Christian Bale in "Vice – Der zweite Mann" (Quelle: Annapurna Pictures)
Bild: Annapurna Pictures

Berlinale-Filmkritik | "Vice" (Außer Konkurrenz) - Ein Yale-Abbrecher mit Alkoholproblem im Oval Office

Mit acht Nominierungen geht die US-Produktion "Vice" Ende Februar ins Oscar-Rennen. Am Montag lief die Satire mit Christian Bale als US-Vizepräsident Dick Cheney außer Konkurrenz bei der Berlinale. Und brachte echtes Hollywood-Feeling nach Berlin. Von Anna Wollner

Christian Bale hat es wieder getan. Er hat sich für eine Rolle so verändert, dass er kaum wiederzuerkennen ist. Mit Glatze, rasierten Augenbrauen, 20 Kilo mehr auf den Rippen und antrainiertem Stiernacken imitiert er nicht nur Dick Cheney, er verschmilzt mit ihm und nimmt sich in Form und Charakter ganz dem wohl mächtigsten amerikanischen Vizepräsidenten aller Zeiten an. Christian Bale katapultiert sich damit in eine Liga der Schauspielkunst, die in Biopics selten erreicht wird.

Wie konnte der Mann ins Oval Office gelangen?

Dabei setzt "Big Short"-Regisseur Adam McKay den Ton für den Film für diese Biopic-Farce schon in den ersten Minuten. Dick Cheney als Anfang Zwanzigjähriger in Wyoming: ein fauler Arbeiter, der Stromleitungen repariert und der wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet wird, einer, der von seiner ambitionierten Frau die Leviten gelesen bekommt. Ein Schnitt zum 11. September 2001, als Cheney in Bushs Abwesenheit über das Schicksal eines ganzen Landes entscheiden konnte.

Die entscheidende Frage, die McKay in "Vice" unweigerlich stellt: Wie konnte ein Yale-Abbrecher mit Alkoholproblem den Weg ins Oval Office finden?

Stiller aber einflussreicher Strippenzieher

Die Antwort ist nicht einfach, aber sehr unterhaltsam. Cheney, der wohl eher zufällig Republikaner wurde, durchläuft verschiedenste Stationen: Praktikant beim damaligen Kabinettsmitglied Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister, jüngster Stabschef aller Zeiten im Weißen Haus und CEO einer Ölfirma. Dann bekommt er von George W. Bush Jr. den eigentlich symbolischen Job des Vizepräsidenten angeboten und wird von 2001 bis 2009 zum stillen aber einflussreichen Strippenzieher. Denn in der Ära Bush ist er es, der im Hintergrund die Fäden spinnt, Politik macht und dabei lügt wie gedruckt. Egal, ob es um die umstrittenen Anti-Terrormaßnahmen, den  Einmarsch im Irak oder um dubiose Ölgeschäfte geht.

      

Fast genial wahnsinnige Irritationen

Regisseur Adam McKay imitiert in "Vice" das filmische Vorgehen von Dokumentarfilmer Michael Moore - mit vollem Erfolg. Er vereinfacht komplizierte Sachverhalte, weiß dabei aber immer zu unterhalten und spielt fast schon jazzähnlich mit verschiedenen Versatzstücken aus Komödie und Drama.

Nicht nur die ungewohnte Erzählperspektive und das ständige Springen zwischen den Zeit- und Handlungsebenen irriteren, ebenso der Bruch mit der vierten Wand und surreal komische Momente. Irritationen, die in ihrem Wahnsinn fast schon wieder genial sind. Egal ob Shakespeare-Dialoge im Ehebett oder ein Abspann mitten im Film. Cheney mit seiner Heile-Welt-Familie und einer Golden-Retriever-Zucht inklusive Happy End zeigt: McKay macht vor nichts Halt.

Nicht nur Bale als Cheney trumpft groß auf - mit Amy Adams als Cheneys Ehefrau Lynne, Sam Rockwell als George W. Bush Jr. und Steve Carell als Donald Rumsfeld ist der Film bis in die Nebenrollen hinein hochkarätig besetzt. "Vice" ist ein rasanter Film über den Umgang mit Macht. Er ist keine rein politische Analyse, vielmehr ein unterhaltsames und temporeiches Spiel mit Anekdoten, in dem man nicht alles für bare Münze nehmen darf.

Fazit: Adam McKay bleibt seinem Stil aus "The Big Short" treu und erzählt im temporeichen Schnelldurchlauf einen Abriss über die jüngere amerikanische (Vize)-Präsidentengeschichte, bei dem einem das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt.

Sendung: Radioeins, 11.02.2019, 8.00 Uhr

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