Berlinale-Filmkritik | "First Cow" - "Dem Menschen die Freundschaft"

Kelly Reichardts "First Cow" erzählt liebevoll von zwei außergewöhnlichen Freunden im amerikanischen Westen des frühen 19. Jahrhunderts. Doch im letzten Drittel übertreibt der Film etwas mit der Comedy. Von Fabian Wallmeier

Dicht nebeneinander liegen sie da im Erdreich, die Köpfe etwas erhöht und gen Himmel gerichtet: Zwei Skelette hat der Hund einer Frau in der Nähe eines großen Flusses im feuchten Untergrund gewittert. Ein schwerer Metall-Dampfer, der sich von links nach rechts durchs Bild und den Fluss empor schiebt, hat zuvor markiert, dass die Szene ungefähr in der Gegenwart spielt. Ein filigranerer Holzdampfer macht nun einen Zeitsprung klar: dass die Vorgeschichte dieses Skelettfundes in der Vergangenheit spielt.

Es ist die Zeit der Gold- und Pelzjäger, die sich im frühen 19. Jahrhundert ihren Weg durch den amerikanischen Westen bahnen. Kelly Reichardts Film "First Cow" macht schnell klar, wer die beiden Menschen sind, die da später in ewiger Eintracht im Untergrund landen werden: der junge Koch Otis (John Magaro), genannt Cookie, aus Maryland, und das chinesische Geschäftstalent King-Lu (Orion Lee). Sie treffen sich eines Nachts im Wald am Fluss, wo King-Lu sich auf der Flucht versteckt - und letztlich enden sie auch wieder zusammen im Wald am Fluss.

Die Welt ist eine Backstube

"Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen die Freundschaft": Das Zitat von William Blake, das dem Film vorangestellt ist, fasst seine Essenz tatsächlich treffend zusammen. Die zwei Außenseiter sind ein anrührendes odd couple, zwei unwahrscheinliche Freunde, die sich gegen den Rest der Welt aufmachen.

Dabei unterscheidet sich der Begriff der Welt, den die beiden haben, erheblich voneinander. Der schweigsame Cookie kennt nur die paar Ecken Amerikas, in die es ihn verschlagen hat - weniger durch selbstbewusste Entscheidungen, sondern vielmehr weil es da irgend jemandem gab, dem er sich angeschlossen hat. Doch in erster Linie sind seine Welt die Küche und vor allem die Backstube. King-Lu dagegen redet gern und viel, ist viel herumgekommen in der Welt, von China über Afrika bis nach Amerika. Er redet ständig von Geschäftsideen, von neuen Möglichkeiten. Was er am amerikanischen Westen so liebt: Dort sei alles neu, noch nichts sei erschlossen. Warum sein Englisch so perfekt ist - und ob all das, was er erzählt (sein Name inklusive), tatsächlich stimmt, lässt Reichardt offen - und das ist auch gut so.

King-Lus Geschäftssinn und Cookies Liebe zum Backen finden zusammen, als Cookie eine Kuh sieht, von der schon früher die Rede war: Es ist die erste in der Gegend, der Chef der englischen Siedler (Toby Jones) braucht Milch in seinem Tee. Nachts schleichen sie sich an die Kuh heran, King-Lu hält Wache, während Cookie der Kuh liebevoll zuspricht und sie melkt. Mit der Milich gelingt Cookie ein Teig für Krapfen, die zum Verkaufsschlager unter den Siedlern werden.

Unnötiger Comedy-Exkurs

Liebevolle Betrachtungen von besonderen Freundschaften haben schon frühere und klar bessere Filme von Kelly Reichardt ausgezeichnet: in "Wendy and Lucy" waren es eine Frau und ihr Hund, in "Old Joy" zwei alte Schulfreunde, die sich auseinandergelebt haben. Neu an "First Cow" ist vor allem die Tonlage, die der Film im letzten Drittel anschlägt. Da kippt er immer stärker in Richtung milder Comedy. Das liegt vor allem an der überzeichnet dummschwätzenden Figur des Siedler-Chefs, der wortreich von Cookies Backwaren schwärmt  - und sich darüber wundert, warum seine Kuh so wenig Milch gibt. Daraus entspinnen sich einige Szenen, die zu sehr auf Kalauer aus sind und Cookie und King-Lu für einige Zeit austauschbar erscheinen lassen.

In den letzten Szenen findet der Film dann aber doch wieder zu sich selbst und zu seinem Rhythmus zurück. Und wenn die beiden dann am Ende so daliegen und man weiß, dass jetzt kommt, was kommen muss, hat man die beiden wieder ins Herz geschlossen.

Fazit: "First Cow" ist sicher nicht Kelly Reichardts bester Film, aber eine liebenswerte Geschichte über zwei ungleiche Freunde. Auch das unnötige Abdriften in die Comedy wird am Ende wieder wettgemacht.

Trailer

Sendung: Abendschau, 22.02.2020, 19.30 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Eine dämliche Kritik. Wo bitte driftet der Film in Comedy ab? Ich finde er bleibt sich treu bis zum Schluss. Eine liebevolle Betrachtung der Menschen und ihrer ihnen innewohnenden Eigenheiten.
    Ich kenne keinen anderen Film von Kelly Reichard, aber wenn die noch besser sein sollen, wow!

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