Berlinale 2019 | Varda par Agnès © Cine Tamaris 2018
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Video: Kulturradio | 14.02.2019 | Carsten Beyer | Bild: Cine Tamaris 2018

Berlinale-Filmkritik | "Varda par Agnès" (Außer Konkurrenz) - Künstlerin des Lebens

Agnès Varda und ihr Kino waren schon immer ein Glücksfall für die Kunst des narrativen Erzählens. Als Großmutter der Nouvelle Vague kommentiert sie in dem wunderbaren Selbstporträt "Varda par Agnès" ihr Leben und Werk. Von Patrick Wellinski

Strände waren immer schon ihre Lieblingsorte. An der Nordseeküste ist Agnès Varda aufgewachsen, sie lebte nach dem Zweiten Weltkrieg am Mittelmeer, ihr Ehemann Jacques Demy zeigte ihr die Atlantikküste und zusammen wohnten die beiden in Kalifornien am Pazifik. Beim Blick aufs Meer setzten bei Varda immer Reflektionen über den Zustand der Welt ein, ihre toten Freunde erscheinen ihr. So erzählt sie es in ihrem herrlich-melancholischem Selbstporträt "Varda par Agnès", das auf der Berlinale im Wettbewerb außerhalb der Konkurrenz gezeigt wird.

Varda weiß um die Welt, in der sie lebt

Varda lässt Bilder zu, die man mit der etwas verschrobenen Hippie-Großmutter eher nicht assoziiert: Bilder von Anschlägen, gewalttätigen Protesten, von brennenden Autos und explodierenden Granaten. Man denkt daran, sagt Varda, und dann vergisst man es wieder. Man wird das Gefühl nicht los, dass die französische Regisseurin in all ihren Arbeiten immer auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände ihrer Umwelt fest im Blick hatte und sie reflektiert hat. Sei es in Spielfilmen wie "Cleo von 5 bis 7" oder "Das Glück", aber auch in ihren zahlreichen Dokumentationen und viel beachteten Installationen: Varda weiß um die Welt, in der sie lebt. Das ist eine interessante Erkenntnis des Films und eine, die Teile ihres Werks nochmal neu sehen lässt.

In "Varda par Agnès" sieht man die Regisseurin bei etlichen Vorträgen in Theatern und Kinos sitzen. Einem Publikum erzählt sie und erläutert anhand mehrerer Filmausschnitte, wie ihre Arbeitsprinzipien sind. Sie fasst ihr Credo mit drei Worten zusammen: Inspiration, Kreativität, Teilen. Man würde gerne noch Neugier hinzufügen. Neugier auf Menschen und Orte. Wir sehen dabei Szenen aus den Dreharbeiten ihrer größten und bekanntesten Werke, sie kommentiert ihren Antrieb, ihre Liebe zur Fotografie, ihre Arbeitsweise und ihre Philosophie. Besonders spannend sind dabei Vardas Ausführungen wie sie in den 2000er Jahren anfing, sich vom Film wegzubewegen und immer stärker in die Installationskunst glitt.

    

Nachdenken über das Sterben

Diese sanfte Fahrt durch die Filmgeschichte der Anges Varda könnte manchmal etwas Selbstverliebtes haben, wenn sie nicht immer wieder beiläufig ein Wort fallen lassen würde, das der Leichtigkeit und Zärtlichkeit ihrer Gedanken eine ganz andere Gravität verleihen würde: Tod. Schon ihren großen Durchbruch "Cleo von 5 bis 7" drehte sie, weil die Menschen um sie herum Angst vor dem Krebs bekamen. "Jacquot de Nantes" drehte sie während der langen Krankheit ihres Mannes Jacques Demy, der ein Jahr später starb. Auch "Das Glück" von 1965 entstand aus Vardas Nachdenken über das Sterben und das Angstgefühl, das sie in Mozarts Stücken entdeckt hat.      

Das sind Erkenntnisse, die Varda-Fans schätzen werden, weil sie längst keine Interviews mehr gibt und müde ist, all ihr Schaffen zu kommentieren. Aber wir begreifen: Ihr Werk ist lebensbejahend ohne naiv dem Ende gegenüber zu sein. Kunst ist für sie dazu da, um die Welt etwas schöner zu hinterlassen, als wir sie betreten haben. Wer mag da widersprechen?

Sie geht mit einem unvergesslichen Bild

Fans werden in diesem Film, der sich als kommentierende Werkausgabe der 90 Jahre alten Regisseurin versteht, genau solche kleinen Überraschungen erleben. Alle anderen werden beeindruckt sein von einer Chronistin der Zeitgeschichte, einer sensiblen und hoch intelligenten Künstlern, deren wichtigster Zugriff auf die Welt die Empathie ist. Am Ende sitzt Varda, die Feministin, Künstlerin, Pionierin, Mutter und Großmutter des europäischen Kinos am Strand. Langsam kommen Nebel und Wellen und beginnen ihre Gestalt aufzulösen. Sie geht, wie nur sie es kann: mit einem unvergesslichen Bild.

Agnes Varda erhält auf der Berlinale 2019 die Goldene Kamera. (Bild: dpa/Beata Siewicz)
Agnès Varda erhielt die Goldene KameraBild: dpa/Beata Siewicz

Fazit: Es ist ganz einfach: Die Kunst der Kunst ist die Lebenskunst. Und keine beherrscht sie wie Agnès Varda. Ihr zarter Esprit und ihr unerschütterlicher Optimismus sind schlicht beneidenswert. Möge sie uns ewig erhalten bleiben! "Varda par Agnès" ist ein wunderbares Best-Of kuratiert von der Meisterin selbst.

Sendung: Radioeins, 13.02.2019, 16 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Patrick Wellinski

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