Berlinale-Filmkritik | "Volevo nascondermi" - Den Teufel aus den Schläfen gerieben

Der zweite Film des Wettbewerbs ist ein deutlicher Fehlgriff. Giorgio Dirittis verkitschte Außenseiter-Künstlerbiographie ist voller Klischees - und wird sich den Vorwurf des Cripping up gefallen lassen müssen. Von Fabian Wallmeier

Antonio (Elio Germano) liebt die Tiere. Der in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fallende Mann (stierer Blick, Überbiss, verlangsamte Bewegungen, schleppende Sprechweise) schmiegt sich an Pferde und Hunde. Er starrt ganz genau auf die Bewegungen von Hühnern und Puten, selbst eine Küchenschabe verfolgt er freudig glucksend durch die Küche. Aber er liebt die Tiere nicht nur, weil er sie anschauen kann, sondern auch, weil sie sein Zeichentalent wecken, das er nun auf seine Weise anfeuert: Gackernd steht er vor der Leinwand, läuft mit den Armen schlagend auf und ab und malt das Geflügel.

"Volevo nascondermi" erzählt die Lebensgeschichte des Malers Antonio Ligabue - "frei inspiriert" vom Leben des gleichnamigen realen Künstlers, wie es im Abspann heißt. Man darf davon ausgehen, dass dem mir bisher unbekannten wahren Künstler mit diesem Film kein großer Gefallen getan wird.

Es wird nicht besser

Regisseur Giorgio Diritti beginnt mit einem noch recht rasanten Rückblick auf die Etappen von Antonios Jugend: Der Sohn einer Italienerin wird von einem Schweizer Bauernpaar aufgezogen - doch er ist immer schon anders als die anderen. Gewalttätig, wütend, unfähig, sich angemessen zu artikulieren. Wenn es zu viel wird, reibt ihm die Mutter liebevoll die Schläfen, um "den Teufel herauszuholen".

Doch es wird nicht besser. Aus dem noch niedlichen Jungen wird ein entstellter Jugendlicher, der schließlich nach einem Gewaltausbruch nach Italien abgeschoben wird, ohne ein Wort Italienisch zu verstehen. Dort wird der mittlerweile Erwachsene ausgestoßen, haust in einer Hütte im Wald - und wird schließlich von einem Maler aufgegriffen. In dessen Haus zeigt sich zufällig Antonios Zeichentalent. Mit Tierzeichnungen beginnt sein Ausweg aus der Sprachlosigkeit. Erst aber schnüffelt er einfach nur an den Farben. "Schööön", grummelt er. Jaja, schön.

"Ich bin ein Künstler", wütet der ewige Außenseiter immer wieder, wenn man ihm vorwirft, seine Bilder seien zu nett, zu bunt oder es stimme da technisch etwas nicht. Doch er hält an seiner Kunst fest. Den Kopf einer Löwenstatue trägt er sogar zu Fuß zu einem Wettbewerb, als der Lieferwagen liegenbleibt. Das gibt Diritti dann wenigstens die Gelegenheit, ein paar schöne Landschaftsaufnahmen zu zeigen.

Grunzen, Stöhnen, Hinken für die Kunst

Irgendwann wird Antonio sogar eine Berühmtheit, seine Bilder werden in Rom ausgestellt. Doch die hochtrabenden Dinge, die bei der Eröffnung über seine Kunst gesagt werden, scheinen bei ihm gar nicht anzukommen. So naiv wie Ligabues Kunstverständnis im Film gezeichnet wird, ist auch "Volevo nascondermi" insgesamt. Diritti arbeitet mit simplen Schablonen: Antonio ist der verkannte Außenseiter, der irgendwie Behinderte, in dem aber die wahre, reine Kunst schlummert.

Cripping up heißt es, wenn ein selbst nicht betroffener Schauspieler effekthascherisch und, so der Vorwurf, auf Darstellerpreise schielend, einen körperlich oder geistig beeinträchtigten Menschen spielt. Dustin Hoffmans Darstellung eines Autisten in "Rain Man" und Daniel Day-Lewis als fast vollständig gelähmter Maler in "Mein linker Fuß" sind zwei bekannte Beispiele dafür. Auch Elio Germanos Darstellung von Antonio in "Volevo nascondermi" reiht sich da ein. Für seine exaltierte Verkitschung der Figur, für all das überzogene Stöhnen, Grunzen und glöcknervonnotredamehafte Hinken wird er sich den Vorwurf des Cripping up gefallen lassen müssen.

Dann fliegt die Seele zum Fenster hinaus

Auch motivisch und dramaturgisch hat der Film seine Mängel. Der Film beginnt mit dem Blick auf Antonios Auge. Er hat sich im Sanatorium, in dem er behandelt werden soll, in ein schwarzes Tuch gehüllt und schaut nun nur vorsichtig mit dem Auge heraus. In Rückblicken auf seine Kindheit ist zu sehen, wie er in Stresssituationen durch einen Trichter atmet, wohl um die Welt, die ihn umgibt auf eine gangbare Größe zu verkleinern. Doch im weiteren Verlauf taucht dieses doppelte Trichtermotiv nicht mehr auf.

Ganz am Ende, als Antonio - von den Frauen verschmäht, dafür stolzer Besitzer von zwölf Motorrädern und drei Autos - an einem Schlaganfall zugrunde geht, kehrt die Kindheit noch einmal kurz zurück. Anschließend fliegt seine Seele allen Ernstes zum Fenster hinaus - und der Film ist endlich vorbei.

Fazit: "Volevo nascondermi" beginnt recht rasant, wird dann aber immer kitschiger und klischeehafter. Die Künstlerbiographie stilisiert einen geistig und körperlich eingeschränkten Mann zum puren, reinen Künstler. Regisseur Giorgio Diritti und Hauptdarsteller Elio Germano mögen bitte ohne Bären zurück nach Italien fahren!  

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Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Diese Kritik hat mich jetzt total neugierig gemacht. Ich liebe so spinnerte überzogene Filme. Musste grinsen, mein italienischer Kumpel würde die Story genau so erzählen.
    Hoffe, er kommt bei uns ins Kino.
    Vermutlich bekommt er den Bärenaufbinder-Bären :-)

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