Schauspielerin Dulamjav Enkhtaivan ("Öndög") zur Pressekonferenz (Quelle: dpa/Romano)
Audio: Kulturradio | 09.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Romano

Berlinale-Filmkritik | "Öndög" - Karge Steppenbilder und eine starke Hauptfigur

Wang Quan'ans "Öndög" spielt in der mongolischen Steppe. Er beginnt wie ein Kriminalfilm, verliert die Leiche aber schnell aus den Augen. Stattdessen widmet er sich seiner starken Protagonistin. Mit ruhiger Hand und etwas zu viel Tiefenanstrengung. Von Fabian Wallmeier

Dämmerung, ein Auto fährt durch die Steppe. Die Scheinwerferkegel rasen über gelb-verdörrtes Steppengras, irgendwann kreuzt das Auto eine Rinderherde, ansonsten ist nur endlose Weite zu sehen. Die Landschaft der mongolischen Steppe prägt "Öndög" von der ersten Sekunde an.

Wang Quan'an hat sie schon einmal zur Protagonistin eines seiner Filme gemacht: in "Tuyas Hochzeit", mit dem er 2006 den Goldenen Bären gewann. Der spielte zwar in der Inneren Mongolei, die zu China gehört, während "Öndög" auf dem Gebiet des mongolischen Staates spielt - aber die karge Weite und die raue Kälte der Landschaft sind in beiden Filmen die Taktgeber.

Eine Leiche, aber kein Kriminalfilm

Das Auto aus der Anfangsszene kommt irgendwann vor einer Frauenleiche zum Stehen, die da irgendwo im Nirgendwo zurückgelassen worden ist. Doch der Auftakt täuscht: "Öndög" beginnt zwar mit einer Leiche, ist aber kein Kriminalfilm. Die Tote ist reines Requisit, ihre Geschichte verliert der Film komplett aus den Augen.

Vielmehr interessiert Wang sich für den jungen Polizisten, der dazu verdonnert wird, in der Nacht über die Leiche zu wachen, damit sie nicht von Wölfen gefressen wird - und noch mehr für die Hirtin, die ihm in dieser Nacht zur Seite steht: Die namenlose Frau, die von vielen in der Gegend "Dinosaurier" genannt wird ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Sie vertreibt für den naiven und unerfahrenen jungen Polizisten die Wölfe, macht ein Feuer, gibt ihm Schnaps, Suppe und Ratschläge - und schläft mit ihm.

Bärenverdächtige Hauptdarstellerin

Die Hirtin, unbedingt bärenverdächtig gespielt von Dulamjav Enkhtaivan, mit stoischer Schärfe und sparsam zum Einsatz gebrachtem Humor, lebt ein einsames Leben nach ganz eigenen Vorstellungen. Statt mit dem Auto zu fahren, reitet sie auf ihrem Kamel - und statt in einem festen Haus wohnt sie noch ganz traditionell in einer Jurte. Ihren Nachbarn ruft sie nur, wenn sie Hilfe braucht. Der hilft gern - und will eigentlich mehr.

Einmal schnallt er sich ein steinernes Ei auf den Gepäckträger seines Motorrads, um es ihr zu schenken. Ein "Öndög" sei das, ein fossiles Dinosaurier-Ei, wie es schon oft in der Mongolei gefunden worden sei. "Such dir einen Mann, sonst denken sie bald, du bist auch ein Öndög - so alt, wie du bist", sagt er - und bietet sich selbst ihr als Mann an, nicht zum ersten und schon gar nicht zum letzten Mal. Sie dagegen bietet ihm charmant, aber bestimmt die Stirn. Wer in der offenbar schon jahrelangen Beziehung der beiden Nachbarn das Sagen hat, ist in jeder Szene klar.

Auch hier, im Thema der weiblichen Selbstbestimmtheit, liegt eine Parallele zu Wangs Erfolg von 2006: Schon in "Tuyas Hochzeit" nimmt die Hauptfigur ihr Leben in die Hand - innerhalb der Möglichkeiten des patriarchalischen Gefüges, in dem sie lebt: Tuya sucht sich einen neuen Mann - aber nur unter der Bedingung, dass der auch für ihren versehrten Ex sorgt, von dem sie sich nur für diesen Plan hat scheiden lassen. Die Hirtin aus "Öndög" ist einen Schritt weiter: Sie verhandelt nicht mal mehr mit den Männern, sondern macht ganz einfach, was sie für richtig hält - mit sprödem Witz und großem Selbstbewusstsein.

Prächtige Totalen, etwas zu viel Existenzialismus

Wang nimmt sich viel Zeit dafür, die Hirtin in ihrem Alltag zu zeigen - und gibt der endlosen Weite der Landschaft den Raum und die Zeit, die sie braucht. "Öndög" ist ein beinahe meditativer Film, der nicht zuletzt von den prächtigen Totalen lebt, die Aymerick Pilarski eingefangen hat. Pilarski ist Wangs neuer Kameramann - nach jahrelanger Zusammenarbeit mit dem Lutz Reitemeier, der 2012 für seine Arbeit in Wangs "White Deer Plain" einen Silbernen Bären gewann. Nachfolger Pilarski schwelgt in Landschaftsansichten - und bleibt meist auf Distanz zu den Protagonisten.

Das bildet an manchen Stellen einen angenehmen Kontrast zu dem, was Wang inhaltlich versucht. Die allumspannende Tiefe, die der Regisseur seinem Film überzustülpen versucht, ist nämlich im Ganzen zu dick aufgetragen: Da wird gestorben und geboren (ein Kalb), geschossen (in die Luft) und Sex gehabt - und dann auch noch ein Bogen geschlagen zur Urzeit der Dinosaurier und ganz grundsätzlich zum Fortbestand irdischen Lebens. Da ist Wang vielleicht die Urwüchsigkeit der mongolischen Steppe etwas zu Kopf gestiegen.

Fazit: Wang Quan'an geht mit einem prächtig fotografierten Film aus der mongolischen Steppe in den Wettbewerb. Der Name der starken Hauptdarstellerin Dulamjav Enkhtaivan könnte in der Jury-Diskussion zur Bären-Vergabe eine ernsthafte Rolle spielen.

Sendung: Berlinale Studio, 08.02.2019, 22.15 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Soweit ich das wahrgenommen habe, kreuzt das Auto nicht eine Rinderherde, wie zu Beginn im Text dargestellt, sondern eine Herde Wildpferde, was ja auch aus dem Dialog hervorgeht. Die Pferde haben wohl ihren Ursprung in der Mongolei, auch das fand Andeutung im Dialog.
    Ansonsten ein ganz langweiliger Film, der mich aber wohl hauptsächlich wegen seiner Bildsprache, gar nicht gelangweilt hat.

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