfred-Bauer-Preis gewann. Hier zeigt sie es wieder - aus gutem Grund: Denn George Orwell basierte seine Totalitarismus-Parabel "Animal Farm" auch auf den Berichten von Gareth Jones. Im Film wird aus dem Roman zitiert - da ist es zwar nicht zwingend, aber doch eine freundliche Reminiszenz, wenn die Tiere auch den Film eröffnen dürfen.

Jones weiß, was er gesehen hat

Mehr als eine Stunde des mit 141 Minuten zu langen Films ist vergangen, als er bei seinem eigentlichen Kern angelangt ist: bei der Hungersnot in der Ukraine. Die Dörfer sind dezimiert, immer wieder sieht Jones zugefrorene Leichen am Wegesrand liegen. Ruhelos folgt die Handkamera Jones durch den Alptraum aus Schnee und Kälte, Hunger und Elend. Fast lässt Holland das Elend, das er in der Ukraine sieht, damit wie einen Fiebertraum erscheinen. Doch Jones weiß, was er gesehen hat - und will, dass die Welt es weiß: dass Stalin systematisch Menschen ermordet und verhungern lässt.

      

Er stößt auf Widerstand - massiven internationalen Widerstand. Die Sowjetunion versucht ihn zu erpressen, indem sie sechs britische Ingenieure zu töten droht, wenn er zu Hause negativ über den großen sowjetischen Führer und Volksernährer Stalin berichtet. Auch die internationalen Journalistenkollegen in Moskau halten still - einige von ihnen sind längst abhängig von Stalin. Als Jones in Großbritannien schließlich von der Hungersnot berichtet, schreiben die Zeitungen reihenweise gegen ihn an und bezichtigen ihn der Lüge. Auch aus der Politik kommt Gegenwind - die Handelsbeziehungen zur Sowjetunion sind zu wichtig.

Was im Film historisch korrekt wieder gegeben ist und was nicht, ist nicht entscheidend. Hollands Film ist in seinem Anliegen universell: Die Wahrheit über Unrecht hat eine reinigende Kraft. Sie muss ans Licht, egal wie groß der Widerstand ist. Diese Botschaft propagiert "Mr. Jones" mit eindringlichen Bildern, einem leichten Drall hin zum Historienkitsch - und einer zu heiligenhaften Hauptfigur.

Unbeugsam, rein und gut

James Norton ist als Gareth Jones ein Unbeugsamer, ein reiner Guter, Ambivalenzen sind nicht vorgesehen. Dieser Mr. Jones trinkt nicht, lehnt Drogen und Sex ab, wie penetrant sie ihm auch angeboten werden - und käuflich ist er mit rein gar nichts. Ein bisschen naiv ist er nur am Anfang. Da sagt er Lloyd George und seinen Kollegen ganz klar, aber übereifrig, was er in Deutschland, in Gesprächen mit Hitler und Goebbels erfahren hat: dass Hitler ernst meint, was er sagt. Dass er früher oder später Europa einzunehmen versuchen wird. "Der Krieg hat schon begonnen", sagt Jones mit vollster Überzeugung - und ist vollkommen überrascht, als die feiste, selbstsichere Runde in schallendes Gelächter ausbricht.

Hätte man auf  den Berichterstatter und Journalisten Jones gehört, wäre Hitler dann möglicherweise früher zu stoppen gewesen? Hollands Film legt das nahe, ohne es näher auszuführen. Das wäre nicht nötig gewesen, um die Unkorrumpierbarkeit des Mr. Jones zu verdeutlichen.

Fazit: "Mr. Jones" wirft wichtige Fragen nach der Kraft der Wahrheit und der Verantwortung des Journalismus auf. Die Hauptfigur, die nur gegen Widerstand von der Hungersnot in der Sowjetunion berichten kann, ist aber eine Spur zu heilig geraten.

Sendung: Berlinale Studio, 11.02.2019, 01.15 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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