Berlinale-Filmkritik | "DAU. Natasha" - Warum ich zu diesem Film keine Kritik geschrieben habe

"DAU. Natasha" ist in einem umstrittenen Mammut-Kunstprojekt entstanden. Vorwürfe gegen den Regisseur machen die Runde - und lassen Fabian Wallmeier diesen Film durch einen Filter sehen, der ihm eine normale Filmkritik unmöglich erscheinen lässt.

Dieser Text ist keine Filmkritik. Er enthält zwar Passagen, in denen ich mich kritisch mit Filmszenen beschäftige, aber er ist keine Filmkritik. Denn Ilya Khrzhanovskiys "DAU. Natasha" ist kein Film wie jeder andere.

Zum einen ist er unter den einzigartigen Umständen eines gigantischen Kunst- und Filmprojekts entstanden, von dem er nur schwer losgelöst betrachtet werden kann. Und zum anderen stehen gegen den Regisseur Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Raum.

Drei Jahre wie unter Stalin

Für das Projekt "DAU" ließ der Russe Khrzhanovskiy, finanziert von einem Oligarchen und mit internationaler Unterstützung, unter anderem vom Medienboard Berlin-Brandenburg, in der Ukraine eine sowjetische Stadt errichten. Drei Jahre lang lebte das Film-Team, darunter auch Rainer Werner Fassbinders Kameramann Jürgen Jürges, dort wie zur Stalin-Zeit - in Gemeinschaftswohnungen aus der Zeit, mit den technischen Mitteln der Zeit, sogar in den Kleidern der Zeit.

Laiendarsteller wurden gecastet, sie spielten dort keine Figuren, sondern lebten dort als sie selbst, in an die Stalin-Zeit angepassten Versionen - so auch Natalia Berezhnaya und Olga Shkabarnya aus "DAU. Natasha".

Wissenschaftler zogen dort ein (ursprünglich war nur ein Film über den Physik-Nobelpreisträger Lew Landau geplant), auch die Performance-Künstlerin Marina Abramović und der Musiker Brian Eno und viele weitere Künstler waren beteiligt. 700 Stunden Filmmaterial nahm Jürges auf - aber es gab auch immer wieder Monate, in denen nichts gefilmt wurde, sondern im "DAU"-Set einfach nur gelebt wurde - im Kosmos der dafür wiederauferstandenen Stalin-Zeit.

"DAU" nun doch noch in Berlin

Aufbauend auf diese drei Jahren, wollte Ilya Khrzhanovskiy im Oktober 2018 in Berlin einen Stadtteil mit wiederaufgebauter Mauer errichten, mit Visen als Eintrittskarten sollte man dort Filme aus dem Projekt ansehen können, vor allem aber in eine Welt eintreten, die das Leben unter einem totalitären Regime erfahrbar machen sollte.

Das von Künstlern wie Tom Tykwer und Lars Eidinger unterstützte, von den Berliner Festspielen mitveranstaltete und auch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) befürwortete Projekt scheiterte kurzfristig - weil die Behörden aus Sicherheitsgründen die Zusage verweigerten. In Paris dagegen ging das Projekt im Januar 2019 an den Start.

Nun also ist "DAU" doch noch nach Berlin gekommen - wenn auch nicht als Event, sondern nur in Filmform. Doch während die Berlinale schon in vollem Gange war, veröffentlichte die "taz" vor einigen Tagen eine erschütternde, umfangreiche Zusammenfassung von Vorwürfen im Zusammenhang mit dem "DAU"-Projekt und den dabei entstandenen Filmen.

Von Machtmissbrauch ist da die Rede, vor allem gegen Frauen. Von Gesprächen, in denen der Regisseur intimste Fragen stellte. Von einer mutmaßlichen Vergewaltigung am Set. Unter Bezugnahme auf russische Medien berichtet die "taz" "von etwas, was Sklaverei ähnelt, auch von 'Kult' und 'Sekte'".

Verhör-Sequenz nur schwer zu ertragen

Kritik gibt es auch an Khrzhanovskiys Casting-Entscheidungen. Neonazis ließ er von echten russischen Neonazis spielen. Und in "DAU. Natasha" wird ein KGB-Offizier, der die Hauptfigur verhört, von einem echten KGB-Offizier gespielt.

Mit all dem im Hinterkopf sieht man "DAU. Natasha" durch einen Filter, der eine neutrale kritische Beobachtung nahezu unmöglich macht. Die Verhör-Sequenz ist die wahrscheinlich am schwersten zu ertragende, die in einem Berlinale-Film in diesem Jahr zu sehen ist. Natasha (Natalia Berezhnaya), die in einem geheimen sowjetischen Forschungsinstitut die Kantine betreibt, hat (im Film sehr echt aussehenden und, nach allem, was über "DAU" bekannt ist, vermutlich tatsächlich echten) Sex mit einem französischen Wissenschaftler gehabt und wird nun von KGB-Offizier Vladimir Azhippo verhört. Erst rückt er ihr nur verbal zu Leibe, später schlägt er sie, zwingt sie, sich eine leere Flasche in die Vagina zu schieben. Eine gefühlte Ewigkeit geht das so. Ich bin wirklich überdurchschnittlich hart im Nehmen, was Darstellungen von Gewalt und Folter im Film angeht, auch an langen Festivaltagen. Aber "DAU. Natasha" habe ich mit zitternden Knien verlassen.

Auch der Rest des knapp zweieinhalbstündigen Films ist kein Vergnügen. Neben der Folter- und der Sexsequenz besteht er vor allem aus langen Szenen mit Natasha und Olya (Olga Shkabarnya), ihrer Mitarbeiterin in der Kantine. Die beiden saufen nach Feierabend bis kurz vor die Bewusstlosigkeit und streiten sich bis aufs Mark, mit Haareziehen und Treten. "Worauf trinken wir", fragt Olya einmal. "Auf unsere gegenseitige Abneigung", antwortet Natasha. "Das ist gut", sagt Olya - und setzt zu einem nervenzehrenden, schrillen, irren Lachen an, das minutenlang wieder und wieder zu hören ist.

Doch was diese filmische Tortur eigentlich sagen will, außer dass Khrzhanovskiy gut quälen kann, bleibt offen. Vielleicht erschließt es sich im Zusammenhang mit dem Sechsstünder "DAU. Generation", der in der Sektion Berlinale Special gezeigt wird. Oder mit den weiteren acht bereits vollendeten "DAU"-Filmen, die teilweise in Russland wegen des Verdachts auf Pornographie-Propaganda verboten sind.

Bizarre Pressekonferenz

Auf der Pressekonferenz am Mittwochnachmittag wurde Khrzhanovskiy mit den Vorwürfen konfrontiert. Es war eine bizarre Veranstaltung, denn was er zu sagen hatte, klang sowohl in der deutschen als auch in der englischen Simultanübersetzung seltsam wirr und vage. Er wies die Missbrauchsvorwürfe zurück, warf den Menschen, die sie anonym erhoben hatten vor, dabei "auch eine sowjetische Art" an den Tag zu legen. Über die Entstehung der Filme gab er zu Protokoll: "Alle Gefühle sind real, aber die Umstände sind nicht real, in denen diese Gefühle entstanden sind." Natalia Berezhnaya, sagte er weiter, habe "wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang für diese Rolle geprobt". Auch die Antworten der Darstellerinnen selbst blieben vage. "Es gab kein Drehbuch", sagte Berezhnaya. "Es war unser Leben."

Besonders auffällig dabei: Auch wenn er gar nicht selbst gefragt worden war, hatte Khrzhanovskiy immer noch eine Ergänzung. Kameramann Jürgen Jürges sagte kein Wort - und Jekaterina Oertel, die als Maskenbildnerin und Co-Regisseurin geführt wird, sagte auf die Frage, wie sie denn nun die Regie-Arbeit an dem Projekt bewerte und beschreibe, nur knapp: Dazu könne sie noch nichts sagen, erst nach den nächsten Filmen, die mit Khrzhanovskiy noch entstünden.

Kein Film wie die anderen Wettbewerbsfilme

Was also fängt man mit dieser Gemengelage an - und das im engen zeitlichen Rahmen eines Filmfestivals? Ganz einfach das Kunstwerk vom Künstler und den Umständen seiner Entstehung abstrahieren und eine Filmkritik schreiben? Nein, denn damit würde ich so tun, als stünde "DAU. Natasha" auf einer Stufe mit den anderen Wettbewerbsbeiträgen. Das tut er nicht, denn zu viel Ungeklärtes auf anderen Ebenen als dem rein Filmischen verbindet sich mit ihm.

Über "DAU. Natasha" jetzt ein klassisches filmjournalistisches Urteil zu fällen, erscheint mir unmöglich. Deshalb schreibe ich hier ausnahmsweise auch in "Ich"-Form. Deshalb habe ich im Kritikerspiegel 0 Sterne vergeben. Und deshalb ist dieser Text keine Filmkritik.

Fazit: "DAU. Natasha" ist kein Film wie jeder andere. Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur und ein undurchschaubares Gesamtgefüge bei der Entstehung im Rahmen einer gigantischen, dreijährigen Kunst-Aktion, sprengen den Rahmen der Möglichkeiten einer Festival-Filmkritik.

Trailer

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Anke Sterneborg
  • Jakob Bauer
  • Anna Wollner
  • Fabian Wallmeier
  • Frauke Gust

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Das Beste, was ich bis jetzt über den Film gelesen habe. Danke für diesen fundierten, reflektierten und kritischen Text.

  2. 3.

    Ich finde diese Art von Berichterstattung enttäuschend und unqualifiziert. Selbstverständlich kann man über diesen Film als Wettbewerbsbeitrag eine Rezension schreiben. Und ich denke auch, dass er einiges zu sagen hat, über die psychologischen Dimensionen des Stalinismus. Zum Beispiel, wie die systemische Gewalt die Subjektivität von Frauen wie Natasha zerstört. Zwischen den beiden entsteht nicht umsonst eine Art Mutter-Tochter-Dynamik. Was passiert wohl, wenn Frauen wie Natasha die Gewalt, die sie durch das System erfahren, an die nächste Generation weitergeben? Was macht Folter aus den Menschen? Die Szene war hart, aber die Realität politischer Folter ist leider noch weitaus schlimmer und sie geschieht immernoch, jeden Tag. DAU. Natasha ist ein wichtiger Film, weil er die Folgen psychischer Zerstörung im Totalitarismus zeigt. Und das betrifft nicht nur die Sowjetunion.

  3. 2.


    Die Hauptdarstellerin soll eine mittellose ukrainische Marktfrau sein, die unter Depressionen leidet. Das waren wohl auch die ausschlaggebenden Auswahlkriterien.
    Es ist erschreckend welche Projekte vom Medienboard finanziert werden!
    Man stelle sich mal vor das würde man in Deutschland so machen. Einfach irgendwo depressive Harz4 Empfänger casten, von der Außenwelt isolieren, die sich dann alkoholisiert vor der Kamera ausgiebig entwürdigen und foltern lassen und der Presse danach erzählen, alles wäre Selbstbestimmung gewesen! alles natürlich unter dem Deckmantel Kunst...

  4. 1.

    Es ist gut, dass kein Skandal gemacht wird aus diesem aus ästhetischer, drehbuchtechnischer (gab keins) und vor allem menschlicher Hinsicht überholten und merkwürdigen Werk, das eigentlich nichts anderes ist, als ein schlecht abgefilmtes Big-Brother-Containerchen im Kino-Format.
    Wir betrachten da also fast zwei-einhalb Stunden lang nichts Anderes als improvisierende Laien in einem dramaturgisch geflickschusterten Werk: Beim Streiten, Saufen, Raufen, Haareziehen, Finger verdrehen (ich spreche hier davon, dass sich die Darstellerinnen wirklich weh tun, und eine ab da mit Verband rumläuft!), beim echten Sex, echten Kotzen und beim gefoltert werden. Die Motivationen der Figuren bleiben im Dunkeln, was das Zusehen sehr anstrengend macht.
    All das ohne eine Überhöhung, oder eine Übersetzung fürs Kino. Die gesellschaftliche Relevanz für die Jetzt-Zeit bleibt im Dunkeln, das ist Ärgerlich, weil man sich dafür einiges im Artikel Abartigkeiten reinziehen muss. Großes Kino ist was anderes.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Gewinnerin des Silbernen Bären als beste Darstellerin Paula Beer am 29.02.2020 bei der 70. Berlinale. (Quelle: dpa/Juergen Biniasch)
dpa/Juergen Biniasch

Berlinale 2020 | Kommentar - Die Richtung stimmt

Der Berlinale-Wettbewerb war lange nicht mehr so stark wie in diesem Jahr. Auch die von neue Sektion Encounters konnte überzeugen. Also alles gut unter der neuen Leitung? Fast, denn es gibt auch eine empörende Jury-Entscheidung. Von Fabian Wallmeier