07.02.2019, Berlin: 69. Berlinale: Lone Scherfig (M), dänische Regisseurin, spricht während des Photocalls zum Film «The Kindness of Strangers». (Quelle: dpa/Fischer)
Audio: Kulturradio | 08.02.2019 | Anke Sterneborg | Bild: dpa/Fischer

Berlinale-Filmkritik | "The Kindness of Strangers" - Banale Kitschparade eröffnet Berlinale-Wettbewerb

Dieter Kosslicks letzter Berlinale-Wettbewerb startet mit einem harm- und belanglosen Crowd-Pleaser. "The Kindness of Strangers" von Lone Scherfig ist behäbig gemacht und trifft kaum einen glaubwürdigen Ton - hat aber hübsche Darstellerauftritte. Von Fabian Wallmeier

Clara (Zoe Kazan) erwacht in ihrem Bett. Im Hintergrund sieht man schemenhaft einen Mann liegen. Sie schaut noch etwas verloren, ist dann aber gleich auf den Beinen, weckt ihre beiden Söhne und macht sich auf leisen Sohlen mit ihnen aus dem Staub.

Dass sie nach New York fahren, um Urlaub zu machen und mal etwas anders zu sehen als ihre Heimat Buffalo, erzählt sie den beiden - doch die haben die Sache schon längst durchschaut, als Clara endlich sagt, was sie wirklich vorhat: Sie sind auf der Flucht vor ihrem Mann, der seine Kinder schlägt und gegen den sie nichts ausrichten kann, weil er als Polizist am längeren Hebel sitzt.

New York als Schule des Lebens

"New York wird wie eine Schule für euch sein", sagt Clara den Kindern. Lone Scherfig beschränkt diese Schule in ihrem banalen Film "The Kindness of Strangers" auf zwei simple Lektionen. Lektion 1: Das Leben ist hart, wenn du dich alleine und ohne Geld in der großen Stadt durchschlagen musst. Lektion 2: Wenn du dich auf ebenjene "kindness of strangers", die grundsätzliche Güte fremder Menschen, verlässt, wird am Ende alles gut.

Clara und ihre Jungs müssen erst einmal kräftig leiden: Es ist bitterkalter Winter, nirgendwo bekommen sie Unterschlupf, Clara muss stehlen (nur bei reichen Menschen versteht sich, denn "ich stehle niemandem, dem es schadet"), um sie zu ernähren. Aber ganz allein sind sie eben doch nicht: Clara trifft eine Reihe von Menschen, die im Film zunächst einzeln vorgestellt werden und nach und nach zueinander finden: Jeff (Caleb Landry Jones) zum Beispiel, ein herzensguter junger Mann, der kaum etwas kann und seinen Weg im Leben nicht einmal richtig suchen kann.

Und vor allem Marc (Tahar Rahim), ein Koch, der mal im Gefängnis saß, jetzt einen Job in einem russischen Restaurant hat - und sich gleich so blendend mit Clara versteht, dass klar ist, wohin die Reise geht.

Eine Frau von engelhafter Güte

"The Kindness of Strangers" ist ein Ensemblefilm und führt Scherfig damit auch zu ihrem ersten großen internationalen Erfolg zurück, "Italienisch für Anfänger". Damals kreuzten sich die Wege der Protagonisten bei einem Italienischkurs, nun ist eine sogenannte Vergebungsgruppe das Herz des Films, wenn sich diemal auch nicht das gesamte Ensemble dort einfindet. Unter der Leitung von Alice (Andrea Riseborough) treffen sich die Mitglieder in den Räumen einer Kirche, um einander zu erzählen, welche eigenen Fehler sie sich vergeben.

Diese Alice ist von so engelhafter Güte, dass man kaum glauben kann, dass Scherfig die Figur tatsächlich ernst meint - sie arbeitet nicht nur in der Kirche, sondern hat noch einen zweiten Job als Krankenschwester. Und sie engagiert sich nebenbei in einer Suppenküche. Richtig glücklich ist aber auch sie nicht - doch Scherfig beschert ihr ein vollumfängliches Happy End, wie überhaupt jeder Figur, die es ihrer Meinung nach verdient. Auf dem Weg dorthin lullt die Regisseurin ihr Publikum behäbig ein und behauptet große Gefühle am laufenden Band. Es gibt immer wieder Momente, die wohl dazu gedacht sind, zu Tränen zu rühren, die aber im Kitsch versanden - nicht zuletzt weil es so unendlich viele sind.

Harmloser Crowd-Pleaser zu Kosslicks letzter Eröffnung

"The Kindness of Strangers" sorgt immerhin dafür, dass am Eröffnungsabend der Berlinale ein paar einigermaßen gesichtsbekannte Schauspieler auf der Leinwand zu sehen sind. Kazan macht ihre Sache solide, der noch nicht ganz so bekannte Franzose Rahim empfiehlt sich für weitere Hauptrollen als herzensguter Herzensbrecher - und Bill Nighy schlägt in Scherfigs trister Kitschparade wenigstens ein paar kleine Funken: Er spielt, mit gewohnt charmantem Witz und Understatement, Timofey, den Besitzer des Restaurants, der in den USA geboren wurde und nur für die Kundschaft mit russischem Akzent spricht.

Einen so harmlosen Tränendrüsenreizer und Crowd-Pleaser musste man wohl erwarten als Eröffnungsfilm der letzten Berlinale unter der Führung von Dieter Kosslick. Der hat schließlich nie etwas anderes gewollt, als möglichst viele Berlinale-Besucher glücklich zu machen. Doch das hätte auch mit einem weniger schablonenhaften, belanglosen Film als diesem gelingen können.

Fazit: Als menschelnder Eröffnungsfilm mit ein paar einigermaßen bekannten internationalen Schauspielern tut "The Kindness of Strangers" niemandem weh. Von relevantem Kino ist Lone Scherfigs banale Kitschparade aber weit entfernt.

Sendung: Berlinale Studio, 07.02.2019, 22.00 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Was bitte ist denn ein Crowd Pleaser? Können Journalisten nicht mal mehr ihr ureigenstes Handwerkzeug, die deutsche Sprache, beherrschen?

  2. 1.

    Der Film mag kitschig und peinlich sein. Das ist in mehreren Kritiken zu lesen. Aber nich peinlicher ist w. Fallmeiers Anglizismus „CrowPleaser“. Ich habe mich immer etwas lustig gemacht über die französchen Versuche. Die Sprache vor englischen Einflüssen zu wahren. Aber wenn ich „Crowd-Pleaser“ lese, wo z.B Schnulze oder ähnliches angebracht wäre, dann bin ich auch für sorgfältigeren Schutz der deutschen Sprache und für Journalisten, die sich etwa mehr Mühe machen in Deutsch auszudrücken, was man deutsch ausdrücken kann!
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Lang

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