Archivbild: 69. Berlinale: Pressekonferenz, Wettbewerb «Synonymes (Synonyms)», Frankreich, Israel, Deutschland: Nadav Lapid (l), Regisseur, und Tom Mercier, Schauspieler. (Quelle: dpa/Carstensen)
Audio: Kulturradio | 14.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Carstensen

Berlinale-Filmkritik | "Synonymes" - Ist das der Tod?

In Nadav Lapids "Synonymes" ist ein junger Israeli in Paris wild entschlossen, Franzose zu werden. Der Film erhält sich seine Rätsel und funktioniert zeitweise ganz gut als Migrationssatire, zieht sich aber etwas ziellos in die Länge. Von Fabian Wallmeier

 

"Ist das der Tod", fragt Yoav (Tom Mercier), als er im Bett von Émile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) aufwacht. Nein, das ist nicht der Tod - aber knapp war es. Dem jungen Israeli wurden alle seine Sachen gestohlen, als er unter der Dusche stand - und hätte das junge Paar aus der Pariser Nachbarwohnung nicht irgendwann doch auf seine Hilferufe gehört, wäre er in der ungeheizten Wohnung vielleicht erfroren.

Sterben soll auch Yoavs israelische Identität. Er will jetzt Franzose sein, weigert sich Hebräisch zu sprechen und ist wild entschlossen, sein Französisch zu perfektionieren. Wenn er durch die Straßen von Paris eilt, murmelt er Redewendungen und Vokabeln vor sich hin - viele Synonyme sind darunter, woher Nadav Lapids Film auch seinen Titel hat. "Synonymes" häuft aber nicht nur gleichbedeutende Wörter aufeinander, sondern auch einige Rätsel, die teilweise auch Rätsel bleiben. Warum genau Yoav so wild entschlossen ist Franzose zu werden, bleibt trotz einiger Aussagen offen. Irgendetwas hat es mit Geschichten vom Militär zu tun - doch inwiefern die Wirklichkeit sind und inwiefern eben nur Geschichten, wie er sie selbst nennt, sagt er nicht.

"Niemals den Kopf heben"

Yoav zieht in eine karge Wohnung, die Kleider, die Émile ihm geschenkt hat, stopft er in ein Loch in der Wand. Jeden Tag gibt es Nudeln mit Tomatensoße und Chips zum Nachtisch - 1,26 Euro kostet ihn das jeweils, wie er berichtet. Ansonsten hängt er mit Émile und Caroline herum, lernt manisch Französisch, bietet sich als Nackt-Model an, trifft andere Israelis - und kultiviert eine Aura des Rätselhaften um sich herum.

Tom Mercier beim Rätselhaftsein zuzusehen, hat seinen Reiz. Mit großer Ernsthaftigkeit schwingt Yoav Reden, beobachtet, saugt auf, nimmt dankbar sprachliche Korrekturen von Émile und Caroline auf. Nur eines verbietet er sich: "Niemals den Kopf heben", redet er sich immer wieder ein. So bleibt sein Blick gesenkt und hat dadurch bei aller Wachheit immer etwas Linkisches.

      

Integrationskurs-Szenen am stärksten

Der Tonfall, den Lapid mit seinem Film anschlägt, muss sich etwas einpendeln - und bleibt letztlich unentschlossen. Mal ist er zärtlich, mal distanziert, mal krachend satirisch und dann plötzlich wieder rätselhaft. Wie diese Positionen durchmischt sind, gibt dem Film aber keine Kraft, sondern es lähmt den Erzählfluss und mindert die Lust an der Identifikation. Zu viele Motive werden miteinander verwoben: nationale Identität, Krieg, Musik, antike Tragödienstoffe, literarische Autorschaft, Sex, Betrug und vieles mehr. Auch die Kamera findet keine schlüssige Perspektive, ist mal distanzierte Beobachterin, dann in den vielen beweglichen Nahaufnahmen fast Teilnehmerin der Szene.

Am besten ist der Film, wenn Lapid offen satirisch ist. Die Szenen beim Integrationskurs gehören zu den stärksten. Der Hahn sei französisch, weil er stark sei und früh aufstehe, lernen die Schülerinnen und Schüler da. In Frankreich gebe es keine Religion, "weil Gott nicht existiert", leiert die Kursleiterin herunter. Dann spielt sie die Marseillaise ab und lässt dazu die Kursteilnehmer den blutrünstigen Text vorlesen. Ein gefundenes Fressen für Yoav: "Marchons, marchons", brüllt er, während er durch die Stuhlreihen läuft. Wenn es nach ihm ginge, würden sie gleich alle zusammen für Frankreich losmarschieren. Aber ganz so einfach ist das mit der nationalen Identität dann eben doch nicht.

Fazit: Was Nadav Lapid mit seinem Film über einen entwurzelten Israeli in Paris eigentlich will, ist nicht klar. "Synonymes" leidet unter einer großen Ziellosigkeit. Aber Hauptdarsteller Tom Mercier und einige satirische Momente sind sehenswert.

Sendung: Inforadio, 14.02.2018, 6 Uhr

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