Berlinale-Filmkritik | "Berlin Alexanderplatz" - Gut sein und gut leben

Burhan Qurbani hat den monumentalen Roman von Alfred Döblin ins heutige Berlin verlegt: Sein Franz Biberkopf ist schwarz, heißt eigentlich Francis und kommt aus Westafrika. Das Konzept geht auf, filmisch wird aber oft zu dick aufgetragen. Von Carsten Beyer

Über kaum einen Film in diesem Berlinale Wettbewerb wurde bereits im Vorfeld so viel gesprochen wie über "Berlin Alexanderplatz": Es gibt den monumentalen Roman von Alfred Döblin, es gibt eine frühe Verfilmung von Piel Jutzi aus dem Jahr 1931, es gibt ungezählte Theater-Adaptionen und es gibt die legendäre Fernsehfassung, die Rainer Werner Fassbinder Ende der 70er Jahre gemacht hat. Nun hat sich der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani den "Alexanderplatz" noch einmal vorgenommen.

Fünf Kapitel und ein Epilog

Qurbani hat die Geschichte auf fünf Kapitel und einen Epilog verteilt: Sein Franz Biberkopf heißt eigentlich Francis (Welket Bungué) und kommt aus Ghana. Beim Weg über das Mittelmeer hat er seine Frau verloren und hofft nun auf einen Neubeginn in Berlin. Das ist im Grunde der zentrale Clou dieser Neuverfilmung – und daraus folgt dann auch der Blickwinkel, den der Film verfolgt: Wir sehen Francis in seiner Flüchtlingsunterkunft, wie er versucht, ein guter und anständiger Mensch zu sein. Wir sehen, wie er feststellt, dass das gar nicht so einfach ist - ohne Pass und Arbeitserlaubnis. Wie er den Verlockungen der Drogenkriminalität zunächst widersteht, wie er dreimal fällt und immer wieder aufsteht und wie er dabei die unterschiedlichsten Menschen kennenlernt.

Bekannte Charaktere

Die Figuren des Döblin-Romans sind geblieben: Der diabolische Reinhold (Albrecht Schuch), die mysteriöse Eva (Annabelle Mandeng) und der mächtige Gangsterboss Pums  (Joachim Król) – sie alle versuchen, Francis zu beeinflussen. Und natürlich Mieze (Jella Haase), die junge Prostituierte, die sich in ihn verliebt und die seine größte Hoffnung ist, dem kriminellen Umfeld zu entkommen. Aber wer den Roman gelesen hat, der weiß auch: Ein Franz Biberkopf hat eigentlich gar keine Chance. Gut zu sein in einer schlechten Welt, das funktioniert einfach nicht.

Eigentlich habe er einen Film über schwarze Drogendealer in der Hasenheide machen wollen, erzählt Burhan Qurbani auf der Pressekonferenz. Der Park liegt unmittelbar in seiner Nachbarschaft. Doch dann habe er sich gedacht: "Wenn ich einen Film über einen schwarzen Dealer in Neukölln mache, interessiert das kaum jemand. Wenn dieser Drogendealer aber Franz Biberkopf ist, dann müssen die Leute hinschauen."

Geflüchtete Menschen, die zu Kriminellen werden, als das Lumpenproletariat von heute: Diese Auslegung des Romans macht durchaus Sinn, denn, wie es sein Hauptdarsteller in einer Schlüsselszene des Films formuliert: "Gut zu sein, das reicht nicht. Ich will auch gut leben."

Mängel in der Umsetzung

Auch wenn das Konzept des Films aufgeht, in der Umsetzung gibt es einige Mängel. Das fängt mit den Bildern an. In dem Bemühen, sich möglichst weit von Fassbinders Zwanziger-Jahre-Szenerie zu entfernen, hat sich Burhan Qurbani eine Berliner Fantasie-Unterwelt ausgedacht. Doch der ständige Wechsel zwischen der Realität der Dealer im Park und den mondänen Partys der Bosse in einem Nobel-Bordell irritiert. Wenn Reinhold bei einer Kostümparty die schwarzen Dealer als Gorillas und Kindersoldaten verkleidet, während er selbst in der Uniform eines Kolonialoffiziers erscheint, dann ist das entschieden zu dick aufgetragen.

Schnitt und Rhythmus des Films überzeugen, doch die Musik von Dascha Dauenhauer ist viel zu opulent und überdeckt alle Zwischentöne.

Licht und Schatten bei den Schauspielern

Ähnlich gemischt ist die Leistung des Ensembles. Welket Bungué hat eine sehr starke, sehr körperliche Präsenz, die gut zu Franz Biberkopf passt: eine Mischung aus Kraft und Gefühl. Jella Haase dagegen bleibt unauffällig. So wie die meisten Frauen in diesem Film ist sie eher Objekt als handelndes Subjekt.

Die heimliche Hauptrolle aber hat Albrecht Schuch, der den Reinhold als eine Mischung aus Dämon und Demagoge spielt. Er gibt vor, Francis' Freund zu sein und ihm zu helfen, versucht aber eigentlich nur, ihn zu korrumpieren und letztendlich ins Verderben zu stürzen. Wie Albrecht Schuch das spielt, mit schiefgelegtem Kopf und heller Kopfstimme, ist zunächst beeindruckend, auf die Dauer von drei Stunden aber doch ein bisschen dick aufgetragen. Da wäre weniger am Ende mehr gewesen.

Fazit: Die Latte für eine Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz" lag hoch. Burhan Qurbani hat das gewusst und ist trotzdem gesprungen. Dafür gebührt ihm Respekt. Doch seine Neuinterpretation des Romans ist nur zur Hälfte gelungen. Die Idee war gut, das Ergebnis ist es nicht.

Trailer

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Sendung: Inforadio, 26.02.20, 06:25 Uhr

Beitrag von Carsten Beyer

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