09.02.2019, Berlin: 69. Berlinale: Stellan Skarsgard ist bei der Pressekonferenz zu dem Film «Ut og stjæle hester» (Out Stealing Horses). (Quelle: dpa/Fischer)
Bild: dpa/Fischer

Berlinale-Filmkritik | "Ut og stjæle hester" - Schicksalhafte Verkettungen in bedrohlicher Naturkulisse

Die Begegnung mit einem Bekannten aus der Jugendzeit weckt in Trond Erinnerungen an einen Sommer in seiner Jugend, der sein Leben auf tragische Weise veränderte. Der Film des Norwegers Hans Petter Moland ist rau und berührend. Von Kirsten Liese

 

Jeder bestimme selbst, wenn etwas zu sehr weh tut, meinte einst sein Vater und erntete die Brennesseln, die Trond nicht jäten wollte, mit bloßen Händen. Immer wieder kommt dem inzwischen 67-Jährigen (Stellan Skarsgård) dieser Satz in den Sinn. Einsam und zurückgezogen lebt der Witwer nach dem Unfalltod seiner Frau in einem kleinen Ort im Osten Norwegens. Wie das Jahrtausend neigt sich 1999 scheinbar auch sein Leben dem Ende, dies umso mehr, als er in einer Winternacht unverhofft Lars (Bjørn Floberg), einen Bekannten aus Jugendzeiten, wieder trifft, dessen schicksalhaft mit seiner eigenen verwobene Vergangenheit in ihm schmerzreiche Erinnerungen weckt.

Nach Per Pettersons gleichnamigem preisgekrönten Roman "Ut og stjæle hester" ("Pferde stehlen") erzählt Hans Petter Moland von den Traumata und Verlusten zweier Männer, deren Familienleben im Sommer 1948 aus den Fugen geriet.

Aus Versehen den Bruder erschossen

Dabei bahnte sich der gemeinsame Urlaub mit dem Vater, ohne den Rest der Familie, mitten in der freien Natur für den damals 16-jährigen Trond (eine Entdeckung: Jon Ranes) hoffnungsvoll an. Mit Jon – einem Jungen aus der Nachbarschaft – unternimmt er Ausritte mit wilden Pferden, mit dem geliebten Vater (Tobias Santelmann) verbringt er in einer Holzhütte am Fluss eine unbeschwerte, abenteuerreiche Zeit.

Schneller als erwartet stellt sich jedoch das Unheil in der Nachbarschaft ein. In Abwesenheit seiner Eltern und für einen Moment von seinem älteren Bruder Jon aus dem Auge verloren, erschießt der kleine Lars seinen gleichaltrigen Zwillingsbruder Odd beim Spielen mit dem Gewehr seines Vaters. Wie sich der pubertierende Trond nach dieser Tragödie schwärmerisch in Lars' Mutter (Danica Curcic) verliebt, erzählt der Norweger mit Momenten von verspielter Zärtlichkeit - aber ohne dem Zuschauer eine Atempause zu gönnen. Und es kündigen sich weitere Keulenschläge an: Auf Trond kommen massive Enttäuschungen zu.

Gleichzeitig rau und subtil

Eine gewisse Nähe zum kommerziellen Action-Kino lässt sich über das streckenweise rastlose Tempo der Erzählung nicht übersehen. Moland, der vor allem auch mit dem rabenschwarzen Humor in seiner Komödie "Kraftidioten" Beliebtheit erlangte, schlägt in "Pferde stehlen" aber einen anderen Ton an: Der Film ist gleichzeitig rau und subtil. Die Emotionen und unheilvollen Ereignisse widerspiegeln sich stets in der Natur. So pfeift etwa starker Wind durch alle Ritzen, fegt durch die Gräser und bringt Bäume in bedrohliche Schwingungen. Allein mit den seinen Bildern von einsamen Wäldern, Gebirgs- und Flusslandschaften qualifiziert sich der Film für die Leinwand.

Aber auch der Ton trägt stark zur unheilvollen Stimmung bei. Er lässt nicht nur Schüsse, sondern jedes noch so unspektakuläre Ereignis vom Fällen eines Baumes bis hin zu rastlosem Pferdegalopp bedrohlich erscheinen.

Gestapo-Männer überflüssig

Hier und da mag das stereotyp und klischeereich wirken, aber das verkraftet das spannungsreiche, tiefgründige Drama, das eine große Liebe zu seinen Figuren offenbart.

Mit einer Rückblende in das Jahr 1943 berührt Moland en passant ein bislang noch wenig aufgearbeitetes Kapitel aus den Jahren 1940-45, als Norwegen unter deutscher Besatzung stand. Aber viel über Kollaboration und Widerstand in dieser Zeit ist nicht zu erfahren. Letztlich dient die Episode dramaturgisch nur dazu, die emotionale heimliche Liebesbeziehung zwischen Tronds Vater und Lars' Mutter ans Licht zu bringen, die sich über ihr gemeinsames Engagement im Widerstand näher kamen. So ist dieses Thema ein bisschen verschenkt, die Gestapo-Männer, die nur als Komparsen fungieren, hätte es nicht  gebraucht.

Fazit: Moland bietet gut gemachtes, spannungsreiches Gefühlskino mit kommerziellen Anstrichen aber auch Momenten von Zärtlichkeit.

Sendung: Berlinale Studio, 10.02.2019, 02:20 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Frauke Gust
  • Anke Sterneborg
  • Reiner Veit
  • Knut Elstermann
  • Fabian Wallmeier
  • Anna Wollner

Beitrag von Kirsten Liese

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren