Archivbild: Die Schauspieler Larissa Corriveau und Robert Naylor mit Regisseur Denis Côté bei der Premiere Des Films Répertoire des villes disparues (Ghost Town Anthology) anlässlich der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin. (Quelle: imago/Boillot)
Audio: Kulturradio | 11.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: imago/Boillot

Berlinale-Filmkritik | "Répertoire des villes disparues" - Wenn die Dörfer Trauer tragen

Der Frankokanadier Denis Côté bezaubert mit seinem elften Spielfilm "Répertoire des villes disparues". Ein Film über die stille Trauer und unterdrückte Ressentiments, die ein Dorf in Aufruhr versetzten, als eines Tages die Toten wieder auferstehen. Von Patrick Wellinski

215 Einwohner hat das kleine frankokanadische Dorf Sainte-Irénée-les-Neiges. Nun ja, eigentlich sind es 216. Aber gleich zu Beginn sehen wir, wie ein Auto einen Unfall hat. Am Steuer sitzt der 21 Jahre alte Simon. Er stirbt. Doch gleich nach dem Unfall in der stillen schneebedeckten Landschaft passiert etwas Seltsames: Kleine Wesen mit seltsamen Totenmasken laufen aus dem Wald und versammeln sich ums Auto.   

Damit setzt Denis Côté ("Vic + Flo haben einen Bären gesehen", "Boris sans Béatrice") in seinem mittlerweile dritten Berlinale Wettbewerbsbeitrag "Répertoires des villes disparues" (Ghost Town Anthology) bereits den Grundton dieser Geschichte, die er dem gleichnamigen Roman der kanadischen Literaturwissenschaftlerin Laurence Olivier entlehnt.

Die Toten erscheinen den Lebenden

Jerry ist nach dem Tod seines Bruders Simon aus der Bahn geworfen. Auch seine Mutter wandelt apathisch durch den Alltag. Die entschlossene Bürgermeisterin versucht, die Gemeinde zu trösten. Doch nach der Trauerfeier muss auch sie einen großen Schluck aus dem Flachmann nehmen.

Ein einsamer Mann, ein labiles Mädchen, ein mäkelndes Ehepaar, ein Mechaniker mit seiner jungen Stadtfreundin, der ein verlassenes Haus renovieren möchte – sie alle wirken entrückt, in Trauer. Häufig stehen die Figuren am Fenster und blicken in die karge Landschaft. Meistens sehen sie nichts, bis dann plötzlich immer mehr Wesen auftauchen. Kinder und Erwachsene, einige tragen Totenmasken andere nicht. Sie stehen einfach nur da und sagen nichts. Auch der tote Simon erscheint seiner Familie.

Das Flackern der Vergänglichkeit

Endlich Film! Endlich das vergängliche Flackern von analogem Material im Berlinale-Palast. Das ist der erste Gedanke während der Sichtung des Werks. Côté und sein Schweizer Kameramann François Messier-Rheault haben auf 16mm gedreht. Das ändert nicht nur die Textur der Bilder, es verleiht dieser traurigen Geistergeschichte etwas sehr haptisches. Licht und Schatten bekommen eine unwirkliche Dimension. Die Gesichter der Dorfbewohner, ihre Diskretion und ihre Reserviertheit erscheinen mysteriöser und doppeldeutiger. Dabei wirken die fantastischen Elemente der Erzählung nie wie Fremdkörper im ansonsten realistischen Setting. Das schafft eine traumwandlerische Durchlässigkeit.

      

Ist Côtés wunderbarer Film jetzt verfilmte Trauerarbeit? Oder doch ein poetischer Kommentar auf eine gewisse Fremdenfeindlichkeit kleiner Gemeinden? Denn der Bürgermeisterin wird nach Simons Tod von außerhalb eine Krisenhilfe angeboten. Es kommt eine Muslima mit Kopftuch. Von Fremden lassen wir uns nichts sagen, faucht die Bürgermeisterin ihr entgegen. Doch dann stehen die Toten vor der Tür und das Dorf sieht sich mit Fremdheit anderer Güte konfrontiert. Allen Bewohnern merkt man an wie sehr sie damit kämpfen, ihre Emotionen zu verwalten.

Eine Meditation über das Aussterben der Dörfer

"Répertoires des villes disparues" ist ein Werk, das weniger über stringente Narration funktioniert, sondern den Fokus stärker auf Momentaufnahmen legt. In seiner poetischen Ruhe mag man sogar eine Meditation über das Aussterben der Dörfer, den Bevölkerungsschwund auf dem Land und der verzehrenden Magie der Großstadt zu erkennen. Dass Côté diese Assoziationen zulässt ohne sie sozialpädagogisch aufzudrängen zeichnet ihn als ernstzunehmenden Geschichtenerzähler und Autorenfilmer aus. Wie wäre es denn mit so einem Film über Brandenburg?

Fazit: Poetisches Autorenkino auf 16mm. In einem Wettbewerb, der dieses Jahr mit den großen Highlights etwas geizt, wirkt " Répertoires des villes disparues" wie ein kleines modernes Wunderwerk. Eine stille und sehr traurige Geistergeschichte aus unserer Gegenwart. Ein intelligentes Requiem auf eine zu Ende gehende Welt. Bärenchancen? Hoch!

Sendung: Radioeins, 11.02.2019, 8:53 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Patrick Wellinski

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