Systemsprenger © kineo Film/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer
kineo Film/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer
Video: Abendschau | 08.02.2019 | Petra Gute | Bild: kineo Film/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

Berlinale-Filmkritik | "Systemsprenger" - Von der Gewalt und der Einsamkeit einer Neunjährigen

Die neunjährige Benni neigt zu Gewalt. Ihre Mutter hat schon lange aufgegeben, nun weiß auch die Kinder- und Jugendhilfe nicht mehr weiter. Nora Fingscheidt erzählt im ersten der drei deutschen Wettbewerbsbeiträge das Drama eines einsamen Kindes. Von Kirsten Taylor

Es gibt Kinder, die im Supermarkt quengeln, die immerzu etwas aushecken oder mit Gleichaltrigen im Clinch liegen. Als "schwierig" werden sie bezeichnet. Jeder kennt sie. Und es gibt Kinder wie Benni. Mit ihren neun Jahren ist sie bereits durch sämtliche Institutionen marschiert: Pflegefamilien, Sonderschule, Wohngruppen, Kinderpsychiatrie. Niemand kann sie bändigen, alle sind froh, wenn das blonde Mädchen wieder fort ist.

Denn wenn Benni wütend wird – und das passiert oft und schnell –, wird aus dem zart wirkenden Mädchen eine Naturgewalt. Dann prügelt, tritt, spuckt, brüllt und flucht sie, dass selbst erfahrene Sozialarbeiter sich geschlagen geben und nur noch der Notruf, eine Beruhigungsspritze und der "Time Out"-Raum in der Klinik helfen, wo sie festgezurrt auf einer Liege zur Ruhe gezwungen wird.

Wut im Bauch, Sehnsucht im Herzen

Kinder wie Benni nennt man in der Jugendhilfe "Systemsprenger". Dieses Wort lässt eher an gesellschaftliche Revoluzzer denken, aber ganz gewiss nicht an ein Mädchen, das einem noch nicht mal bis zur Nasenspitze reicht. Warum wird ein Kind so? Kann man ihm helfen, bevor es ganz auf die schiefe Bahn gerät? Das sind Fragen, die sich auch Regisseurin Nora Fingscheidt gestellt hat, die mit ihrem ersten Langspielfilm "Verständnis für Kinder wie Benni" wecken will.

Tatsächlich kommt man der kleinen Hauptfigur sehr nahe, auch wenn das mehr eine Tour de Force als ein Vergnügen ist. Benni, herausragend dargestellt von der zehnjährigen Helena Zengel, hat eine übermächtige Wut im Bauch. Nachts wird sie heimgesucht von Alpträumen und Bildern der Gewalt aus ihrer frühen Kindheit. Zugleich ist sie ein zärtliches und fürsorgliches Mädchen, das Tiere liebt und mit kleinen Kindern umgehen kann.

Dieser Wechsel ihrer Persönlichkeit wird auch durch den Erzählrhythmus des Films mit seinen ruhigen und dann wieder überaus dynamischen Sequenzen verdeutlicht. Wenn sie austickt, färbt sich das Bild rötlich, brennt mit einem Blitzgewitter an Impressionen auch visuell eine Sicherung durch. Ganz bei diesem Mädchen ist man dann und fürchtet um sein Wohl oder das Wohl seiner Mitmenschen. Aber man merkt auch, dass Benni kein böses Kind ist, sondern eines, dessen Leben von ständigen Zurückweisungen geprägt und von einer unermesslichen Sehnsucht erfüllt ist. Sie will zu ihrer Mutter zurück, doch die hat Angst vor ihrer eigenen Tochter.

Filmausschnitt

Systemsprengervon Nora Fingscheidt, mit Helena Zengel; © Peter Hartwig/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer
Peter Hartwig/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

     

Viele Fragen, kaum Antworten

"Systemsprenger" hält sich mit Schuldzuweisungen zurück, auch wenn klar wird, dass in Bennis Fall eben genau dieses System scheitert und viele Faktoren gemeinsam eine Rolle spielen. Vor allem fehlt es Benni an verlässlichen Bezugspersonen. Die wechselnden Sozialarbeiter nennt sie "Erzieher!". Sie sind namenlos bis auf Frau Banafé vom Jugendamt, die sich mit aller Kraft für das Kind stark macht, und eines Tages auch Micha, der Benni als Schulbegleiter zugeteilt wurde. Er nimmt selbst kein Blatt vor den Mund und begreift schnell, dass Benni Ruhe braucht.

Drei Wochen Erlebnispädagogik in einer Waldhütte sollen ihr helfen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Die Rechnung scheint aufzugehen, doch Micha merkt, dass ihm seine professionelle Distanz verloren geht und ihm das Mädchen, das in ihm längst eine Vaterfigur sieht, ans Herz wächst. Was passiert mit Benni, wenn auch er sich zurückzieht?

Es ist eine Stärke des Films, dass er sich auf die Seite des Kindes schlägt, aber zugleich auch die nachvollziehbare Ohnmacht und Hilflosigkeit der Erwachsenen zeigt, die mit ihren Bemühungen an ihre Grenzen geraten. Wie hält man ein Kind, das man nicht fassen kann? Auch Nora Fingscheidt und ihr eindringliches Drama "Systemsprenger" haben darauf keine Antwort.

Fazit: Die Regisseurin präsentiert mit ihrem ersten Langspielfilm ein intensives Drama mit einer Hauptfigur, die einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Als Zuschauer verlässt man nach zwei aufwühlenden Stunden jedoch ratlos den Kinosaal.

Sendung: Berlinale Studio, 08.02.2019, 22:00 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Kirsten Taylor

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ein aufwühlender, extrem gut recherchierter Film mit hervorragenden Darstellern. Absolut bärenwürdig!

  2. 3.

    Man verlässt ratlos den Kinosaal? Das soll die Schwäche des Films sein, neben seinen Stärken (intensives Drama, das lange im Gedächtnis bleibt)? Ich habe das Kino so voller Emotionen verlassen, die ich unmöglich mit einem Wort beschreiben kann. Nur Ratlosigkeit war definitiv nicht darunter. Also bitte nicht „als Zuschauer verlässt man...“ schreiben, als würde es allen Betrachtern des Films gleich gehen.

  3. 2.

    Man verlässt jedoch ratlos den Kinosaal? Als Kritik? Nur weil der Film ein offenes Ende hat?
    Also ich bin froh das man sich bewusst gegen ein Happy End entschieden hat, denn dies ist bei deutschen Filmen dann meist auf Till Schwaiger Niveau gelöst und das hätte diesen Film einfach ruiniert.

  4. 1.

    Als Pflegepapa kenne ich das Jugendhilfesystem selber und durfte selber schon erfahren wie es funktioniert.
    Der Film ging uns absolut unter die Haut und ist ein tolles Werk. Die Situationen und Personen sind extrem realistisch dargestellt und die gefühlte Hilflosigkeit aller Beteiligten ist so echt. Von mir 5 Sterne!

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